Wahlkreis 37

In der Heimat des Stöffches ist der Flughafen Thema Nummer Eins

Der Wahlkreis 37 ist der flächenmäßig größte Frankfurts - und wahrscheinlich auch der bunteste, gewählt wird aber mehrheitlich schwarz

Von Martin Müller-Bialon

Man sieht sie, man hört sie, und manchmal riecht man sie sogar. Egal wo man sich aufhält, ob in Oberrad, Sachsenhausen, Niederrad oder Schwanheim - den Flugzeugen entgeht niemand. Ob sie von Osten landen oder von Westen starten - die Jets gehören in den südlichen Frankfurter Stadtteilen zum Alltag. So kommt es, dass die Menschen in Dribbdebach und drumherum ein besonderes Verhältnis zum Flughafen und dessen Ausbau pflegen. Und auch in der Politik treibt dieser Umstand bisweilen seltsame Blüten. Sucht man beispielsweise Christdemokraten, die den Airport-Ausbau nicht befürworten, man wird sie unter anderem in Schwanheim finden.

Selbst der CDU-Direktkandidat der südlichen Stadtteile, Michael Boddenberg, keinesfalls als Rebell in seiner Partei bekannt, wagte es im Wahlkampf zur Hessenwahl 1999, sich ein paar Millimeter abseits der offiziellen Parteilinie ("Ja zum Ausbau") zu bewegen. Besondere Gegebenheiten erfordern eben eine besondere Vorgehensweise.

Es gibt keinen Wahlkreis, in dem sich der Wahlkampf so sehr auf ein einziges Thema konzentriert wie im 37er: Flughafenausbau. Das wundert auch deshalb nicht, weil die Menschen im Süden die Begleiterscheinungen des Flugverkehrs nicht nur mit Augen und Ohren wahrnehmen - sondern auch im Geldbeutel. Grundstücke verlieren an Wert, neue Baugebiete wie in Oberrad können wegen der planungsrechtlichen Lärmgrenzwerte nicht erschlossen werden. Um sie einschätzen zu können, braucht man deshalb im 37er Wahlkreis den Politikern im Straßenwahlkampf überhaupt nur eine einzige Frage zu stellen: dafür oder dagegen?

Zum Wahlkreis gehört passenderweise auch der "Stadtteil" Flughafen. Dort sind immerhin gut 300 Menschen gemeldet, von denen 31 zur Wahl gehen dürfen. Sie leben in der Schwanheimer Bahnstraße, an der Unterschweinstiege und in der US-Siedlung Gateway Gardens am Frankfurter Kreuz. Es sind allerdings zu wenige, um für sie ein eigenes Wahllokal bereit zu stellen. So müssen sich die Flughafen-Wähler zum Teil ins Schützenhaus am Oberforsthaus bemühen, immerhin auch eine außergewöhnliche Lokalität - dort findet alljährlich beim Wäldchestag das Magistratsschießen statt.

Und ein weiteres Kuriosum hat der südliche Frankfurter Wahlkreis aufzuweisen: Dort liegen Ökonomie und Ökonomie quasi direkt nebeneinander. Denn auch der Stadtwald gehört dazu, er deckt allein ein Drittel der 82,5 Quadratkilometer Fläche im Wahlkreis ab. Ein Teil von ihm soll - obwohl als "Bannwald" geschützt - dem Flughafenausbau geopfert werden.

Der 37er ist der flächenmäßig größte der sechs Frankfurter Wahlkreise. Bei der Einwohnerzahl liegt er mit 104 000 hinter dem 36er (112 000) und dem 39er (105 000) an dritter Stelle. Forst- und Landwirtschaft spielen südlich des Mains eine große Rolle. So donnern die Flugzeuge auch über die Gärten Oberrads, wo die Zutaten für die Grüne Soße gezogen werden. Und damit sind die Gegensätzlichkeiten des Wahlkreises noch längst nicht aufgezählt. Eine andere ist die soziale Struktur. Der Lerchesberg mit den Villen samt üppiger Grundstücke gehört ebenso dazu wie die Sozialsiedlungen in Goldstein und Schwanheim. Daraus ergibt sich ein statistisches Paradoxon: Der Anteil der Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern liegt mit 11,6 Prozent unter dem Durchschnitt, den Einwohnern steht aber mit durchschnittlich knapp 39 Quadratmetern pro Person die größte Wohnfläche zur Verfügung. Anders gesagt: Es gibt reichlich Platz, aber nur wenige profitieren davon.

Wenig Platz, dafür viele Kneipen sind im Sachsenhäuser Ebbelweiviertel zu finden, eine weitere Besonderheit des Wahlkreises. Das Quartier rund um Klapper- und Rittergasse war lange und ist noch ein Sorgenkind der Planungspolitik. Die klassischen Schankwirtschaften werden immer weniger, dafür siedeln sich allerlei Fastfood-Restaurants an. Ein von der Stadt entworfener "Rahmenplan Alt-Sachsenhausen" mit dem Ziel, mehr Wohnen im Viertel möglich zu machen, hat bisher keinen durchschlagenden Erfolg gehabt.

Unter den 67 000 Wahlberechtigten im 37er sind mehr als die Hälfte (knapp 38 000) älter als 45 Jahre. Kein Wunder, dass hier tendenziell schwarz gewählt wird. Die SPD-Direktkandidatin Elke Tafel hatte zuletzt gegen ihren CDU-Kontrahenten Michael Boddenberg keine Chance. Mit mehr als elf Prozentpunkten oder 4800 Stimmen lag der CDU-Mann vorn. Was allerdings SPD-Frau Tafel nicht daran hindert, an eine Siegchance für die Wahl am 2. Februar zu glauben. Warum? Natürlich wegen des Flughafenausbaus. In dieser Frage hat sich Tafel nämlich von ihrer Partei abgesetzt und gegen einen Ausbau positioniert. Die stellvertretende Frankfurter SPD-Vorsitzende hofft deshalb auch auf Erststimmen der Grünenwähler.

Das will freilich Sarah Sorge verhindern. Die Grünen-Frau hat ihrer Geschlechtsgenossin von der SPD eines voraus - sie sitzt bereits im Landtag. Tafel habe bei Abstimmungen im Stadtparlament nicht gerade durch Standfestigkeit geglänzt, sagt Sorge. Wer den Ausbau nicht wolle, der könne nur sicher sein, wenn er sein Kreuzchen bei den Grünen mache.

Michael Boddenberg plant für den Wahlkampf '03 keine Experimente wie anno '99. Er steht zur Ausbau-Variante Nordwestbahn, auf die sich die schwarz-gelbe Landesregierung inzwischen festgelegt hat. Daran ändert auch nichts, dass er von seinem Zweitarbeitsplatz in Sachsenhausen aus jeden landenden Flieger beobachten kann.

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