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Bildung

„Die echte Ganztagsschule: nur Vorteile“

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Bildungsforscher Seelmann-Eggebert spricht im FR-Interview zu einem rhythmisiertem Tagesablauf, Mehrkosten und Hessen als Schlusslicht.

Der hessische Bildungsgipfel soll den Schulfrieden bringen, eine verlässliche Perspektive für die Entwicklung der Schulen für die nächsten Jahre. Jetzt aber droht der Ganztagsschulverband, den Gipfel zu verlassen. Denn in Hessen stocke der Ausbau von echten Ganztagsschulen. Am Mittwoch tagt erneut die Arbeitsgruppe zu diesem Thema.

Herr Seelmann-Eggebert, Sie fordern den raschen Ausbau von mindestens 50 Schulen in Hessen zu echten Ganztagsschulen, also Schulen, in die man von morgens bis abends geht.
Nicht bis abends. In der Grundschule bis höchstens 16 Uhr, in den weiterführenden Schulen bis etwa 17 Uhr.

Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil Hessen da einen großen Rückstand hat. Fünf echte Ganztagsschulen gibt es in ganz Hessen nur, allein in Saarbrücken sind es bald sechs. Hessen ist ein Entwicklungsland beim Thema Ganztagsschule. Sie war bei den politisch Verantwortlichen jahrelang verpönt. Gerade mal 3,5 Prozent der hessischen Schülerinnen und Schüler besuchen eine rhythmisierte echte Ganztagsschule. Hessen belegt in Deutschland den letzten Platz im Ausbau von echten Ganztagsschulen, dabei waren wir mal führend.

Das ist aber schon lange her.
In den 60er, 70er und 80er Jahren Jahren. Seit 2000 gibt es einen Stillstand beim Ausbau echter Ganztagsschulen. Vorrang hatten Billigmodelle von Betreuung.

Weil viele Menschen sagen: Wir wollen gar keine verpflichtenden Ganztagsschulen?
Nein, das stimmt ja gar nicht. Schon 2010 hat die Steg-Studie (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland) festgestellt, dass 29 Prozent der Eltern in Hessen für ihre Kinder eine Schule mit verpflichtendem Nachmittagsangebot in rhythmisierter Konzeption wünschen.

Warum?
Weil sie ein hochwertiges Bildungsangebot für ihre Kinder haben wollen. Und natürlich auch, weil sich so Beruf und Familie besser vereinbaren lassen.

71 Prozent wollen dieses Bildungsangebot aber nicht.
Das stimmt so nicht. Nur 30 Prozent wollen die reine Halbtagsschule, 40 Prozent aber wenigstens eine Schule, die auch ein für alle offenes Nachmittagsangebot hat. Allerdings ist das in der Tat noch keine echte Ganztagsschule, wie wir sie fordern.

Warum sollte man dort besser lernen können, als wenn man nachmittags nach Hause geht?
Das zeigen die Studien. Etwa die Steg-Studie. An gebundenen Ganztagsschulen ist der Anteil der Kinder, die am Bildungssystem scheitern, deutlich geringer, die Zahl der Sitzenbleiber geht gegen null, und die Lernergebnisse sind besser. Das Familienleben entwickelt sich nicht negativ, wenn Kinder regelmäßig die Ganztagsschule besuchen. Im Gegenteil. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass sich Eltern und Kinder besser sogar besser verstehen.

Worauf führen Sie das zurück?
Vielleicht hat das was damit zu tun, dass die Hausaufgaben weitgehend in der Schule erledigt werden.Die Studie der Aktion Bildung, massiv unterstützt von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, hat die gebundene Ganztagsschule in Bayern ganz oben auf die Agenda gebracht. Dort gab es ja gar bis vor Kurzem keine Ganztagsschulen, inzwischen hat man Hessen überholt. Auch diese Studie stellt fest, dass die echte Ganztagsschule die Lernerfolge von Kindern verbessert. Gleiches gilt für Untersuchungen aus der Schweiz. Es wird nicht nur besser gelernt, auch das Sozialverhalten ist besser, die Alltagsfertigkeiten sind höher, und auch der Ausgleich sozialer Nachteile funktioniert besser. Wenn es denn eine gute und rhythmisierte Ganztagsschule ist.

Was gehört für Sie zwingend zu einer solchen guten Schule?
Dass der Tagesablauf schüler- und lehrergerecht rhythmisiert wird. Das aber geht an einer Schule mit offenem Nachmittagsangebot nicht. Dort muss ja der gesamte Pflichtunterricht weitgehend wie an der Halbtagsschule vormittags stattfinden, da ein Teil der Kinder dann nach Hause geht.

Was bedeutet rhythmisiert?
Ein Wechsel von Anspannung und Entspannung im Tagesablauf, das Verteilen des Lernangebots auf Vor- und Nachmittag, ein offener Anfang, Bewegungsorientierung im Unterricht und in den längeren Pausen, eine Mensa und Zeiten, in denen Kinder individuell lernen können und auch die Hausaufgaben untergebracht werden. Rhythmisierung bedeutet eine Entschleunigung des Schulbetriebes. Schule wird zu einem Lern- und Lebensraum.

Und zu Hause ist dann für die Schule gar nichts mehr zu tun?
Ganz so ist es nicht. Vokabeln lernen, sich auf eine Arbeit vorbereiten, vielleicht für den Unterricht im Supermarkt Lebensmittelpreise recherchieren, das bleibt schon.

Zeit zum Lernen wichtig

Glauben wir Ihnen, dass das das bessere Modell ist…
Es geht nicht um Glaubensbekenntnisse, sondern um die Wahrnehmung der Erkenntnisse aus der Forschung. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit zum Lernen. Diese Zeit gibt ihnen die Ganztagsschule. Hinzu kommt, dass viele Kinder zu Hause wenig Unterstützung erhalten und damit in ihrer Bildungsentwicklung benachteiligt sind. Der Bildungserfolg eines Kindes muss aber vom Elternhaus entkoppelt werden, um allen Kindern gute Chancen für die Zukunft zu geben.

Also gut: Wenn das das bessere Modell ist, was kostet das?
Wir rechnen für Grundschulen mit einem Zuschlag von mindestens 30 Prozent für die personelle Ausstattung; in Baden-Württemberg, aber auch im Saarland gibt es vom Land einen Zuschlag von rund 50 Prozent. Davon werden dann nicht nur Lehrkräfte bezahlt, sondern auch Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Gesundheitspersonal, Übungsleiter, ein multiprofessionelles Team also. Eine Ganztagsschule nur mit Lehrern wäre auch für die Schüler unerträglich. Außerdem brauchen wir gerade in den Grundschulen die Kompetenz der Horterzieherinnen und Erzieher. Es werden sich ja zunächst erst mal die Schulen weiterentwickeln, die bereits im Landesprogramm Ganztagsschule im Profil 1 und 2 sind. Die erhalten ja jetzt schon zusätzliche Lehrerstellen. Die müssen entsprechend aufgestockt werden, wenn sie den Weg in die rhythmisierte und verpflichtende Ganztagsschule gehen wollen.

Woher soll das Geld kommen?
Bildung ist teuer, keine Bildung noch teurer. Den Spruch kennen alle. Solange Hessen nicht wie bereits andere CDU-Länder bereit ist, das Kooperationsverbot im Grundgesetz auch für den schulischen Bereich aufzuheben, gilt Geldmangel nicht als Argument. Es ist völlig klar, die gewaltige Aufgabe Ganztagsschule ist ein Kraftakt von Land, Kommunen und Bund. Aber Ganztagsschule bedeutet immer auch Prävention. Verminderung schulischen Scheiterns, Verbesserung des Sozialverhaltens von Kindern und Jugendlichen, bessere Vorbereitung auf die Arbeitswelt und reduziert damit auch Folgekosten eines unzureichenden Bildungssystems. Das relativiert auch die Kosten.

Wenn Sie mindestens 50 Schulen zu Ganztagsschulen umbauen, gibt es dort doch viele Eltern, die das gar nicht wollen. Müssen die dann woanders hingehen oder sogar weit bis zur nächsten Halbtagsschule fahren?
Niemand soll zum Besuch einer echten Ganztagsschule verpflichtet werden. Das Elternrecht ist ein hohes Gut, das es zu wahren gilt. Schulen können aber Halb- und Ganztagsangebote parallel anbieten. Das hessische Schulgesetz sieht die teilgebundene Ganztagsschule ausdrücklich vor. Das ist gerade im ländlichen Raum sinnvoll. Es gibt solche Modelle schon, etwa in Gießen, aber auch in Rodgau. Die bayrischen Ganztagsschulen haben übrigens immer so ein Parallelangebot, weil man das Elternwahlrecht dort sehr hoch schätzt.

Hessen tut ja was mit dem Pakt für den Nachmittag, bei dem die Hälfte aller Grundschulen in den nächsten Jahren Ganztagsschulen werden sollen.
Also, das sollen Schulen mit einem freiwilligen Nachmittagsangebot werden, dabei geht es vor allem um Betreuung, weniger um Bildung. Sie werden damit keine Ganztagsschulen im Sinne des hessischen Schulgesetzes errichtet. Aber der „Pakt für den Nachmittag“ ist ein Fortschritt gegenüber dem Ausbau ganztägiger Angebote der vergangenen Jahre. Die betroffenen Schulen werden deutlich besser personell versorgt, außerdem gibt es an allen Wochentagen ein Angebot.

Hätten Sie von der Landesregierung, besonders den Grünen, mehr erwartet?
Die Grünen haben das inhaltliche Konzept des „Paktes für den Nachmittag“ im Wahlkampf angekündigt und vorgestellt. Insofern überrascht es nicht. Von der CDU kam dann die Überschrift. Das Konzept wäre sicher mit der SPD so nicht umsetzbar gewesen. Aber auch die CDU sieht in der Ganztagsschule eine Perspektive für die Zukunft. So kann man es im Landesprogramm Ganztagsschule nachlesen. Wir haben aber trotzdem auf mehr echte Ganztagsschulen gehofft. Vielleicht war das mit der CDU auch nicht mehr umsetzbar. Es sei denn, es gibt mehr Druck. Mit der Forderung nach mindestens 50 echten Ganztagsschulen jährlich in Hessen in allen Schulformen erreichen wir binnen zehn Jahren etwa den Stand, den Eltern für ihr Kind bereits heute wünschen. Also ist das eine sehr moderate Erwartung an den Bildungsgipfel.

Interview: Peter Hanack

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