1. Startseite
  2. Rhein-Main

Späte Gewissheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

"Ich kann nicht mehr fröhlich sein", sagt Sybille Buckwitz.
"Ich kann nicht mehr fröhlich sein", sagt Sybille Buckwitz. © Arnold/FR

Sybille Buckwitz, die Tochter des langjährigen Intendanten am Schauspiel Frankfurt, Harry Buckwitz, hoffte 19 Jahre lang, dass der Mörder ihrer Mutter gefasst wird. Jetzt hat die Polizei den Täter überführt. Von Jutta Rippegather

Sie war sich sicher, dass der Täter eines Tages gefunden wird. Die ganzen 19 Jahre lang. Und es verging kein einziger Tag, an dem sie nicht an das grausame Verbrechen dachte. Jetzt ist wahrscheinlich der Mann gefunden, der ihrer Mutter das Leben nahm. Und das ihre zerstörte.

"Ich kann nicht mehr fröhlich sein", sagt Sybille Buckwitz. Aber hartnäckig ist die schmale Frau, die im Taunusstädtchen Kronberg seit mehr als 30 Jahren eine Galerie mit erotisch-phantastischer Kunst betreibt. Sehr hartnäckig. An jedem Todestag ihrer Mutter hat sie eine Traueranzeige in der örtlichen Tageszeitung geschaltet. Um die Erinnerung an das unaufgeklärte Verbrechen wachzuhalten, den Täter an seine Tat zu erinnern. Ungezählte Male erkundigte sie sich bei den Kripo-Beamten in Bad Homburg, ob es etwas Neues gebe. Vergangene Woche der lang erwartete Anruf: "Wir haben den mutmaßlichen Täter."

Noch kann die Tochter des einstigen Theater-Intendanten Harry Buckwitz es nicht richtig fassen. "Ich bin nur wahnsinnig erleichtert und der Polizei sehr dankbar." Mit Hilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse hatten Beamte des Landeskriminalamts die seinerzeit am Tatort gesicherten DNS-Spuren einem zweifachen Familienvater zuordnen können.

Er lebte in Schmitten - keine 15 Kilometer entfernt von dem Haus in Königstein, in dem die 74 Jahre alte Betsy Buckwitz in der Nacht zum 11. Juni 1989 mit einem Seidenschal in ihrem Bett erdrosselt worden war. Tochter Sybille hatte die Leiche am folgenden Tag um die Mittagszeit entdeckt. Der Schock hat viele Erinnerungen an die darauf folgenden stundenlangen Verhöre bei der Polizei gelöscht. "Es war ein Albtraum, als wäre es gestern gewesen."

Die Kronberger Galeristin hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie sei eine liebe und bescheidene Frau gewesen, gesellig und positiv, obwohl sie es als Ehefrau eines Halb-Juden im Dritten Reich nicht leicht hatte. Geheiratet hatten die Eltern in Afrika. 1951 wurde der Vater Intendant an den städtischen Bühnen in Frankfurt. Fünf Jahre später verließ er die Mutter seiner beiden Töchter wegen einer anderen Frau. "Das hat sie sehr unglücklich gemacht."

Betsy Buckwitz heiratete kein zweites Mal. Sie hatte einen großen Freundeskreis und spielte leidenschaftlich gerne Bridge. Nur freitags nicht. Da blieb sie zuhause. Auch der 10. Juni war ein Freitag. Der Täter muss über die Terrasse gekommen sein. Kannte er sein späteres Opfer? Woher wusste er, dass die 74-Jährige den schönen alten Schmuck besaß, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte? Unter welchen Umständen starb sie?

Das alles sind Fragen, die Sybille Buckwitz seit 19 Jahren umtreiben. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, hofft sie, wird ihr zumindest einige Antworten liefern. Vielleicht findet sich sogar noch das eine oder andere Schmuckstück ihrer Großmutter. In den ersten Jahren nach der Tat hatte Sybille Buckwitz Trödelläden und Antikmärkten danach abgeklappert - vergeblich. Auch das Engagement eines Privatdetektivs erwies sich als teurer Flop. Sie hatte ihn auf einen Mann angesetzt, den sie verdächtigte. Grundlos, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Ja, man überlegt, wer im Bekanntenkreis zu einer solchen Tat fähig wäre, wer Geldprobleme haben könnte. Wird misstrauisch. Kann die Bilder der entstellten Getöteten nicht vergessen: "Das lässt Sie nicht los."

Ein Mensch, der zu einer solchen Tat fähig ist, verdient kein Mitleid, sagt die Galeristin. "Das ist so ungerecht, unverschämt, dass jemand in zwei Leben eingreifen und sie zerstören kann." Die persönlichen Umstände, die Familie des mutmaßlichen Täters sind ihr egal: "Er ist die geborene Bestie und der einzige Mensch, den ich hasse."

An der Zuverlässigkeit der Polizei hat Sybille Buckwitz nie gezweifelt. Und sie geht davon aus, dass der Tod ihrer Mutter nicht der letzte Kriminalfall sein wird, der nach Jahrzehnten aufgeklärt wird. Die neuen Untersuchungsmethoden ermöglichen es, Tätern auch nach so langer Zeit auf die Spur zu kommen. Bedingung: Sie fallen noch einmal polizeilich auf. So wie der Mann aus Schmitten. Ihm war im Rahmen eines Verfahrens wegen sexueller Nötigung eine DNS-Probe entnommen worden.

Irgendwann ist der Täter gefunden. Durch einen Zufall. Sybille Buckwitz hat die ganzen 19 Jahre daran geglaubt.

Auch interessant

Kommentare