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Rebecca Boch und ihr Sohn Lenny (zweite Bank von hinten) haben im Herbst 2017 in der Familienklasse von Zoha Korshidi (stehend) angefangen.

Familienklasse

Familien helfen sich im Klassenraum

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Eine Grundschule in Wölfersheim hat die einzige Familienklasse in der Wetterau. Das Konzept könnte sich im Landkreis ausbreiten.

Lenny und seine Mutter wählen den Regenbogen. Vorsichtig nimmt der Achtjährige eine der kleinen Muscheln vom Boden und legt sie auf das entsprechende Bild, das auf ein hellblaues Bastelpapier geklebt ist. Andere Bilder zeigen Regen, dunkle Wolken oder Sonnenschein. „Mir geht’s sehr gut“, sagt Rebecca Boch, und Sohn Lenny schiebt hinterher: „Ich freue mich, dass Marlon heute zu Besuch kommt.“ Die junge Frau und der Grundschüler machen einen zufriedenen Eindruck. 

Es ist Donnerstagmorgen in der Jim-Knopf-Schule, einer Grundschule in Wölfersheim im Wetteraukreis. Frau Boch und ihr Sohn sitzen neben fünf anderen Eltern-Kind-Paaren in einem Stuhlkreis. Sie sind Teil der ersten und einzigen Familienklasse im Wetteraukreis. In ganz Hessen gibt es laut Kultusministerium noch acht andere, alle im Lahn-Dill-Kreis. Eine Familienklasse, so die Idee, hilft Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten, sich im Schulalltag besser zurechtzufinden und ihn gemeinsam mit den Eltern zu bewältigen. Außerdem sollen die Familien mit Hilfe der Gruppe Konflikte in den Griff bekommen.

Seit Oktober 2016 gibt es das Angebot an der Grundschule in Wölfersheim-Södel. In der aktuellen Zusammensetzung trifft sich die Gruppe seit November 2017. Sechs Familien beteiligen sich zurzeit. Wie bei Lenny kommen in der Regel die Mütter mit. Jeden Donnerstag von 8 bis 12.30 Uhr kommen die Schüler aus verschiedenen Klassen und Jahrgangsstufen sowie die Eltern in einem Mehrzweckraum zusammen. Ein Teil des Raums ist durch einen Paravent als Rückzugs- und Gesprächszone abgetrennt. Neben Schülertischen gibt es einen großen Sitz- und Spielkreis, in einer Frühstücksecke stehen Getränke und eine Kaffeemaschine. 

Mit dem Muschel-Wetter-Spiel, das intern „Blitzlicht“ heißt, beginnt jeden Donnerstag um 8  Uhr die etwa auf ein halbes Jahr angelegte Familienklasse. Auch Familientherapeut Günther Kreß und Förderschullehrerin Zoha Korshidi, die die Klasse leiten, beteiligen sich an dem Spiel. Haben sich Eltern, Schüler und Lehrer heute gut gestimmt auf den Weg zur Schule gemacht? Oder ist die Wetterlage eher getrübt? Das wollen sie herausfinden. 

Lenny macht gut mit. Der Junge geht gerne in die Familienklasse. „Er war traurig, dass wir zwei Mal nicht da waren“, sagt die Mutter. Seine Klassenlehrerin habe den Vorschlag gemacht. Sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren, falle ihm schwer. „Er steht auf, läuft herum.“ Auch werde er ausgegrenzt, erzählt die 33 Jahre alte Wölfersheimerin. „Ihn plagten Selbstzweifel“, so Familientherapeut Kreß. Im Unterricht habe er deshalb nicht mitgearbeitet. Ergotherapie schlug bei Lenny nicht an. Mehr als ein Jahr lang versuchte es die Familie damit. „Das hat gar nichts gebracht“, sagt Rebecca Boch.

