+
Sprüht vor Begeisterung für die Kulturszene: Tilman Döring.

Song Slam in Hessen

Song Slam in Hessen in Planung

  • schließen

Tilmann Döring, wahnsinniger Poetryslammer und Kulturaktivist, will einen hessenweiten Song Slam etablieren. Zwei bis vier Termine in neun Städten sind geplant. Bislang.

Mit Tilman Döring zu sprechen, ist gefährlich. Die Begeisterung des Kulturaktivisten steckt an. Nach kurzer Zeit möchte man alles liegen lassen, eine Gitarre kaufen, ein Lied dichten. Einfach nur, um dabei zu sein. Bei Dörings neuestem Streich: dem Song-Slam Hessen.

Dem was? Nun, ein Song-Slam ist wie ein Poetry-Slam, nur eben mit Liedern statt Gedichten. Künstler tragen auf der Bühne selbst Komponiertes mit lyrischem Text vor. Sie haben so um die sechs Minuten Zeit. Das Publikum bewertet lyrischen Gehalt, Süße der Melodei, Kunstfertigkeit des Vortrags, Wirkung des neckischen Augenaufschlags, modische Kompetenz der Künstler und und und.

Poetry-Slams gibt es seit vielen Jahren bereits an jeder Ecke, sie erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Song-Slams gibt es nicht ganz so viele. Tilman Döring arbeitet aber daran, das zu ändern. Zusammen mit dem Konzertbüro Bahl aus Pohlheim bei Gießen. Zu gewinnen gibt es meist eine goldene Ananas, also Ruhm und Ehre. Auch das möchte Döring, äh, verbessern. Beim Song-Slam Hessen werden Ruhm und Ehre nämlich noch größer sein und die Ananas noch güldener.

Immerhin hat der Impresario mit besagtem Konzertbüro Bahl einen potenten Partner aus der Musikbranche als Mitveranstalter im Boot. „Da kommen zwei ähnlich größenwahnsinnige Köpfe zusammen“, sagt Döring. Denis Bahl organisiert seit 20 Jahren Musikveranstaltungen, er beschäftigt Döring als Webmaster und Booker. „Aus der Arbeit hat sich eine Freundschaft entwickelt“, sagt Döring. Und eben die Idee, den Song-Slam aus seinem Nischendasein zu befreien und etwas ganz Großes daraus zu machen. Nicht weniger als der „größte Newcomer-Songwettbewerb des Landes“ soll er werden.

Los geht’s am Donnerstag, 25. Januar, im Club Gleis 1 in Kassel. Es folgen zig Konzerte im ganzen Land, in Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt. „In den coolsten Locations in den schönsten Metropolen“, wie Döring sagt. Ein großes Finale oder eine Hessenmeisterschaft sollen folgen. Die Reihe soll den Künstlern schließlich nachhaltig etwas bieten, sie sollen ihren Bekanntheitsgrad ausbauen und so größere Konzerte ergattern. Als Support für die Künstler der Konzertagentur Bahl etwa – Nena, Roger Hodgson, die Chippendales.

Döring träumt sogar von Expansion. Vielleicht wird aus dem Hessen-Slam irgendwann einmal ein deutschlandweites Event. Einen Termin im „hessischen Wurmfortsatz“  Göttingen gibt es bereits. Es würde niemanden ernsthaft verwundern. Döring hat einen guten Namen in der Szene, seine Veranstaltungen laufen. Mit gerade mal 28 Jahren ist er bereits ein alter Hase im Geschäft.

Vermutlich sind die Eltern Schuld. Döring Senior ist der renommierte Autor Kurt Drawert. Döring Junior kommt zwei Wochen vor Mauerfall in Leipzig zur Welt und bezeichnet sich gerne als der letzte lebende DDR-Schriftsteller. Seine Mutter ist Fotografin, Döring Junior muss von Kindesbeinen an als Model dienen. Kein Wunder also, dass er Performer und Autor wird.
Die Familie reist mit dem Vater von Stadt zu Stadt, von Literaturstipendium zu Stipendium, unter anderem an der Villa Massimo in Rom.

In Darmstadt wird sie heimisch. Döring Junior schreibt und tritt auf, aber bald wird dem jungen Lyriker bewusst, dass er nicht nur gerne als Künstler auf der Bühne steht. Er hat auch große Freude daran, als Veranstalter aufzutreten. „Es ist toll, wenn Konzepte aufgehen“, sagt er. Döring organisiert eine Lesebühne, Poetry-Slams, daraus entwickelt er – als einer der ersten – einen Song-Slam. „Wir hatten immer Singer-Songwriter beim Poetry-Slam als Feature für zwischendurch.“

Die Schauspielschule hat er allerdings schnell wieder aufgegeben. „Ich bin kein Schauspieler, ich bin Selbstdarsteller“, sagt er und setzt sein Christian-Lindner-Gesicht auf – den „FDP-Posterboy“ hält er für eine „sehr gute Inszenierung“. Döring grinst. In Hildesheim entdeckt er ein Studium, das ihn begeistert: Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Das Studium finanziert er sich mit Auftritten und Moderation, nebenher hat er Webdesign als weiteres Standbein entdeckt. Seine selbst erwählte Berufsbezeichnung: Kulturverstärker. Das passt.

Döring ist nicht der Typ, der die Füße hochlegt. Wenn, dann nutzt er die Gelegenheit, Nachrichten in sein Handy zu tippen. Sich zu vernetzen ist sehr wichtig in der Kultur. Genau das soll auch der Hessen-Slam leisten. „Es gibt wahnsinnig viele Indiemusiker, die keine Szene haben, sich nicht treffen und austauschen können“, findet Döring. Das passiere aber mehr und mehr bei den Song-Slams.

Angst, den Markt zu übersättigen, hat Döring nicht. In Frankfurt gibt es drei Poetry-Slams, sagt er. Alle laufen gut. Wichtig ist ihm, die Veranstaltungen regional zu verankern. „Wir kooperieren vor Ort mit dem jeweiligen Poetry-Slam.“ Seine Anfrage sei überall auf große Resonanz gestoßen, sagt Döring. Jede Stadt habe ihr eigenes Slam-Gesicht.

Felix Römer moderiert in Kassel, auch so eine prägende Figur der Poetry-Szene. In Wiesbaden ist Jens Jekewitz an Bord, der seit 20 Jahren dort die wilden Worte gastgibt. Darmstadt tritt mit Holger Rößer an. Frankfurt ist die einzige Stadt, in der es nun zwei Song-Slams gibt. Bei beiden ist Dirk Hülstrunk beteiligt. Beim Hessen-Slam unterstützt ihn Ole Bechtold.

Als alles gesagt ist, folgt ein hektischer Abschied. Mit großen Schritten strebt der Kulturverstärker Döring in Richtung Auto, dampft in ein paar Zügen eine Zigarette durch. Über die Schulter ruft er: „Wenn Du auftreten möchtest, sag mir Bescheid.“ Schnell, denkt der Journalist, in den Musikladen: Gitarre kaufen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare