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Nasenabstriche für Schnelltests sollen das Coronavirus aufspüren. Wer „negativ“ ist, gefährdet Angehörige weniger.
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Nasenabstriche für Schnelltests sollen das Coronavirus aufspüren. Wer „negativ“ ist, gefährdet Angehörige weniger.

Interview

„Blutsverwandtschaft macht nicht immun gegen das Virus“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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  • Pitt v. Bebenburg
    Pitt v. Bebenburg
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Der Sozialminister in Hessen, Kai Klose (Grüne), spricht über die Corona-Regeln an Weihnachten, die Lage in den Kliniken und Ehrlichkeit beim Impfen.

Das Jahr 2020 war für alle ein lehrreiches Jahr. Besonders viel gelernt hat Hessens Sozialminister Kai Klose. Im Interview zieht der Grünen-Politiker eine erste Bilanz zum Umgang mit dem Coronavirus und sagt, warum ein Blick in die Glaskugel schwierig ist.

Herr Klose, mit wie vielen Hausständen feiern Sie Weihnachten?

Seit langem mit zwei. Und daran ändert sich auch nichts.

Der November-Lockdown wurde damit begründet, dass wir Weihnachten zusammen feiern wollen. Daraus wird nun nichts. Was ist schiefgelaufen?

Wir in Hessen haben uns bezüglich Weihnachten nie so weit aus dem Fenster gelehnt. Der sogenannte Lockdown light hat leider nicht ausgereicht, damit die Kurve sinkt. Das liegt an vielen Faktoren. Eine Grundvoraussetzung, damit es gelingt, ist der Gemeinsinn, die Eigenverantwortung. Ohne die bekannten Regeln AHA-L (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften, d. Red.) geht es nicht. Es scheint, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich sehr klare Ge- und Verbote wünscht. Der reine Appell, sich vernünftig zu verhalten, reicht nicht aus. Das ist für mich als liberaler Geist, der an Aufklärung und Eigenverantwortung glaubt, nicht ganz einfach einzusehen.

CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt, wir werden uns viel verzeihen müssen. Was muss man Ihnen verzeihen?

In einer Situation wie dieser, in der wir oft improvisieren müssen, laufen natürlich auch Dinge schief – auch wenn wir alle nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Was ich mir bis heute schwer verzeihen kann, ist das Aufzugfoto, auf dem wir in der Uniklinik Gießen in einem Lift so nah beieinander stehen. Eine dumme Unachtsamkeit, die uns als Vorbildern nicht hätte passieren dürfen. Eine echte Bilanz werden wir wohl erst ziehen können, wenn die Impfraten so sind, dass wir zu einer Normalität zurückkehren können, die allerdings anders sein wird als die vor Covid.

Anders als beim ersten Lockdown haben Sie jetzt kein Besuchsverbot in den Pflegeheimen erlassen. Haben Sie hier auch gelernt?

Man lernt im Umgang mit dem Virus ständig hinzu. Die Maske war anfangs verpönt. Damals wussten wir wenig darüber, wie das Virus funktioniert. Aus der damaligen Sicht war der Reflex richtig, besonders gefährdete Menschen stark zu schützen. Das hat zur sozialen Isolation der Menschen beigetragen, was niemand will. Bei unseren wöchentlichen Gesprächen mit den Pflegeheimen haben wir dann mit den Trägern und Pflegeaufsichten ein Schutzkonzept entwickelt, das beschränkte Besuche ermöglicht.

Es gibt viele Kliniken, die immer noch alle möglichen Eingriffe machen, weil sie keine Pauschale bekommen, wenn sie Betten für Covid-Patient:innen freihalten. Warum zögern Sie, die elektiven Eingriffe zu verbieten?

Das fällt in die Kategorie Lektionen aus dem Frühjahr. Es geht um Eingriffe, die nicht akut notwendig sind, aber in jedem Fall medizinisch sinnvoll. Das kann eine onkologische Operation sein, eine Hüft-OP oder etwas anderes Wichtiges. Viele dieser Eingriffe sind im Frühjahr schon verschoben worden. Wir geben den Kliniken vor, welche Kapazitäten sie für Covid-19-Patientinnen und -Patienten freihalten müssen. Wenn sie in der Lage sind, darüber hinaus elektive Eingriffe vorzunehmen, ist das nicht verboten. Damit können die Krankenhäuser dem ökonomischen Druck begegnen. Denn die Freihaltepauschale, die der Bund im Frühjahr gezahlt hat, gibt es so jetzt leider nicht mehr. Im Übrigen hatte das komplette Verbot der elektiven Eingriffe im Frühjahr ja vor allem das Ziel, die persönliche Schutzausrüstung zu schonen.

Zur Person

Kai Klose ist seit 2019 hessischer Minister für Soziales und Integration. Er lebt mit seinem Lebenspartner in Idstein.

Der 47-Jährige hat Germanistik und Politikwissenschaft auf Lehramt studiert, trat 1995 bei den Grünen ein und war von 2013 bis 2019 Vorsitzender der Landespartei. Von Oktober 2017 bis Januar 2019 war Klose Bevollmächtigter für Integration und Antidiskriminierung im Kabinett Bouffier. jur

Das Personal in den Pflegeheimen ist knapp. Warum keine Medizinstudierende anheuern, die dann das Testen übernehmen?

Das Personal ist in der Pflege leider schon lange knapp. Die Situation hat sich jetzt noch einmal verschärft, weil Pflegepersonal sich zum Teil selbst infiziert hat oder aus anderen Gründen krank ist. Wir bieten Unterstützung. Doch im Moment werden Menschen mit ähnlichen Qualifikationen an vielen Stellen gebraucht: für die Kontaktpersonennachverfolgung, zur Unterstützung im Krankenhaus und im Pflegeheim, in den Impfzentren. Die Situation ist unbefriedigend und lässt sich leider nicht kurzfristig lösen, wir schaffen aber zum Beispiel das Schulgeld für Pflegeberufe ab.

Laut dem ärztlichen Direktor der Frankfurter Uniklinik, Jürgen Graf, sind die Personaluntergrenzen für die Intensivstationen auf absehbare Zeit nicht einzuhalten. Ist das besorgniserregend?

Das ist erstmal eine Realitätsbeschreibung, die vor allem die dort arbeitenden Menschen trifft. Die Untergrenzen haben den wichtigen Zweck, dass es zu keiner Dauerbelastung in der Normalsituation kommt. Aber in der aktuellen Situation, mit durch Covid stark belasteten Normal- und Intensivstationen, wäre es fahrlässig, starr auf der Personaluntergrenze zu bestehen. Denn dann müsste man möglicherweise Patienten abweisen. Um das etwas auszugleichen, beteiligen wir uns am Bonus für Pflegekräfte in Altenheimen und Kliniken.

Schauen wir nach vorne: Beim Impfen kommt es auf das Vertrauen der Bevölkerung an. Was ist, wenn eine betagte Person, die vielleicht sowieso gestorben wäre, wenige Tage nach einer Corona-Impfung stirbt und dann der Eindruck entsteht, dass Impfen gefährlich sei? Wie wollen Sie das verhindern?

Der beste Weg heißt Transparenz und Ehrlichkeit: Es wird Situationen geben, wie Sie sie beschrieben haben, dass jemand heute geimpft wird und übermorgen verstirbt. Das kann passieren, aber das sagt nichts über die Ursache aus. Wir wissen, dass es Menschen gibt, die impfskeptisch sind. Ich sage: Impfen ist eines der wirkungsvollsten Instrumente, die uns die Medizin präventiv zur Verfügung stellt. Deswegen ist es so wichtig, dass jetzt gerade Medizinerinnen und Mediziner sagen, dass sie sich gegen Corona impfen lassen. Das ist enorm vertrauensbildend.

Wie geht es nach den Winterferien weiter? Gibt es Vorbereitungen für die Öffnung von Schulen, Geschäften und Kultureinrichtungen? Oder gehen Sie jetzt alle in die Winterpause?

Die Winterpause fällt für alle Verantwortlichen aus. Selbstverständlich überlegen wir alle, wie es nach dem 10. Januar weitergehen soll. Das wird davon abhängen, wie sich die Zahlen entwickeln und ob man Erfolge des harten Lockdowns sehen kann. Davon hängt ab, wie schnell wir von den hohen Infiziertenzahlen herunterkommen. Wir wollen keinen Moment erleben, in dem unsere Krankenhäuser nicht mehr in der Lage wären, alle Schwer- und Schwerstkranken zu versorgen. Wir versuchen zu prognostizieren, wie sich die Zahl der Neuinfizierten heute auf die Zahl der stationär zu Versorgenden in zwei oder drei Wochen auswirkt.

Es sieht ja danach aus, dass es am 10. Januar nicht besser sein wird als heute, sondern eher schlechter.

Was die Lage in den Kliniken angeht, könnte das so sein. Aber es sind so viele Variablen in dem System, dass man es wirklich nicht genau vorhersagen kann. Einerseits kommen jetzt die Impfungen. Andererseits müssen wir mit dem mutierten Virus, das infektiöser sein soll, neu nachdenken, wenn es in Deutschland auftritt. Ich finde die Forderung nach einer langfristigen Strategie berechtigt. Aber gerade im Moment wird jeder Plan innerhalb von 24 Stunden schon umgeworfen. Ich verstehe das Bedürfnis nach dem Blick in die Kristallkugel. Aber wir arbeiten mit dem, was ist.

Kai Klose.

Aber es kann sein, dass der Lockdown noch lange notwendig ist, wenn es insgesamt nicht gelingt, die Zahlen vorher nach unten zu bringen?

Das kann sein. Das kann niemand ausschließen.

Also Lockdown bis zum Frühjahr?

Ich hoffe, dass wir jetzt alle diszipliniert mitziehen, auch aus jeweils eigenem Interesse.

Wie wird Weihnachten 2021?

Hoffentlich weiß. Und hoffentlich weniger schwermütig. Mir fehlen ja selbst die vielen sozialen Kontakte. Das Sichbegegnen, sich mit Menschen austauschen, auch mal ausgelassen feiern. Das geht nun mal in diesem Jahr nicht.

Aber nächstes Jahr wieder?

Jetzt wollen Sie die ganz große Langzeitprognose. Wenn der Impfstoff die Hoffnung erfüllt, die wir in ihn setzen, dann könnte es im nächsten Jahr wieder gehen. Unter der Voraussetzung, dass wir alle mitmachen und uns impfen lassen. Das ist ganz wichtig. Wir müssen die 60 bis 70 Prozent erreichen.

Finden Sie es eigentlich richtig, dass an Weihnachten nun doch so viele Hausstände zusammen feiern dürfen?

Auch Blutsverwandtschaft ist nichts, was immun macht gegen das Virus. Man muss nicht jede Zahl ausreizen, die die Verordnung erlaubt. Man kann auch über Weihnachten die Regeln beherzigen, die sonst gelten: Maximal fünf Personen aus bis zu zwei Hausständen. Ich setze auf die Vernunft der Menschen. Das Virus läuft nicht allein über die Straße: Je stärker wir unsere Kontakte reduzieren, desto schneller sind wir durch mit dem Thema Pandemie. Dazu kann jeder beitragen.

Interview: Jutta Rippegather und Pitt von Bebenburg

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