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Ines Claus ist neue Fraktionsvorsitzende der CDU im Hessischen Landtag.

Hessen

„Es sind Entscheidungen fürs Leben“

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Ines Claus steigt zur CDU-Fraktionsvorsitzenden auf, als erste Frau überhaupt in Hessen. Im Interview spricht sie über familienfreundliche Politik und die langsame Öffnung der Schulen.

Diese Personalentscheidung kam für alle überraschend: Seit zwei Wochen ist die 42-jährige Ines Claus neue Fraktionsvorsitzende der CDU im hessischen Landtag. Als erste Frau überhaupt steht sie an der Spitze der CDU-Fraktion. Die Juristin gehört seit einem Jahr dem Parlament an.

Frau Claus, aus der vierten Reihe der CDU-Fraktion in die erste: Wie fühlt sich das an?

Das kann ich nicht beantworten, ohne die Gesamtumstände zu sehen. Durch den tragischen Tod von Thomas Schäfer und das Nachrücken von Michael Boddenberg ins Ministeramt wurde die Position des Fraktionsvorsitzenden frei. Ich fühle eine große Dankbarkeit gegenüber der Fraktion, aber auch gegenüber dem Ministerpräsidenten, dass sie dieses Vertrauen in mich setzen. Das tut gut.

Sie sind als „junge Frau, Mutter von drei Kindern“ ins Amt eingeführt worden, Sie selbst haben „familienfreundliche Politik“ angekündigt. Sollen Sie zeigen, dass sich auch in der CDU Kinder und Karriere vereinbaren lassen?

Ich weiß nicht, ob ich das zeigen soll. Andere zeigen das ja auch schon. Ich persönlich mache das ganz automatisch, weil es zu mir gehört. Und zwar schon die ganze Zeit, ob als Wahlkreisabgeordnete oder davor als normal berufstätiger Mensch.

Was bedeutet „familienfreundlich“ für die Schulen? Ist mehr Ganztagsschule nötig?

Da ist unsere Position unverändert. Jedes Familienmodell hat seine Berechtigung. Wir stehen ganz deutlich für die Wahlfreiheit, und das werden wir weiter tun. Für diejenigen, die eine Betreuung brauchen, stellen wir sie zur Verfügung. In den vergangenen Jahren wurde unglaublich viel ausgebaut, wie es auch gesellschaftlich gewünscht war. So wird es in den nächsten Jahren weitergehen, dass man schaut: Welche Bedürfnisse gibt es? Darauf müssen wir dann reagieren.

Das Kernargument für die Ganztagsschule lautet, dass soziale Ungleichheit abgebaut werde und diejenigen, die zu Hause weniger Unterstützung hätten, sie in der Schule bekämen. Überzeugt Sie das nicht?

Ich bleibe dabei, dass für uns die Wahlfreiheit entscheidend ist. Diejenigen, die es brauchen, sollen es bekommen. Aber es gibt die Eltern, die den Halbtagsunterricht wollen, und auch die wollen wir berücksichtigen. Deshalb bin ich gegen eine verpflichtende Ganztagsschule.

Wie erleben Sie die besondere Situation in der Corona-Zeit?

Ich habe das Homeschooling vor den Osterferien als sehr intensive Zeit erlebt. Es ist eine Zeit, in der wir mit den Kindern auf besondere Weise auf die Herausforderungen der Schule eingehen müssen. Das ist eine Ausnahmesituation, die man als solche wahrnehmen muss. Dabei gehören wir noch zu den Privilegierten, weil wir einen kleinen Garten haben. Das haben nicht alle. Deswegen finde ich es sehr gut, dass man angemessen auf die Situation reagiert hat und sagt: Man darf spazieren gehen, man darf rausgehen zu zweit oder als Familie.

Zur Person

Ines Claus  ist Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag. Die Juristin aus Bischofsheim (Kreis Groß-Gerau) ist Nachfolgerin des Frankfurters Michael Boddenberg, der zum Finanzminister berufen wurde.

Für die 42-jährige Claus  stimmten 29 Abgeordnete, während acht mit Nein votierten. Ines Claus will sich für „familienfreundliche Politik“ einsetzen. Sie hat drei Kinder, ihr Mann arbeitet als Hausarzt. pit

Was spricht dafür, in der Corona-Krise die Schulen zunächst für die älteren Schüler zu öffnen?

Dafür spricht, dass es um diejenigen geht, die eine Entscheidung im Leben zu treffen haben. Sie müssen entscheiden: Gehen sie weiter in die Oberstufe, beginnen sie eine Lehre? Für einen Beginn mit dieser Gruppe spricht auch, dass sie besser als die Jüngeren in der Lage sind, die Hygienerichtlinien einzuhalten.

Was bedeutet „familienfreundliche Politik“ mit Blick auf die Betreuungsangebote?

Ich denke, wir haben uns in den vergangenen Jahren schon gut aufgestellt. Wir haben unheimlich viel auf- und ausgebaut, damit Menschen in allen Bereichen arbeiten gehen können. Das zeigt sich jetzt auch in der Krise, wo die Notbetreuung schnell organisiert wurde. Wir werden sehen, welche Lehren wir aus der Krise für die Arbeitswelt ziehen müssen.

Die Arbeit am Menschen wird derzeit gelobt und mit Applaus bedacht. Gibt es darüber hinaus auch materielle Verbesserungen, die Sie für sinnvoll halten?

Die Krise wird sich auch in unseren Haushalten sehr deutlich niederschlagen, daher werden solche Entscheidungen erst nach deren Ende gefällt werden können …

Also keine Zusagen?

Wenn ich jetzt Zusagen machen würde, wäre das keine seriöse Politik – übrigens in keinem Bereich. Deswegen: Warten wir mal ab.

Bei Ihrer Wahl an die Fraktionsspitze haben Sie acht Gegenstimmen bekommen. Was tun Sie, um diese Abgeordneten auch noch von sich zu überzeugen?

Ich versuche, viel Gesprächsbereitschaft herzustellen. Das ist im Augenblick gar nicht so einfach, weil ich es lieber mag, wenn man sich trifft und sich in die Augen schauen kann. Ich möchte zeigen: Jeder Fachsprecher und jeder, der sich im Ausschuss einbringt, ist wichtig. Im Übrigen ist es nicht unüblich gewesen bei der Hessen-CDU, solche Ergebnisse einzufahren. Insofern weiß ich nicht, ob es wirklich meiner Person gegolten hat.

Was soll man am Ende der Legislaturperiode über Ihre Arbeit sagen?

Ich würde mich freuen, wenn man sagen würde: Das war genau die richtige Entscheidung, eine Generalistin an diese Stelle zu setzen, die neue Impulse gesetzt hat, das Team geführt hat und der Regierung den Rücken gestärkt hat.

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