Obdachlose in Not: Wenn selbst das Geld für genügend Trinkwasser fehlt
+
Im Winter ist die Situation für Obdachlose wegen Corona verschärft.

Hintergrund

Situation wird nicht besser

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

Die Folgen der Corona-Krise für Obdachlose sind weiterhin groß. Es gibt weniger Schlafplätze in Noteinrichtungen für die kalten Wintertage.

Während sich das Leben für den Großteil der Menschen in Frankfurt in Corona-Zeiten weitgehend normalisiert hat, ist die sowieso schon schlechte Situation für wohnsitzlose Menschen weiterhin sehr prekär.

In die Bahnhofsmission kommen weiter täglich 300 bis 350 wohnsitzlose Menschen. „Das sind weitaus mehr als in den Jahren zuvor. Da lag die Besucherzahl bei 250 bis 300 am Tag“, sagt Carsten Baumann, Leiter der Bahnhofsmission. Die Situation der Menschen sei „sehr problematisch“. Das liegt auch an den Folgen von Corona.

Die Öffnungszeiten der Ämter ist immer noch eingeschränkt oder unterschiedlich. Für die Obdachlosen sind das große Hindernisse. „Die Leute benötigen Hilfe beim Ausfüllen der Anträge für die Sozialhilfe. Alleine schaffen sie das nicht“, sagt Baumann.

Auch im Weser 5 berichten Obdachlosen von ihren Problemen mit den Ämtern, sagt Jürgen Mühlfeldt, Leiter der Einrichtung. „Sie haben keinen Zugang zum Jobcenter. Für das Sozialamt müssen sie Termine Online vereinbaren, doch das ist für die meisten nicht machbar.“

Noch mehr Hürden haben Wohnsitzlose mit psychischen Erkrankungen. Für sie sei die Schwelle, eine Termin zu vereinbaren, zu hoch. „Eines darf man bei diesen Menschen auch nicht vergessen. Für sie stellt es eine große Last dar, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen oder die Abstände an der Essensausgabe einzuhalten“, sagt Baumann.

Bezogen auf den kommenden Winter, kann das Weser 5 nicht alle Schlafplätze anbieten. Die Anzahl liegt derzeit bei 35 Plätzen, doch wegen den Abstandsregeln darf die Einrichtung nur 20 bis 25 Schlafplätze anbieten. „Wir sind im ständigen Austausch mit dem Gesundheitsamt, auch um zu überlegen, wie wir regelmäßig Lüften können sowie Männer und Frauen optimal trennen“, sagt Mühlfeldt. Für die kalten Tage erwartet er unterdessen auch einen Ansturm von Wohnsitzlosen auf die Essensausgabe und Duschplätze.

Zahlen sind nur geschätzt

Wie viele Obdachlose in Frankfurt leben kann von den verschiedenen Trägern nur geschätzt werden. Denn bundesweit werden keine Obdachlosenstatistiken erhoben. Die Caritas geht von „mehreren Tausend Menschen ohne rechtlich abgesicherte Wohnung“ aus. Hinzu komme „eine Vielzahl an Menschen, die in versteckter Armut und Wohnungslosigkeit leben“.

Dazu zählen beispielsweise osteuropäische EU-Bürgerinnen und Bürger. Das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten (Amka) hatte im Sommer 2018 eine sozialwissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, um mehr über die Lebenswirklichkeit obdachloser EU-Bürger zu erfahren.

Die Obdachlosigkeit der Menschen war fast immer unfreiwillig und wurde von den Betroffenen als extrem belastende Zwischenphase wahrgenommen. Sie alle suchten eigentlich Arbeit und regulären Wohnraum. Teils hatten sie nach ihrer Ankunft in Frankfurt keine Wohnung gefunden, teils waren sie durch Krankheit oder Jobverlust auf der Straße gelandet. Roma und Sinti berichteten zudem von Diskriminierung.

Auch leben in Frankfurt obdachlose Jugendliche, dazu zählen unter anderem sogenannte Sofahopper, die bei Freunden oder Bekannten unterkommen und von Couch zu Couch ziehen.

Weil sie nicht direkt auf der Straße leben, tauchen sie in Obdachlosen-Statistiken nicht auf. Sie gelten als verdeckt obdachlos und akut gefährdet, völlig auf der Straße zu landen. Wie minderjährige Straßenkinder und junge volljährige Obdachlose gelten Sofahopper als sogenannte entkoppelte junge Menschen. Bundesweit geht man von 37 000 entkoppelten jungen Menschen aus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare