Landtagswahl in Hessen

Bouffier und Rahn kneifen

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Nicht jeder Spitzenkandidat lässt sich bei der Landtagswahl in Hessen auf Unbekanntes ein. Die Kolumne aus dem hessischen Landtag

Manchmal tut Wahlkampf weh. Da treffen gestresste Kandidatinnen und Kandidaten zuweilen auf gut informierte Menschen, deren Argumenten sie wenig entgegenzusetzen haben.  Einige solcher Momente gibt es in der „Blind Date“-Serie der HR-Hessenschau mitzuerleben, die in dieser Woche gesendet wurde und noch online zu sehen ist. Dort konnte man aber auch souveräne Politikerinnen und Politiker beobachten, die Kritik schlagfertig zu kontern wussten. 

Für die Fernsehsendung wurden Spitzenkandidaten an einen Ort gebracht, wo sie auf scharfe Kritiker trafen. Die Politiker mussten Mut mitbringen, denn sie wussten vorher weder wo sie hingebracht würden noch wen sie treffen sollten. Zwei Spitzenkandidaten hat der Mut verlassen.  Der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident Volker Bouffier fehlte. Der CDU-Chef habe von vornherein gesagt, dass er nicht mitmache, berichtete der Hessische Rundfunk. Die SPD ätzte, Bouffier traue sich keine „echte Bürgernähe“ zu. „So viel Angst vorm Wähler ist echt armselig“, twitterte der SPD-Landtagsabgeordnete Marius Weiß.

Damit bezog er sich nicht nur auf Bouffier, sondern auch auf den zweiten Aussteiger. Rainer Rahn, Spitzenkandidat der AfD, hatte sich zunächst auf das Experiment eingelassen und sich ins HR-Auto gesetzt. Doch nach einer halben Stunde auf der Autobahn entschied er sich anders. „Ich hab’ nicht die Zeit, stundenlang im Auto zu sitzen“, moserte Rahn und brach das „Blind Date“ ab, bevor es richtig begonnen hatte. 

Die Flüchtlingshelferinnen in Wetzlar, die der Fernsehsender mit dem AfD-Mann ins Gespräch bringen wollten, warteten vergeblich auf ihn. Ein Flüchtling, der mit Rahn reden wollte, zeigte sich enttäuscht. Er habe sich „sehr gefreut auf die Chance“, jemandem Fragen zu stellen, „der Ahnung hat und der etwas damit zu tun hat“, sagte der Syrer Yazan Sallam gar am Ende der Sendung. Um welche Fragen wäre es gegangen? „Im Prinzip: Warum sollen wir nicht hier sein?“

Verkehrte Welt, denn Sallam war ja da, während Rahn fehlte. Der hatte bei der Fahrt mit dem TV-Team unverblümt erzählt, dass er das „Blind Date“ von vornherein für „scheiße“ gehalten habe. Er habe gleich gesagt: „Ich mach das nicht.“ Aber der Landesvorstand der AfD habe ihm „nahegelegt, das zu machen“. Dieser Meinung habe er sich zwar „nicht angeschlossen, aber ich respektiere, dass es von mir erwartet wird, und dann mache ich es auch“, schilderte Rahn, bevor ihm im Auto der Geduldsfaden riss. 

Ein AfD-Mann, der kneift? Wer weiß, wie das noch weitergeht. Am Ende wird Rahn in den Landtag gewählt, stellt aber fest, dass das eigentlich „scheiße“ ist, und dreht lieber wieder um. 
Ist es gar denkbar, dass Bouffier das Wagnis einer Wiederwahl scheut? Sie könnte ihn mit fremden Menschen an unbekannten Orten zusammenführen, während Fernsehkameras dabei sind. 

Herausforderer Schäfer-Gümbel hat es gewagt und ist am Frankfurter Riederwald Menschen begegnet, die an der SPD verzweifeln. Er sagte zu, er werde einmal im Jahr zu ihnen kommen. „Hut ab, dann wählen wir Sie vielleicht“, sagte am Ende des Treffens die Bürgerin Rosi Schroller-Reul, um hinzuzufügen: „Aber na ja. Wollen wir uns mal nicht so weit aus dem Fenster lehnen.“ Wahlkampf ist halt nichts für zimperliche Menschen. 

Pitt von Bebenburg berichtet über Landespolitik im Fernsehen und in echt: @PvBebenburg

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