Seligenstadt

Mit Software für virtuelle Messen aus der Krise

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Eine Seligenstädter Webdesign-Agentur hat sich selbst aus dem Corona-Schlamassel gezogen - und verhalf einem Messeveranstalter dadurch zu doppelt so vielen Besuchern.

Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken.“ Frank Müller aus Seligenstadt würde diesen Satz, den Brad Pitt im US-Drama „Fight Club“ von sich gibt, wahrscheinlich unterschreiben. Er ist mit seiner Firma aus eigener Kraft der Corona-Krise entflohen, hat sich erfolgreich in einem neuen Geschäftsfeld versucht. CFM_media hat in den vergangenen Wochen eine Software entwickelt, mit der virtuelle Messen und Seminare möglich sind. Das beschert der Webdesign-Agentur jetzt mehr Aufträge als in der virusfreien Zeit. Müller muss sogar zusätzliche Mitarbeiter einstellen, um des Auftragsvolumens Herr zu werden.

Ein Hilfeschrei des Veranstalters des IT-and-Career-Summits (ITCS) hat bei der Seligenstädter Agentur für volle Auftragsbücher gesorgt. Die Technik- und Jobmesse, auf der sehr viele namhafte Aussteller um IT-affine Studenten und Absolventen werben, hatte stets rund 3000 Menschen nach Darmstadt gelockt und sollte am 1. Juli wieder stattfinden. Doch wegen Corona war daran nicht zu denken. Eine virtuelle Messe sollte die Lösung sein – aber mit einer Standardsoftware war das nicht machbar. „Die brauchten eine individuelle Lösung“, sagt Müller. So kam seine Firma ins Spiel.

In den ersten drei Wochen konzipierten seine 25 Mitarbeiter, in den nächsten drei Wochen programmierten sie. „Innerhalb von sechs Wochen haben wir die virtuelle Messe aufgebaut“, sagt er stolz. Alle Aussteller konnten ihre Messestände im Internet gestalten, wie sie wollten – mit Texten, Fotos oder sogar mit bewegten Bildern. Jeder Besucher konnte mit jeder Firma chatten und in dem Chat auch gleich seine Bewerbung absenden. Fast alle Aussteller bekamen virtuell auch Visitenkarten zugeschickt. „Auf einer normalen Messe gehen die Besucher meist dorthin, wo es am besten riecht“, sagt Müller. Hier war das anders: Zwei Stunden lang ging es ohne Ablenkung durch die virtuelle Messe. Livestreams mit Rednern vor Ort wurden angeschaut, Workshops und Seminare virtuell besucht.

Das Ergebnis spricht für sich: 5000 Messebesucher waren da – fast doppelt so viele wie in „normalen“ Zeiten. „Wir sind selbst überrascht, wie erfolgreich das war“, sagt Müller. Er glaubt zwar, dass man „Face to Face“ bei Messen auf Dauer nicht völlig ersetzen kann, setzt aber auf eine Hybridlösung in der Zukunft.

Der Erfolg von CFM_media ist umso bemerkenswerter, als die Webdesign-Agentur eigentlich auf die Entwicklung von Internetseiten in der Touristik spezialisiert war. Das Geschäft lief gut: Thomas Cook, Alltours, ETI, DerTour, Sunny Cars und viele andere namhafte Reiseveranstalter vertrauten auf das Seligenstädter Unternehmen. „Es gibt uns seit 15 Jahren. Seit zehn Jahren haben wir fast ausschließlich für Touristikunternehmen Webseiten-Software programmiert“, sagt Müller.

Im Vorjahr investierte er kräftig in neue Technik, die dann in einem großen Event 200 Entscheidern aus ganz Deutschland vorgestellt wurde. „Im Dezember und Januar wurden wir daraufhin von Anfragen aus der Touristik überrannt.“ Doch dann kam die Insolvenz von Thomas Cook, der ehemaligen Thomas-Cook-Tochter Tour Vital sowie eines weiteren Veranstalters. Und dann kam das Virus – und mit ihm gewaltige Umsatzeinbrüche in der Touristikbranche. Von heute auf morgen waren die Aufträge der Seligenstädter Agentur futsch.

Frank Müller handelte wie viele andere Firmenchefs: Er informierte sich über Kurzarbeit und Soforthilfe. „Wir waren vier Wochen lang in Schockstarre“, blickt er zurück. Dann ging er auf die Stadt Seligenstadt zu, bot ihr an, ein Gutscheinportal aufzubauen – so wie es andere Städte schon verwirklicht hatten. „Innerhalb von sieben Tagen war seligenstadt-liebe online“, sagt Müller. Vier Wochen später klopfte die Nachbarstadt Rodgau an, und sehr schnell ging das Portal rodgau-helfen online, das es möglich macht, sich in den ortsansässigen Geschäften erst online umzuschauen, bevor man hingeht.

Jetzt will Müller auch den Reisebüros helfen. „Kunden sollen mit ihnen virtuell so kommunizieren können, als würden sie im Reisebüro sitzen.“

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