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Spargel-Ernte in Hessen: Genug Personal, aber hohe Kosten

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Von: Annette Schlegl

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Die Spargelsaison in Hessen ist offiziell eröffnet. Erntehelfer aus Rumänien stechen auf dem Spargelfeld von Bauer Mager in Weiterstadt schon fleißig.
Die Spargelsaison in Hessen ist offiziell eröffnet. Erntehelfer aus Rumänien stechen auf dem Spargelfeld von Bauer Mager in Weiterstadt schon fleißig. © Renate Hoyer

Steigende Dünger- und Rohstoffkosten belasten die Spargel-Produktion in Hessen. Der Kilopreis bleibt aber trotzdem auf Vorjahresniveau.

Die Anleitung des Experten hört sich einfach an: „Mit der linken Hand den Spargel an der Spitze festhalten und mit der rechten Hand unten abstechen.“ Bei der frisch gekürten hessischen Spargelkönigin Ellen I. aus Griesheim will es auf dem Feld des Spargelhofes Mager in Weiterstadt trotzdem nicht so recht klappen. Sie fördert nur einen halben Spargel aus der Erde. Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Grüne) stellt sich da schon besser an, präsentiert beim offiziellen Start in die hessische Spargelsaison stolz eine wie aus dem Lehrbuch geerntete Stange.

Für die Spargelbäuer:innen könnte es in diesem Jahr auch gut laufen: Die Maskenpflicht ist gefallen, es gibt genügend Saisonarbeitskräfte, die Gastronomie ist nach zwei Jahren endlich wieder Abnehmer, der Lebensmitteleinzelhandel setzt vermehrt auf Regionalität, der Spargel ist bisher schon prima gewachsen. Außerdem „merken wir alle durch den Angriffskrieg Russlands, wie wichtig Eigenversorgung ist“, erläutert die Ministerin.

Spargel-Ernte in Hessen: Preise für Dünger und Energie stark gestiegen

Wie gesagt: Es könnte gut laufen – tut es aber nicht ganz. Die Spargelbäuer:innen haben Sorgenfalten auf der Stirn. Die Preise für Dünger, Rohstoffe und Energie sind stark gestiegen – und sie können die Kosten kaum an die Verbraucher:innen weitergeben. „100 Kilogramm Stickstoffdünger haben im Vorjahr noch 25 Euro gekostet. Jetzt sind wir bei 105 Euro“, sagt Rolf Meinhardt, Vorsitzender des Arbeitskreises Spargel Südhessen. Im Moment zehre er noch von dem Dünger, den er vergangenes Jahr gekauft habe.

Dazu drückt die Spargelbäuer:innen auch beim gesetzlichen Mindestlohn der Schuh: 9,82 Euro sind 32 Cent mehr als im Vorjahr. Trotzdem liegt der Verkaufspreis zum Saisonauftakt wohl in etwa auf Vorjahresniveau. Das heißt: Spargel kostet zwischen 8,50 Euro und 17,50 Euro pro Kilo – je nach Güteklasse.

Kostenexplosion beim Anbau von Spargel in Hessen

Doch es ziehen schwarze Wolken auf: Der Preis werde sich fürs kommende Jahr kaum halten lassen, blickt Marcus Mager, Juniorchef des gleichnamigen Spargelhofs, voraus. Die Treibstoffverteuerung, die Ukraine-Krise und die geplante weitere Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro – kurzum die Kostenexplosion – verunsichern die Spargelbäuer:innen schon heute. Gleichzeitig können sie die Mehrkosten nicht eins zu eins auf die Verbraucher:innen abwälzen. „Worauf verzichtet der Kunde als erstes? Auf das neue Handy, auf die Reise nach Mallorca oder auf den Spargel im Frühjahr?“, fragt Mager – und weiß keine Antwort. Das beunruhigt ihn und seine Zunft.

Er sieht dieses Jahr als Generalprobe für das nächste Jahr. „Im August legen wir die Spargelreihen an, und ich befürchte, dass es weniger wird.“ Damit meint er: weniger Betriebe, weniger Anbaufläche, weniger Erntemenge.

Rund um den Spargel

Eine Spargelpflanze liefert erst im dritten Jahr eine Ernte und hat im vierten Standjahr ihren Hauptertrag.

Die Sonne hat viel Einfluss auf den Spargel. Je intensiver die Sonneneinstrahlung, desto höher der Vitamin- und Mineralstoffgehalt und desto früher die Ernte.

Mit rund 2000 Hektar Anbaufläche gehört Hessen zu einem der bedeutendsten Anbaugebiete Deutschlands.

1775 Hektar davon standen im Vorjahr im Ertrag. 2020 waren es rund 100 Hektar weniger. Auf 232 Hektar waren im Vorjahr noch nicht ertragsfähige Jungpflanzen angelegt.

9580 Tonnen Spargel wurden im Vorjahr in Hessen geerntet. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 waren es 8536 Tonnen – die geringste Menge seit 2014 –, im Jahr 2019 wurden 9794 Tonnen gestochen.

In den Landkreisen Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau und Bergstraße wird der Spargel hauptsächlich angebaut. Die Ernte dauert traditionell bis zum Johannistag am 24. Juni, danach sollen sich die Pflanzen erholen.

Fachleute des Regierungspräsidiums Gießen nehmen den Spargel in diesen Tagen in den Erzeuger- und Großhandelsbetrieben mit einer sogenannten Isotopenanalyse unter die Lupe, die zur Überprüfung der Herkunft dient.

Das Edelgemüse eignet sich bestens zum Abnehmen. 100 Gramm haben nur 21 Kalorien – sofern man auf fettreiche Soßen verzichtet. Ein Pfund Spargel deckt 80 Prozent des Tagesbedarfs an Vitamin C und E und fast die Hälfe des Bedarfs an Folsäure und Kalium. ann

Krieg in der Ukraine hat Auswirkung auf die Spargel-Ernte in Hessen

Sein Kollege Rolf Meinhardt macht eine Rechnung auf: „Zwölf Euro Mindestlohn sind gut zwei Euro mehr als bisher. Bei 1500 Hektar Anbaufläche sind das allein dafür 3000 Euro mehr.“ Dann folgt aber die Beschwichtigung für die Verbraucher:innen: Der Genuss und nicht der Preis solle immer im Vordergrund stehen. „Wir tun alles, damit wir den Spargel möglichst preiswert an den Tisch bringen können.“

Er selbst hat schon im Winter einiges getan: Er ist zwei Wochen nach Rumänien gefahren und hat vor Ort mit rumänischen Hilfskräften Arbeitsverträge geschlossen. „Zwei Gruppen von jungen Männern sind aber nicht gekommen“, sagt er. Sie wohnen in Nordrumänien an der Grenze zur Ukraine und seien zur Grenzsicherung abkommandiert worden. Auch Kroat:innen gehören jetzt mit zu seiner 100-köpfigen Crew, die fast nur aus Männern besteht. Für Frauen sei das Spargelstechen zu schwer.

Hessen: Nach der Spargel-Ernte folgt die Erdbeer-Ernte

Thema Ukraine: Geflüchtete haben sich bei ihm bisher nicht vorgestellt. Aber die Erdbeer-Ernte stehe noch an, und da seien meist Frauen auf dem Feld zugange. „Ich kann noch rund zehn Ukrainerinnen aufnehmen“, sagt er. „Aber wenn eine Mutter mit zwei bis drei Kindern kommt, weiß ich nicht, wie ich das lösen soll“.“ Und nochmal Thema Ukraine: Der Krieg macht vielen Erntehelfer:innen Angst, weil auch in ihrer Heimat alles teurer wird. Sie sind froh um jeden Euro, den sie in Deutschland verdienen können. „Die wenigsten Betriebe haben dieses Jahr Probleme, Hilfskräfte zu bekommen“, sagt Meinhardt.

Also eitel Sonnenschein bei den Spargelbäuer:innen? Das sollte man nur wortwörtlich nehmen. Der März war nämlich der sonnigste seit Beginn der Sonnenstundenmessung im Jahr 1951. 235 Stunden lang schien im Vormonat die Sonne, was den bisherigen Rekord von 195 Sonnenstunden im März 1953 übertrifft. Das habe die Stangen „schön angetrieben“, so Meinhardt. Deshalb gibt es den Spargel in diesem Jahr relativ früh. „Früher hatten wir den ersten Spargel im Mai“, sagt er. Heute sind aus sieben Wochen Spargelzeit zwölf Wochen geworden.

„Zu Ostern werden wir genug Spargel haben“

Im Vorjahr sei auch genug Regen gefallen, sagt Meinhardt, die Anlagen seien im Herbst sehr gut gewachsen und würden auf eine reiche Ernte hindeuten. „Dem Spargel geht es gut. Zu Ostern werden wir genug haben.“

Verbraucher:innen können zwischen traditionell weißem und grünem Spargel wählen.
Verbraucher:innen können zwischen traditionell weißem und grünem Spargel wählen. © Renate Hoyer

Der viele Schnee, der am vergangenen Sonntag fiel, habe dem Spargel nichts ausgemacht. Durch die Folien sei er vor Frost geschützt. „Im Tunnel ist es warm“, sagt er. Bodensonden und Satellitentechnik messen, ob sich der Spargel wohlfühlt. „Im Moment haben wir in 40 Zentimeter Tiefe 12 bis 13 Grad im Boden.“

Spargelanbau: Verwendung von Plastikfolien ist umstritten

Dass die Spargelbäuer:innen Folien nutzen, sei nicht unumstritten, räumt die Landwirtschaftsministerin ein. „Aber so lange es nichts anderes gibt, müssen alle sparsam damit umgehen.“ Das dritte Jahr in Folge arbeitet der Arbeitskreis Spargel Südhessen, dem 14 Betriebe angehören, deshalb mit der Initiative Erntekunststoffe Recycling Deutschland (Erde) zusammen.

Ausgediente schwarz-weiße Tunnelfolie und durchsichtige Minitunnelfolie werden nach sieben- bis achtjähriger Nutzung nicht mehr verbrannt, sondern gesammelt, auf Lastwagen verladen und zu einer zentralen Recyclinganlage nach Norddeutschland gefahren. Dort werden die Folien geschreddert, mehrstufig gewaschen, getrocknet und in Pellets granuliert, die für Baufolien verwendet werden. „Die Spargelbauern zahlen für die Abgabe der Folien, aber der Preis liegt unterhalb des Verbrennungspreises“, sagt Boris Emmel, Systemmanager bei der Erde-Initiative. Im Vorjahr konnten durch das Recyceln von 400 Tonnen Alt-Folie 273 300 Kilogramm Treibhausgas gespart werden. Das ist so viel, wie 20 000 Bäume pro Jahr binden.

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