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Bijan Kaffenberger im Plenarsaal des Landtags.

Bijan Kaffenberger

Mit Grips in den Landtag

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Der Darmstädter Abgeordnete Bijan Kaffenberger im hessischen Landtag lebt mit Tourette und widmet sich der Digitalisierung: ein Porträt.

Bijan Kaffenberger ist dieser Tage ein gefragter Mann. Journalisten von regionalen und überregionalen Zeitungen, von Radio, Onlinemedien und Fernsehen geben sich fast schon die Klinke in die Hand, um mit dem Hoffnungsträger der südhessischen SPD zu sprechen oder ihn gleich mehrere Tage lang zu begleiten. Demnächst, so verriet Kaffenberger am Mittwoch im Gespräch mit der FR, werde er wohl auch in einer ZDF-Talkshow zu Gast sein.

Die Gründe für den Presserummel: Zum einen hatte es der Volkswirt am 28. Oktober vorigen Jahres entgegen der Prognose von Wahlforschern überraschend geschafft, im Wahlkreis 50 (Darmstadt-Stadt II) das Direktmandat gegen die frühere Kultusministerin Karin Wolff (CDU) zu gewinnen. Als Abgeordneter wird er zukünftig die Bürgerinnen und Bürger aus den Darmstädter Stadtteilen Bessungen, Eberstadt und der Heimstättensiedlung sowie aus Modautal, Mühltal, Ober-Ramstadt und Roßdorf im Landtag vertreten. Zum anderen – und das dürfte das meiste Interesse an ihm hervorrufen – geht der 29-Jährige recht locker damit um, dass er Tourette hat.

Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Bei diesen handelt es sich nach Angaben der deutschen Tourette-Gesellschaft um „weitgehend unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschießende Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise auftreten können, aber nicht rhythmisch sind und auch im Schlaf vorkommen können“. Tourette ist bisher nicht vollständig heilbar.

Kaffenberger, bei dem die Erkrankung mit zehn Jahren diagnostiziert wurde, nimmt seit seiner Pubertät keine Psychopharmaka, um die plötzlichen Zuckungen einzudämmen. In den vergangenen Jahren hat er sich mit dem Youtube-Kanal „Tourettikette“ vor allem bei jüngeren Menschen einen Namen gemacht. Mit einer gehörigen Portion Humor hat er auf dem Internetkanal, der über eine Million Mal angeklickt wurde, über seine Erkrankung, aber auch über Stil, Etikette und Benehmen gesprochen.

Viele Hausbesuche absolviert

Kaffenberger sagt, er habe am Wahlabend eigentlich nicht damit gerechnet, den Wahlkreis zu gewinnen. Allerdings hatte sich der gebürtige Darmstädter, der in Roßdorf lebt, seit Mai auf zahlreichen Veranstaltungen blicken lassen, viele Hausbesuche absolviert und auch geschickt die sozialen Medien genutzt. Auf Postenkarten und Wahlplakaten warb er mit den Themen Bildung, Mobilität, Wohnen und Digitalisierung für eine „Politik 4.0“. Und selbst in der Nacht zum Wahlsonntag und auch noch am Morgen des 28. Oktober war Kaffenberger unterwegs, um auf dem Darmstädter Luisenplatz oder beim Bäcker potenzielle Wählerinnen und Wähler anzusprechen.

Dass Kaffenberger der CDU-Landtagsabgeordneten Wolff das Direktmandat abluchsen konnte, kam auch für Günther Bachmann, den langjährigen Leiter der Abteilung Statistik und Stadtforschung im Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung der Stadt Darmstadt, überraschend. Bachmann sprach von einer „mittleren Sensation“.

Der FR sagte der städtische Chefstatistiker, dass es Kaffenberger mit seinem ausgeklügelten und vor allem auf junge Leute ausgerichteten Wahlkampf gelungen sei, viele Stimmen für sich zu gewinnen, sodass er um neun Prozentpunkte über dem Zweitstimmenergebnis der SPD lag. Kaffenberger sei offenbar als „eine wählbare und integre Persönlichkeit“ wahrgenommen worden und habe vor allem in den traditionell eher sozialdemokratisch geprägten Landkreiskommunen seine besten Ergebnisse erzielt, erläuterte Bachmann.

Im Landtag würde sich der frühere stellvertretende Landesvorsitzende der hessischen Jusos am liebsten dem Thema Digitalisierung widmen. In den vergangenen knapp drei Jahren arbeitete Kaffenberger im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft als Referent für Breitbandausbau. Er sieht die Digitalisierung als Chance, und er befürwortete am Mittwoch auch die Nominierung der parteilosen Darmstädter IHK-Präsidentin Kristina Sinemus für das Amt der Digitalministerin im künftigen Kabinett von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Sinemus kenne die Akteure, und ihr sei das Thema vertraut. Davon könne auch die Region Südhessen profitieren, sagte Kaffenberger.

Wie auch bei der derzeitigen Debatte über den Brexit könne die Digitalisierung, wenn sie nicht politisch gestaltet werde, „zum Bumerang werden“, der zurückkomme und die Gesellschaft spalte, warnt der 29-Jährige.

Der Abgeordnete will auch künftig mit Bürgersprechstunden vor Ort und einem Videoblog ansprechbar und präsent sein. Und er kündigt an, Fragen an und über Politik „mit klarer Position und einer Portion Humor“ zu beantworten. Denn anders halte man es in dem Geschäft ja nicht aus. Und er wird selbst für weiteren Medienrummel sorgen – am Dienstag erscheint im Rowohlt-Verlag sein Buch „Was machen Politiker eigentlich beruflich? Fragen an die da oben“.

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