+
So sieht das Gebäude mit den 35 Eigentumswohnungen aus, das jetzt anstelle des medizinischen Versorgungszentrums am Bahnhof Nieder-Roden entstehen soll.

Rodgau

Das Medicum ist Geschichte

  • schließen

Nach achteinhalb Jahren streicht der Investor die Pläne für ein medizinisches Versorgungszentrum in Rodgau. „Wir haben nichts unversucht gelassen“, sagt er.

Achteinhalb Jahre lang gab es Hoffnung, dass sich mit dem Bau des „Medicum“ die Ärzteversorgung in Rodgau verbessern könnte. Doch jetzt ist das geplante medizinische Versorgungszentrum gestorben. „Es macht keinen Sinn mehr, daran festzuhalten“, sagt Investor Uwe Werkmann. Es ist ihm nicht gelungen, Ärzte zur Ansiedlung in der Stadt zu bewegen. Auf dem Grundstück an der S-Bahn-Station Nieder-Roden will er nun stattdessen 35 Eigentumswohnungen bauen.

Die Dietzenbacher Werkmann-Gruppe hatte sich einst verpflichtet, mindestens 50 Prozent des Gebäudes medizinisch oder medizinnah zu errichten. Deshalb veräußerte die Stadt das Areal günstiger; statt 390 Euro musste der Investor nur 300 Euro pro Quadratmeter zahlen. Diese Differenz will er nun zurückzahlen, um die 35 Wohnungen mit einem Verkaufspreis von 3800 bis 4000 Euro pro Quadratmeter bauen zu können.

Zwölf Arztpraxen in einem fünfstöckigen Gebäude hatte Werkmann geplant, wollte insgesamt fast 16 Millionen Euro investieren. Die Räume sollten vermietet und bei einem hohen Belegungsgrad an einen Investor verkauft werden. „Wir haben nichts unversucht gelassen, um Ärzte nach Rodgau zu bringen“, sagt der Geschäftsführer. Dass das nicht gelang, sei kein spezielles Rodgauer Problem. Auch andere Kommunen im Kreis Offenbach würden sich schwer tun, neue Ärzte zu gewinnen. „Nur Neu-Isenburg nicht. Da zieht die Nähe zu Frankfurt.“

Werkmann erklärt, er habe zusammen mit der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, einzelnen Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen vor etwa sechs Jahren einen Verein „Gesundheitsregion Hessen“ gegründet, um die regionalen Akteure im Gesundheitsbereich miteinander zu vernetzen. „Sehr viele Erstmitglieder gab es damals“, berichtet er. Doch der Erfolg blieb aus, die Werkmann-Gruppe verließ deshalb den Verein wieder.

Gespräche seien auch mit dem Klinikbetreiber Asklepios gelaufen. „Wir wollten eine Filiale in Rodgau platzieren“, so Werkmann. In einem Rotationsverfahren sollten an einigen Tagen in der Woche verschiedene Fachärzte aus der Asklepios-Klinik Seligenstadt im Medicum praktizieren. „Aber denen ging es mehr um die Eigenauslastung ihres Krankenhauses“, bedauert Werkmann.

Auch der Plan, dass der Ärztliche Notdienst ins Medicum einziehen könnte, scheiterte. Grund: Die KV schloss Standorte im Kreis Offenbach, organisierte den Ärztlichen Bereitschaftsdienst neu.

„Wir haben Räume für Road-Shows in der ganzen Region angemietet, um den Ärzten vor Ort unter Begleitung eines Mediziners die Vorzüge unseres medizinischen Kompetenzzentrums aufzuzeigen“, sagt der Investor. Aber die Zulassung eines Arztes gelte für den gesamten Kreis Offenbach, und es bleibe ihm selbst überlassen, wo er praktizieren wolle.

Werkmann stellte auch ein hohes Misstrauen unter den Ärzten fest. Und das war gerade bei den Synergieeffekten hinderlich, die in einem medizinischen Kompetenzzentrum ja gewünscht sind. „Ich hatte einen Warteraum für alle Ärzte und eine zentrale Patientensteuerung konzipiert“, sagt Werkmann. So hätte ein Orthopäde beispielsweise nur 80 anstatt bisher 200 Quadratmeter benötigt. „Aber der Arzt sah das als eine Art Gesichtsverlust.“

Sogar eine Studie hatte Werkmann veranlasst: Hochschulabsolventen wurden befragt, warum sie sich nach ihrem Studium nicht niederlassen oder eine Praxisnachfolge antreten wollen. „Die wollen ins Angestelltenverhältnis, wollen Urlaubstage und sich von den Krankenkassen nicht vorschreiben lassen, wie lange eine Behandlung dauern darf.“

Laut KV gehört Rodgau auf hausärztlicher Versorgungsebene zu den förderfähigen Städten und Gemeinden, und darüber informiere man ausdrücklich, wenn es Kontakt mit Niederlassungsinteressierten gebe. „Aber Rodgau ist dabei nur ein Ort, von denen es mittlerweile einige in Hessen gibt“, so Karl Roth, Abteilungsleiter Kommunikation.

Das Projekt sei gescheitert, ohne dass ein Fehler gemacht wurde, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD). „Es sind nicht die handelnden Personen, sondern das System, das uns am Erfolg gehindert hat.“ Es seien mehr Modelle mit einem Träger und angestellten Ärzten nötig, und da sei ein medizinisches Versorgungszentrum eigentlich genau das Richtige. Die Angst der Ärzte vor Konkurrenz sei jedoch groß. Die Stadt habe das Thema nicht abgehakt, sei weiter in der Diskussion. „Aber als Kommune können wir nur moderieren. Das ist ein Ding zwischen KV und Ärzten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare