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Egal, wie viele Maschinen da herumfahren, es ist und bleibt eine schwere körperliche Tätigkeit.

Spargelanbau

Spargelanbau in Hessen: Knochenarbeit auf dem Acker

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Tief bücken, zustechen und den Erdwall wieder verschließen: Spargelstecher müssen fit und flink sein.

Etwas drehen, ein bisschen drücken und knautschen und schon ist die transparente Plastikfolie mit einigen geschickten Handgriffen in der Haltevorrichtung der „Spargelspinne“ eingespannt. Staub wirbelt auf, als Zoltan Szöcs-Melik die mit einer Batterie angetriebene Erntehilfsmaschine per Knopfdruck langsam in Bewegung setzt. Vorne wird die Kunststoffplane, die auf dem Spargeldamm liegt, von dem rollenden Arbeitsgerät angehoben, damit die Erdoberfläche freigelegt wird und der Arbeiter das in dem aufgehäuften Wall verborgene Gemüse ernten kann. Szöcs-Melik bückt sich. 

Dort, wo weiße Spargelspitzen die oberste Erdschicht bereits durchstoßen haben, fährt er vorsichtig mit zwei Fingern seiner linken Hand in den trocken Sandboden, der leicht nachgibt. Gefühlvoll ertastet der Erntehelfer, wo die Spargelstange in der Erde steckt und ob sie vielleicht krumm ist. In der rechten Hand hält Szöcs-Melik das lange Spargelmesser, das er gezielt in den Erdhaufen gleiten lässt, um die Spargelstange mit einem sanften Stoß abzuschneiden. Das Loch wird anschließend mit einer Maurerkelle wieder mit Erde verschlossen. Der geerntete Spargel landet in einer roten Kiste, an der Landwirt Andreas Lenhardt einen Aufkleber mit einem Barcode angebracht hat, mit dem er erfassen kann, auf welchem Acker das edle Stangengemüse geerntet wurde und welcher Arbeiter es gestochen hat. Besonders fleißigen Arbeitern zahlt Lenhardt eine Sonderzulage.

Die rund 50 Erntehelfer, die derzeit auf Lenhardts Feldern arbeiten, stammen aus Rumänien. Früher kamen die Saisonarbeiter aus Kroatien und aus Polen. Doch die polnischen Erntehelfer seien inzwischen nach Großbritannien weitergezogen, sagt der Spargelbauer, dessen Vater den „Böllenhof“ gegründet hat, der seit 1950 besteht. Tochter Sarah, die derzeit Gartenbau in Geisenheim im Rheingau studiert, hilft ebenfalls im Familienbetrieb mit. Auf 120 Hektar bauen die Lenhardts vor allem Spargel und Erdbeeren, aber auch Himbeeren und Kirschen an.

 Auf rund 35 Hektar wächst Spargel, den Lenhardt in 30 Verkaufsbuden verkauft und die auch im Vogelsberg, in der Wetterau, im Odenwald und in Bad Kreuznach stehen. Lenhardt schätzt die Direktvermarktung, weil die Handelsketten nur noch Dumpingpreise zahlen. Am Samstag vor Ostern wurde vom Discounter Aldi das halbe Kilo spanischer Spargel der Güteklasse I für 1,39 Euro als Sonderaktion angeboten. Und das halbe Kilo Spargel der Güteklasse II „aus heimischem Anbau“, das von der Obst- und Gemüsezentrale Rhein-Main in Griesheim an Aldi geliefert wurde, kostete in Darmstadt 2,99 Euro. Lenhardt bietet indes seinen Premiumspargel für 12,50 Euro das Kilo an, qualitativ weniger gute Spargelstangen gibt es aber auch für 7,50 Euro.

Es ist genau nachzuvollziehen, wer auf welchem Feld wie viel erntet.

Der 52-jährige Lenhardt, der den Betrieb Ende der 1990er Jahre von seinem Vater übernommen hat, sagt, er habe in den vergangenen Jahren unter Einsatz moderner Technik die Anbaumethoden stetig verbessern und perfektionieren können. „Schmeck den Unterschied“ lautet der Werbeslogan von Lenhardts Böllenhof, der südlich der Sankt-Stephans-Siedlung liegt.

Der Aussiedlerhof gleicht zur Erntezeit einer Kaserne. Bis zu 180 Menschen können hier zeitweise wohnen. Neben den Erntehelfern auf dem Feld arbeiten rund zwei Dutzend weitere Arbeiter in einer Halle, in der früher Schweine untergebracht waren. Hier werden die Spargelstangen, die vom Feld kommen, gewaschen, sortiert und für den Weitertransport verpackt.

Ein Erntehelfer sticht Lenhardt zufolge pro Stunde etwa 23 Kilo Spargel. Bei einer Arbeitszeit von bis zu zehn Stunden kommen da schon mal mehr als 200 Kilo zusammen. An sechs Tagen sind die Erntehelfer im Einsatz. Einen Tag haben sie frei. Dafür müssen dann Aushilfskräfte parat stehen, denn Spargel wird jeden Tag gestochen - ohne Ausnahme.

Während Lenhardt berichtet, dass für die Bewässerung speziell perforierte Schläuche in die Erdwällen eingebaut werden, die pro Meter mehr als anderthalb Liter Wasser pro Stunde ins Erdreich rieseln lassen können, kommt Erntehelfer Szöcs-Melik mit der Spargelspinne Meter für Meter voran. Etwa eine halbe Stunde braucht er für eine Ackerreihe. „Die Knochenarbeit könnte ich mit meinen Rückenbeschwerden nicht machen“, gibt Lenhardt zu. Stattdessen kontrolliert er Temperaturmessstellen auf den Feldern, kümmert sich um das Marketing und den Personaleinsatz.

In den nächsten Tagen erwartet er weitere 80 Erntehelfer, die auf seinem Hof einquartiert werden. Denn inzwischen hat bereits die Erdbeerernte begonnen. Auch die ist ein Knochenjob, bei dem sich die Arbeiter immer wieder tief bücken müssen.

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