Auf der Sonnenseite

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2000 Mauereidechsen haben Umzug anscheinend verkraftet / Biologen betreuen Projekt

Auf der sonnenbeschienenen, zerklüfteten Felswand am Seeufer tut sich was. Eine kleine braune Eidechse setzt einem Artgenossen nach: "Hier wird ein Revier verteidigt, das zeigt, dass sie sich schon eingelebt haben", freut sich Martin Schroth. Denn hier im Naturschutzgebiet in Mühlheim-Dietesheim, in dem früher einmal Basalt abgebaut wurde, sind die Reptilien erst seit einigen Wochen zuhause.

Zuvor lebten die Mauereidechsen im nahen Hanau auf dem alten Gleisbauhof, auf dem in Kürze die Bauarbeiten für ein Wohn- und Geschäftszentrum beginnen sollen. Die wärmeliebende Eidechse ist wohl als blinder Passagier in Güterzügen dorthin gereist, erzählt der Biologe, denn eigentlich lebt sie eher im Südwesten Deutschlands.

In Hanau wurden etwa 2000 der geschützten Tiere entdeckt, für die eine Lösung gefunden werden musste. Doch wohin mit 2000 Mauereidechsen? Biologe Schroth, der bei der Unteren Naturschutzbehörde Hanau unter anderem für den Artenschutz zuständig ist, wusste Rat: "In den Dietesheimer Steinbrüchen gibt es die ideale Umgebung für die Tiere", fiel dem Biologen auf. Zudem: "Die Mauereidechsen sind ungeheuer flexibel", hatte er an anderen Orten beobachtet.

Und die flinken Reptilien machen sich in dem weitläufigen Gebiet offenbar schon breit. Nahe der besten Sonnenplätze huschen einige der unauffällig gefärbten hellbraunen Tiere über die Wege, haben sich von den drei Aussetzungsplätzen entfernt, um sich einen dauerhaften Wohnort zu suchen. Obwohl die Umsiedlungsaktion weiter läuft - 500 Echsen müssen noch eingefangen werden - sieht es aus, als ob bereits jetzt, einige Wochen nach Beginn der Aktion, von einem Erfolg gesprochen werden kann.

Aber so einfach machen es sich die Beteiligten nicht. Fünf Jahre lang wird die Entwicklung der Tiere beobachtet, dieses so genannte Monitoring übernimmt eine Gruppe Fachleute, die auch die Umsiedlung organisiert: Experten des Senckenbergischen Forschungsinstituts Frankfurt und der Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen.

Zu dem Erfolg des Projekts sollen außerdem gründliche Vorbereitungen beitragen. Neben dem, was Fachmann Schroth ein "optimales Habitat" nennt - also die sonnigen, weitgehend bewuchsfreien Basaltblöcke, die Spalten für den Rückzug und die Eiablage bieten - muss das Nahrungsangebot am neuen Wohnort stimmen. In den ehemaligen Steinbrüchen wimmelt es von Insekten, der Tisch ist also reich gedeckt. Wichtig auch: Das vorhandene ökologische Gleichgewicht darf nicht durcheinandergebracht werden.

Kritische Stimmen brachten die vermeintliche Konkurrenz zu der Zauneidechse vor, die ebenfalls in den Steinbrüchen lebt, berichtet Schroth. Aber: "Die beiden Eidechsenarten bewohnen unterschiedliche Lebensräume - die Zauneidechse nutzt die sandigen Böden, um sich einzugraben", Felsen dagegen besiedelt sie nicht. Und reicht die Beute auch für alle? Ja, meint der Biologe, es ist genug da.

In den Dietesheimer Steinbrüchen lassen es sich viele gut gehen: eine Nachtigall singt, Kuckucksrufe ertönen ringsum und ein Eisvogel flitzt über einen der vielen Seen. Aber auch Jogger, Radfahrer und Spaziergänger genießen die idyllische Umgebung. Denn die Dietesheimer Steinbrüche sind auch Naherholungsgebiet. Doch das scheint die Mauereidechse nicht zu stören, "sie ist robust", meint Schroth. Und tatsächlich: Direkt auf der Brücke über einem der Seen haben es sich zwei bequem gemacht, und lassen sich entspannt aus der Nähe bewundern.

Gute Aussichten also. Doch das ist nicht bei allen Umsiedlungen von Tieren der Fall, die nicht nur von Politikerseite oft für unsinnig erklärt, sondern teilweise auch seitens der Naturschutzverbände kritisiert werden. "Bei jeder Tierart muss sehr genau geprüft, die artspezifischen Bedürfnisse beachtet werden", sagt Schroth.

Wie es nicht sein soll, erklärt der Naturschutzexperte am Beispiel des Feldhamsters. Da der geeignete Lebensraum für den selten gewordenen Nager äußerst rar sei, seien Populationen, die einem Bauprojekt im Wege waren, schon mal dorthin umgesiedelt worden, wo bereits andere Feldhamster lebten. "Das führte am Ende dazu, dass die Tiere sich gegenseitig töteten", erzählt Schroth. So etwas sei eine reine "Alibi-Aktion"Und: "Das Problem, das wir im Naturschutz generell haben, ist, dass die Lebensräume immer kleiner werden." Da helfe das Umsiedeln im besten Fall zwar den aktuell betroffenen Tieren, aber eine generelle Lösung für alle Konflikte, die sich zwischen Artenschutz und Bauprojekten auftun, sei das Umsiedeln nicht,betont der Biologe.

Für die Hanauer Mauereidechsen sieht es dennoch nach einem Happy End aus. Und vielleicht machen sie bald das, was Mauereidechsen so tun, wenn sie sich in der Morgensonne richtig wohl fühlen: "Dann fangen sie an, mit ihren Zehen auf den Boden zu trommeln, als ob sie Klavier spielen", erzählt Schroth und lacht.

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