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Kann mit Inhalten punkten, aber nicht unbedingt mit Lockerheit: Thorsten Schäfer-Gümbel.

Landtagswahl Hessen

Mehr Konzepte als Charisma

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SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel nimmt den dritten Anlauf, Ministerpräsident zu werden.

Die Rentnerin mit dem blonden Kurzhaarschnitt lässt sich die Gulaschsuppe schmecken. Sie sei ja „eigentlich eher der CDU zugeneigt“, erzählt sie am Stehtisch auf dem Aliceplatz in Offenbach. Aber SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel hat sie überzeugt, jener Mann, der ihr Suppe aufgetan hat. „Dass er hier rauskommt, das finde ich ganz toll“, freut sich die Frau, die in der örtlichen Seniorenhilfe engagiert ist. Schäfer-Gümbel könne auf ihre Stimme hoffen: „Ich bin am Umschwenken.“

Seit Wochen tourt der hessische SPD-Vorsitzende durchs Land, um Menschen wie die Offenbacher Rentnerin persönlich zu erreichen. Während Ministerpräsident Volker Bouffier etliche Auftritte lieber seinen Ministern oder Abgeordneten überließ, zeigte Schäfer-Gümbel Flagge bei Pendlern an Bahnhöfen, bei Diskussionen in Schulen, bei verunsicherten Mietern, bei der Wasserhäuschen-Tour durch Frankfurt. 

Es ist der dritte Versuch des Politologen aus dem mittelhessischen Lich, Ministerpräsident in Hessen zu werden oder wenigstens die SPD nach 19 Jahren wieder in die Regierung in Wiesbaden zu führen. Wahrscheinlich ist es auch sein letzter. Schäfer-Gümbel tut alles dafür, dass diesmal gelingt, was ihm 2009 deutlich und 2013 nur knapp missglückte. „Man lernt ja auch aus Niederlagen“, sagt der Sozialdemokrat. 

Sein Engagement dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die hessische SPD weit über den Werten der Bundes-SPD rangiert. Doch so schwach, wie die Sozialdemokraten bundesweit dastehen, könnte selbst das nicht reichen. 

In einer Umfrage lagen sogar die Grünen vor der SPD. Damit erscheint möglich, dass eine Mehrheit von SPD, Grünen und Linken nicht Schäfer-Gümbel ins Ministerpräsidentenamt bringen würde, sondern den grünen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Als der SPD-Spitzenkandidat in der vorigen Woche von Journalisten gefragt wurde, ob er auch als Vize unter Al-Wazir in eine Regierung eintreten würde, klopfte der Grüne dem neben ihm sitzenden Sozialdemokraten freundschaftlich auf den Rücken, nach dem Motto: Jetzt bleibt dir nicht einmal diese Frage erspart. 

Seit zwei Jahren hat sich Schäfer-Gümbel intensiv auf diese Landtagswahl vorbereitet. Seinerzeit hat er sich mit seinen engsten Mitarbeitern entschieden, die schwarz-grüne Landesregierung bei den Themen anzugreifen, bei denen die Menschen in Hessen am unzufriedensten sind: Bildung, Mobilität und Wohnen, intern abgekürzt als BMW. 

„Inhaltlich stark ist mein Mann immer“, sagt Schäfer-Gümbels Ehefrau Annette. „Das ist nicht sein Problem.“ Tatsächlich fehlen dem Spitzenkandidaten eher Charisma und Lockerheit. Er ist ein Mann für Konzepte. 

Seine BMW-Positionen hat Schäfer-Gümbel in einem „Hessenplan plus“ aufgeschrieben. Bewusst lehnt sich der 49-Jährige an die Hessenpläne an, mit denen der frühere SPD-Ministerpräsident Georg August Zinn von 1950 bis 1969 das Land prägte. Es war die Zeit, als das Wort vom „roten Hessen“ entstand, als Gegenentwurf zum tiefschwarzen Geist von Bonn. Einen Ausspruch von Zinn hat Schäfer-Gümbel zu seinem Leitsatz erkoren: „Demokratie ist nicht nur eine Staatsform. Sie ist eine Lebenshaltung.“

Vater und Großvater waren schon Sozialdemokraten

Der junge Thorsten Schäfer hat darüber zu Hause viel diskutiert. Sein Vater und sein Großvater waren Sozialdemokraten, Helmut-Schmidt-Unterstützer der eine, Willy-Brandt-Anhänger der andere. Die sozialdemokratische Bildungspolitik war es, die Schäfer-Gümbel ermöglichte, Abitur zu machen und zu studieren – als einziger in der Familie eines Lastwagenfahrers und einer Putzfrau. Mit seinen beiden Brüdern teilte sich Thorsten ein Zimmer mit acht Quadratmetern in Gießen. Als sein Vater an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, übernahm der Junge Verantwortung für seine drei Geschwister. 

Mit 19 Jahren durchstand Schäfer-Gümbel selbst eine einschneidende Erfahrung. Er musste wegen Netzhautablösung operiert werden. Seine dicke Brille prägt bis heute die öffentliche Wahrnehmung des SPD-Kandidaten. 

Mit seiner Frau Annette, der Geschäftsführerin einer Kinderhilfestiftung, hat Schäfer-Gümbel drei Kinder. Die Älteste, Svenja, studiert in London. Zum Wahlsonntag kommt sie heim, zum Feiern. Denn gefeiert wird im Hause Schäfer-Gümbel so oder so, egal wie die Wahl ausgeht: Annette Gümbel hat am 28. Oktober Geburtstag. „Es ist mein Glückstag“, sagt Thorsten Schäfer-Gümbel. 

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