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Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) begrüßte Deniz Yücel als Festredner in der Flörsheimer Stadthalle.

Deniz Yücel in Flörsheim

„Eure Solidarität hat geholfen“

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Deniz Yücel bedankt sich als Festredner bei der Feier zum Tag der Deutschen Einheit für die Mahnwachen, die in Flörsheim während seiner Haft in einem türkischen Gefängnis abgehalten wurden.

Er wirkt nicht ganz so verwegen wie auf den Fotos, die in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden, als er ein Jahr lang in der Türkei inhaftiert war: Deniz Yücel dunkles Haar ist verwuschelt, als er gestern in die Flörsheimer Stadthalle kommt. Aber der Bart ist ab, und der 45 Jahre alte Journalist trägt einen dunkelgrauen Anzug und ein weißes Hemd, passend zur Feier der Stadt am Tag der Deutschen Einheit, bei der er den Festvortrag halten wird.

An seiner Seite sind seine Frau Dilek Mayatürk, die er im Gefängnis geheiratet hat, seine Schwester Ilkay und seine Mutter. Deniz Yücels Vater, der ebenfalls monatelang um den Sohn bangte, ist im vergangenen Juni verstorben. Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) hat den deutsch-türkischen Journalisten als Redner zur Feier am 3. Oktober eingeladen. Deniz Yücel sagte sofort zu. Die beiden wirken vertraut, als sie sich begrüßen, sind per Du. Antenbrink war es auch, der während der Zeit von Yücels Inhaftierung zu den monatlichen Mahnwachen am Platz vor der Stadthalle einlud. Das immer wieder zahlreiche Bürger diesem Aufruf folgten und „bei Hitze und Regen“ seine Freilassung forderten, habe etwas genützt, sagte Yücel gestern. „Die Solidarität aus Flörsheim, die vielen Briefe, die ich geschickt bekommen habe, haben mir die Kraft gegeben, die Zeit in der Einzelhaft zu überstehen.“

Und dann erzählt der Journalist, der bei einer Rüsselsheimer Zeitung Ende der 1980er Jahre seine ersten Artikel schrieb, später zum Studium nach Berlin ging, weil ihm die Kleinstadt Flörsheim zu eng wurde, und der ab 2005 für die Tageszeitung „Die Welt“ als Reporter in der Türkei arbeitete, von der Zeit in der fensterlosen sieben Quadratmeter großen Zelle im Gefängnis bei Istanbul. Die Haft, so sagt Deniz Yücel, habe ihn „deutscher“ gemacht.

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Stolz habe er einem kurdischen Mithäftling die ersten Worte der deutschen Verfassung zitiert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und er sei wieder zum Flörsheimer geworden, zu einem Bürger der Stadt, in der ich seit 23 Jahren nicht mehr war.“ Streiflichtartig beleuchtet Yücel sein Leben als Kind türkischer Einwanderer, erzählt vom linken Elternhaus, von der Zeit an der Rüsselsheimer Gustav-Heinemann-Schule, wo er Abitur machte. Von seiner Einbürgerung Anfang der 1990er Jahre, zu der er eine Langspielplatte mit „Musikalischen Grüßen aus Flörsheim“ geschenkt bekam. „Die hüte ich heute noch wie einen Schatz.“

Yücels Rede trägt den Titel „Deutschland schmeckt nicht mehr wie früher – Westdeutsche, Ostdeutsche, Türkdeutsche und die Sache mit der Einheit‘“. Deshalb erzählt er auch von der Zeit nach der Wiedervereinigung, die er, wie viele Migranten als „furchtbar empfand“, weil es die ersten Brandanschläge Rechtsradikaler gegen Einwanderer gab und die Kohl-Regierung „grandios versagte“. Er erzählt von den Nachbarn in Flörsheim, die damals plötzlich mit Blumen vor der Tür seiner türkischen Familie standen, von einer Sitzblockade gegen die Änderung des Asylrechtes, bei der er festgenommen wurde, von Roland Kochs Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaf. Und er spannt den Bogen bis zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik, der stärker werdenden AfD, zu deutschem Fußball und Rassismus und zur neuen Kölner Moschee, bei deren Eröffnung vor wenigen Tagen „die Parallelgesellschaft, die wir in Deutschland haben“ deutlich geworden sei.

Fast eine Stunde spricht Yücel gestern in der Flörsheimer Stadthalle. Es sind persönliche, emotionale Worte. Von den mehr als 400 Besuchern bekommt er immer wieder Applaus. Die meisten von ihnen erleben Deniz Yücel zum ersten Mal live, kannte ihn bisher nur aus Zeitungsberichten. Sie sei beeindruckt von seinen Worten, sagt Carola Gottas, als Yücel wieder Platz genommen hat und ein Chor aus Weilbach Abba-Hits singt. Zusammen mit Deniz Yücels Schwester Ilkay hat Carola Gottas kurz nach der Inhaftierung des Journalisten im Februar 2017 einen Autokorso durch Flörsheim unter dem Motto „Free Deniz“ organisiert. Deniz Yücel hat ihn in seiner Rede als „den größten und schönsten Autokorso“ gelobt, „schöner als der in Berlin“.

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