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Herr Meister, der seinen Vornamen für sich behält, mit den Fotos der Wahlkreiskandidatinnen der SPD und der FDP.

Landtagswahl - der Fototest

„Ach du lieber Gott, wer ist das denn?“

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Die FR-Umfrage zur Landtagswahl: Erkennen Sie diese Kandidaten? Dann gehören Sie einer Minderheit an.

Theodor W. Adorno wird heute den Vogel abschießen, so viel schon mal vorweg, und Chuck Norris steht ihm nicht besonders nach. Aber dazu später. Zunächst einmal: Wenn es nach der Bekanntheit beim Wahlvolk geht, heißt die nächste Person im Ministerpräsidentenamt nicht Bouffier und auch nicht Schäfer-Gümbel, sondern Petra Roth oder Karl-Heinz Körbel.

Beim traditionellen Fototest, dem die Frankfurter Rundschau vor jeder Wahl die Bevölkerung unterzieht, schnitten die beiden Erfahrenen nämlich am besten ab. Schade nur, dass sie sozusagen die Kontrollgruppe bildeten und am 28. Oktober gar nicht auf dem Wahlzettel stehen. Was die echten Kandidaten angeht, sieht’s mit dem Wissen der Wählerinnen und Wähler wieder mal mau aus.

Die Versuchsaufstellung: Zehn Fotos hält die FR unschuldigen Passanten vors Gesicht und verlangt: Sagen Sie uns jetzt sofort, wer da drauf ist! Neiiin, natürlich sind wir ganz lieb und fragen höflich. Zu sehen sind diverses Spitzenpersonal der Parteien zur Landtagswahl sowie einige Wahlkreiskandidaten, hier: Wahlkreis 38, Frankfurt am Main V, weil wir im Holzhausenpark unterwegs sind, der in diesem Abschnitt liegt. Aber hören wir doch mal in ein typisches Interview hinein.

FR: „Guten Tag.“

Argloser Passant: „Morsche.“

FR: „Dürfen wir …“

AP: „Nee.“

FR: „Och bitte.“

AP: „Na gut.“

FR: „Sie sollen erkennen, wer auf den Fotos drauf ist. Kleiner Tipp: Ist ja bald Landtagswahl!“

AP: „Verstehe. Nummer 1: Kenn ich net, 2: auch net, 3: oje, haben Sie auch Leute, die – aha! Das ist doch die Petra Roth!

FR: „Jahahaha!“

AP: „5: Buffi, 6: Wi…, Wit…, Wie…“

FR: „Ich mach mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt? Aber das ist doch nicht Pippi Lang…–“

AP: „Wi...ssler! Janine Wissler!“

FR: „Sauber.“

AP: „Die 7 kommt mir bekannt vor, aber … nee. Die 8 – das ist doch Charly Körbel! Wollt ihr mich hier vergackeiern?“

FR: „Geben wir kleinlaut zu. Zwei haben wir reingemogelt.“

AP: „Lügenzugeberpresse! Nummer 9: Kenn ich net. Und die 10 ist der Herr Schäfer-Gümbel.“

FR: „Fünf Richtige. Gut!“

AP: „Aber nicht gut genug, um dem Chef den Schlips anzuzünden und zu sagen: Ich hab’s nicht mehr nötig, hier zu arbeiten.“

FR: „Leider. Das geht erst ab sechs Richtigen plus Superzahl. Dürfen wir uns Ihren Namen notieren?“

AP: „Äh ja. Chuck Norris.“

FR: „Wollen Sie uns hier vergackeiern?“

AP: „Geb’ ich zu. 1:1.“

Jaja, nicht jeder möchte beim Fototest mitmachen, und die, die mitmachen, wollen nicht immer ihren Namen verraten. Dabei gibt es keinen Grund, sich zu schämen. Herr Meister etwa, der nur seinen Vornamen für sich behalten möchte, erkennt die meisten Spitzenleute und sogar manche Wahlkreiskandidaten, auch wenn ihm nicht alle Namen einfallen („der Doppelname von der CDU“) und er einen von ganz links versehentlich nach ganz rechts sortiert, politisch gesehen. Aber hey, nicht schlecht. „Ich bin schon politisch interessiert“, sagt Herr Meister, und die Wahl schätzt er, wird so ähnlich ausgehen wie in Bayern: „CDU und SPD werden deutlich verlieren, die Grünen werden Stimmen einsammeln, und dann gibt es eine Koalition je nach Ausgang.“

Mit den Worten „Ach du lieber Gott, wer ist das denn?“ beginnt Susa Händler ihre Betrachtungen zum Fotoquiz, aber da muss man ihr zugutehalten: Sie wohnt in Goldstein, ist also nicht gesetzlich verpflichtet, die Nordend-Kandidaten ganz vorne im Fotostapel zu kennen. „Das ist der Ulrich Wilken“, platzt ihre Banknachbarin herein, hilft auch mit weiteren Namen aus, aber nicht mit ihrem eigenen. Die beiden Frauen beaufsichtigen die Rasselbande, die gerade den Holzhausenpark bespielt. „Ich wünsche mir, dass die AfD nicht ins Parlament einzieht“, sagt Susa Händler, „es steht aber zu befürchten. Wahrscheinlich wird es wieder ein Kuddelmuddel geben.“ – „Es wird ausgehen wie gehabt“, schätzt die anonyme Einflüsterin, „nur dass die SPD abrutscht und die Grünen absahnen, ohne was dafür getan zu haben.“

Parkbesucherin Catherine Diemer tut sich schwer mit den Frankfurter Wahlkreiskandidaten. Kein Wunder, sie wohnt in Offenbach. Bouffier erkennt sie aber, und noch zwei oder drei andere kommen der jungen Frau bekannt vor. Geht sie wählen am 28. Oktober? „Auf jeden Fall. Jetzt, wo viele die AfD wählen, ist es umso wichtiger, dass die anderen zur Wahl gehen.“

Im Lauf der nicht für Frankfurt, aber für den Holzhausenpark um 12 Uhr repräsentativen Umfrage kristallisiert sich heraus, dass es klug war, sich bei den Fotos auf erwiesene Demokratinnen und Demokraten zu beschränken, denn: Der ganze Holzhausenpark hasst offenbar die AfD.

Weitere Ergebnisse: Die am häufigsten erkannten Personen auf den Fotos sind Körbel (87,2 Prozent) und Petra Roth (84,7%). Dann folgen die aktiven Politiker Bouffier (51,1%), Schäfer-Gümbel (46,9%) und Janine Wissler (38,7%) – Prozentzahlen, die alle drei am Wahlabend vermutlich heiter stimmen würden. Abgeschlagen im Feld landen die örtlichen Kandidaten, wobei der Grüne Bocklet (9,3%) noch am häufigsten erkannt wird. Angaben wie „der von der CDU“ können wir leider nicht gelten lassen, genauso wenig „der Herr Doktor Soundso“. Da gibt es kein Pardon.

Wir sind Ihnen noch Theodor W. Adorno schuldig. Er kann alle (in Worten: alle) Namen der abgebildeten Personen nennen (kleine Einschränkung: Pfaff-Greiffenhagen heißt bei ihm vorneherum Boris, aber das zählt trotzdem), nur seinen eigenen Namen nicht. Es sei denn, er heißt tatsächlich Theodor W. Adorno. Dann wäre es wiederum kein Wunder, dass er sich so gut auskennt. Den Wahlausgang will er jedenfalls nicht vorhersagen. „Sonst ist es für Sie ja nicht mehr spannend“, sagt er und löst sich in einen Schwarm Herbstlaub auf.

Zum Abschluss etwas sehr Schönes. Auf einer Bank im Park sitzen Brigitte und Karsten Garscha, genießen die Sonne, wissen überdurchschnittlich viel und drücken sich auch elegant aus: „Frau Wissler, wenn ich mich nicht täusche.“ Den Wahlausgang erwarte er „nicht so schlimm wie in Bayern“, sagt Karsten Garscha. Aber was mit der AfD werde: „Schwer zu sagen. Wir haben da keine Berührung.“

Und wie man so zusammen im Herbst badet, über die Themen der Zeit spricht und darüber, was sich ändern müsste, sagt er: „Vielleicht die soziale Problematik. Für Menschen, wenn sie erst einmal von Arbeitslosigkeit betroffen sind, ist die Lage sehr bedrückend. Oft hat man inzwischen das Gefühl, dass ihnen nicht geholfen wird, sondern dass man sie nur herumkommandiert. Es ist schlimm, wenn sich Menschen nicht frei fühlen können. Wir haben einen riesengroßen Zwiespalt zwischen denen, die viel verdienen und denen, die wenig verdienen.“

Ein Tag, an dem man so verständige und empathische Leute kennenlernt, ist ein guter Tag. Möge die Vernunft irgendwann in alle Winkel durchdringen.

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