1. Startseite
  2. Rhein-Main

So viele Menschen, so viele Geschichten

Erstellt:

Von: Jürgen Streicher

Kommentare

Die Ausstellung „Lebenspfade/Sciezki zycia. Polnische Spuren in RheinMain“, im Haus der Heimat, Wiesbaden. Michael Schick
Die Ausstellung „Lebenspfade/Sciezki zycia. Polnische Spuren in RheinMain“, im Haus der Heimat, Wiesbaden. Michael Schick © Michael Schick

Die Ausstellung „Lebenspfade“ in Wiesbaden im „Haus der Heimat“ verweist auf die vielen polnischen Spuren im Rhein-Main-Gebiet. Zu sehen sind fünfzig Porträts ausgewählter Personen und ihre Biografien in Fotografien und Dokumenten.

Zu Josef Wodniak fehlt die Geschichte. Und doch ist sein Name präsent, groß mit Schablonen auf eine zusammengenagelte Holzkiste gedruckt. Über das Lager Friedland ist sie irgendwann in den Westen Deutschlands gelangt, nach Wiesbaden. Eine typische „Aussiedlerkiste“, sagt Andrzej Kaluza, ein Symbol jener ersten frühen Migrantenwelle aus Polen, als das Lager bei Göttingen ein Scheidepunkt zwischen Ost und West war.

Im „Haus der Heimat“ in der Friedrichstraße weist die Kiste den Weg zu den Geschichten anderer Menschen, die wie Josef Wodniak aus Polen stammten und ihr Glück in Deutschland gesucht haben. Kaluza hat die Ausstellung „Lebenspfade“ kuratiert.

So viele Menschen, so viele Geschichten. Einzigartige, besondere Geschichten, sichtbare und versteckte. „Lebenspfade“ verweist auf „Polnische Spuren in RheinMain“. Fünfzig Porträts ausgewählter Personen, ihre Biografien in Kürze, Fotografien, dazu Dokumente in Vitrinen. Einweisung in Notaufnahmelager, Zeugnisse, Geburtsurkunden, Studienbücher. Spuren von Leben, Puzzleteile aus Vergangenheit und Gegenwart. Sie alle haben Spuren hinterlassen, in Kunst, Musik und Literatur, in vielen Bereichen. Jene Migrant:innen, ungefähr 150 000, leben in der Region. Und doch würden sie die „Unsichtbaren“ genannt, sagte Andrzej Kaluza vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt bei der Eröffnung.

„Lebenspfade“ gibt ein paar von diesen Menschen Gesichter und erzählt ihre Geschichten. Kaluza, selbst einer von ihnen, 1987 nach Deutschland gekommen, treibt die Spurensuche seit Jahren um. Als Willy Brandt nach Polen kam und den Warschauer Vertrag unterzeichnete, war er in der Grundschule, studiert hat er in Breslau und Frankfurt, im Polen-Institut ist er heimisch geworden. Im Wiesbadener „Haus der Heimat“ ist der Landesverband des BdV Hessen Partner, dessen Kulturreferentin, Agnes Maria Brügging-Lazar, ist wie Kaluza gebürtige Polin, sieht sich heute als „Europäerin“, wie sie betont.

Die unsichtbaren Migrant:innen - auf den zwei Ausstellungsebenen mit 20 Schautafeln bekommen einige von ihnen ein Gesicht. Auch Dena, die eigentlich nicht so heißt. Ihr Gesicht wird nicht gezeigt, ihr wirklicher Name nicht genannt. Geboren 1984 kam sie Anfang der 2000er Jahre nach Frankfurt, arbeitete in einem Bordell am Mainufer, eine von damals etwa 30 000 Polinnen in Deutschland in diesem Geschäft. Die Familie daheim wusste nicht, dass sie als Prostituierte arbeitete, sie wollte „es zu Hause allen zeigen“, vermerkt sie kurz in einem Text zu einer Reportage, die sie mit einer deutschen Fotografin erarbeitete.

Eine andere Seite extremen Lebens repräsentiert die als spielsüchtig geltende Gräfin Sophie Kisseleff, die regelmäßig im Kasino Wiesbaden verkehrte, noch mehr Spuren aber in der Kurstadt Bad Homburg hinterließ, wo sie zu den leidenschaftlichsten Spielerinnen gehörte. Ob sie wohl Vorlage für die spielsüchtige Babuschka in Dostojewskis „Der Spieler“ war, nun ja, eine Randnotiz. Noch heute erinnert ein Straßenname am Kurpark an die exzentrische Spielerin mit polnischen Wurzeln, dort steht auch das Hotel „Villa Kisseleff“.

Die Kuratoren haben bewusst vielschichtig Menschen für ihre Porträts ausgesucht. Musiker, Filmemacher und Arbeiter:innen wie die Pflegerin Barbara Wegiel und den Landarbeiter Franz Paulinski, den Historiker und Mitbegründer der jüdischen Gemeinde Frankfurt Arno Lustiger, der, so Kaluza, „Jahrzehnte auf gepackten Koffern saß und nach Amerika wollte“ und in Frankfurt blieb und starb. Aber auch Piotr und Grzegorz bekommen ein „Gesicht“, die zwei nie wirklich Angekommenen, für die der Flughafen Rhein-Main ihr fragwürdiges Zuhause geworden ist. Zum Arbeiten nach Deutschland gekommen, zum Pfandflaschen sammeln in der Abflughalle geblieben.

Die Ausstellung ist bis zum 2. Dezember zu sehen, Mo., Di. und Fr. von 10-16 Uhr, Mi. und Do. von 12-18 Uhr. Ab 8. Dezember dann in der „Rhein-Main-Neckar-Galerie“ im Foyer des Landratsamtes Heppenheim, Graben 15.

Auch interessant

Kommentare