In der Familienklasse ergeht es ihm besser. Die gemeinsam mit Eltern und Lehrern abgesteckten Lernziele meistert er gut. Über diese sprechen Lenny und seine Mama mit Lehrerin Korshidi, Therapeut Kreß und der Klassenlehrerin in der abgetrennten Gesprächszone. „Wenn ich eine Aufgabe bekomme, fange ich sofort an zu arbeiten.“ Das ist eins von Lennys Zielen. 

Jede Woche werden gemeinsam neue Ziele formuliert: Eine Schülerin nimmt sich diesmal vor, im Unterricht weniger mit anderen zu reden, ein anderer Junge will versuchen, weniger mit den Sachen auf seinem Tisch zu spielen. Während die einen Ziele formulieren, befassen sich die anderen Kinder und Mütter mit Schulaufgaben und dem regulärem Unterrichtsstoff. Die Schüler sollen trotz Familienklasse so wenig wie möglich verpassen. 

„Wir miteinander – Teamarbeit“, heißt der nächste Abschnitt an diesem Morgen. Eltern, Kinder und die beiden Pädagogen stellen sich im Kreis auf, zwei müssen in die Mitte. Ziel ist es, einen der beiden mit dem Stoffball zu treffen, der andere soll sich schützend vor ihn stellen. Sofort fliegt der Ball umher, es wird gelacht, gerufen, gefallen. Die Kinder sind in ihrem Element. Als ein Kind der Mutter die Zunge rausstreckt, wird unterbrochen: „Wie findet ihr es, dass Julia der Mama die Zunge rausstreckt?“, fragt Sozialpädagoge Kreß. „Schlecht“, antwortet Lenny. „Man sollte auf seine Mutter hören“, sagt ein anderer Junge. 

Beim darauffolgenden Spiel müssen die Kinder auf einem Seil, das am Boden liegt, aneinander vorbei balancieren, ohne den Boden zu berühren. Wieder haben sie sichtlich Spaß. Langsam bewegen sich die Schüler aneinander vorbei. Kreß fragt anschließend nach dem Sinn des Spiels. Ein Junge hat den richtigen Einfall. „Das war ein schönes Wort! Unterstützt! Ihr habt euch gegenseitig unterstützt“, wiederholt Kreß dessen Antwort. 

Eltern und Kinder gehen ruhig und offen miteinander um. Zu Beginn der mehrmonatigen Zeit kann das auch anders sein. „Hier haben Eltern schon geweint und getröstet“, sagt Kreß. Darüber seien Freundschaften entstanden. „Die Familienklasse ist keine Wellness-Oase“, sagt Lehrerin Zoha Korshidi. Sie solle den Eltern und Kindern vielmehr neue Wege aufzeigen, sich auszutauschen, Dinge anders als bisher wahrzunehmen und Ideen für die Bewältigung anstrengender Situationen in Schule und Familie zu entwickeln. 

In der Kreisverwaltung kann man sich eine Ausweitung des Konzepts auf andere Grundschulen vorstellen. „Die Erkenntnisse aus der Familienklasse an der Jim-Knopf-Schule werde ich intensiv betrachten und bei der Weiterentwicklung der Sozialarbeit in Schulen berücksichtigen“, versichert Kreissozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch (SPD). Nicht nur Schüler könnten so Hilfe erfahren, auch Lehrkräfte könnten entlastet werden. 

An der Grundschule in Wölfersheim soll die Familienklasse im nächsten Schuljahr jedenfalls weitergehen. Da sind sich alle Beteiligten einig. Lenny und seine Mutter werden dann nicht mehr dazugehören. Sie werden in Kürze aus der Familienklasse verabschiedet. Seine Teilnahme sei auf jeden Fall ein Erfolg gewesen, sagt Famlientherapeut Kreß. Übernächsten Donnerstag wird Lenny sich beim Legen der Muschel zum letzten Mal zwischen Sonne, Wolken, Blitz und Regenbogen entscheiden müssen. 

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