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Arzt Manuel Wilhelm zeigt, wie die Puppe Paul nach einem Not-Kaiserschnitt untersucht und versorgt wird.

Gesundheit

Notfalltraining in Hessen an Frühchenpuppe

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Am Uniklinikum Frankfurt und an den Main-Kinzig-Kliniken kommt der hessenweit erste wirklichkeitsgetreue Simulator zum Einsatz.

Wenn ein gerade erst geborenes Frühchen um sein Leben kämpft, zählt jede Sekunde. Muss jeder Handgriff sitzen, dürfen sich Ärzte und Pfleger nicht von ihren Gefühlen überwältigen lassen, sondern müssen rational bleiben, richtig entscheiden und exakt vorgehen. Erst recht bei den besonders zarten Kindern, die 1000 Gramm oder weniger wiegen. In solchen Notfallsituationen ist es noch wichtiger, sie trainiert und Erfahrung gesammelt zu haben. Aber wie, zumal die Fallzahlen relativ niedrig sind?

Am Universitätsklinikum Frankfurt und an den Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen, die seit etwa 15 Jahren in der Neonatologie kooperieren, kann das Personal jetzt intensiv an Paul üben, einer „Frühchen-Simulatorpuppe“, die einem echten Baby sehr ähnlich sieht. Nach Angaben der Kliniken ist es weltweit die kleinste realitätsnahe und die erste, die in Hessen zum Einsatz kommt. Deutschlandweit wird an zehn Exemplaren geprobt. Paul wiegt ein Kilogramm, wie ein Junge, der in der 27. Schwangerschaftswoche, also ungefähr 13 Wochen zu früh zur Welt gekommen ist.

„Die Anatomie des Modells ist sehr realistisch, zum Beispiel der Atemgang“, sagt Professor Rolf Schlößer, Leiter der Neonatologie am Universitätsklinikum. Dadurch könnten nicht nur Routine-Tätigkeiten wie Temperatur messen oder Infusionen geben gründlich und in Ruhe trainiert werden, sondern auch der Umgang mit Atem- oder Herz-Kreislauf-Notfällen. Für Nachwuchsärzte sei das Intubieren, das in solchen Fällen oft notwendig ist, eine besondere Herausforderung. Dabei muss ein Schlauch in die kleine Luftröhre eingeführt werden.

Frühchen mit Sauerstoff zu versorgen ist besonders herausfordernd.

Nach den Worten von Schlößer arbeiten Behandelnde nach Trainingseinheiten mit dem Simulator besser und effektiver, wie wissenschaftliche Studien belegten. Junge medizinische Kräfte können so professioneller ausgebildet werden, erfahrene ihre Fähigkeiten festigen und ausbauen.

Zusammenarbeit im Team optimieren

Anna Büchel, Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin an den Main-Kinzig-Kliniken, hebt hervor, dass sich mit Hilfe der Puppe die Zusammenarbeit im Team ebenfalls optimieren lasse. Das Zusammenspiel sei gerade in kritischen Situationen „ein ganz wichtiger Baustein“, so Büchel.

Am Simulator wird nun in Frankfurt und Gelnhausen – etwa alle zwei Wochen wird gewechselt – gelernt, wobei auch Teams mit Fachleuten aus beiden Kliniken Paul zusammen behandeln. Den Kauf ermöglicht haben Spenden, die die Vereine Barbarossakinder – Pro Kinderklinik Gelnhausen und Kinderhilfestiftung Frankfurt gesammelt haben, insgesamt 50 000 Euro. Für Neugeborene hatten die Kliniken bereits eine Trainingspuppe, für die besonders sensiblen Frühchen noch nicht. Bettina Büdel, Vorsitzende des Fördervereins Barbarossakinder, bezeichnet die Anschaffung als „wichtigen Schritt“. Davon profitierten auch die Eltern betroffener Kinder, sie fühlten sich in einem Umfeld, das modern ausgestattet ist, optimal aufgehoben.

Pauls Gesundheitszustand kann digital gesteuert werden, so dass das behandelnde Team vor immer neue Aufgaben gestellt werden kann. Die Veränderungen, etwa bei der Herzfrequenz oder der Atmung, zeigen sich auch äußerlich, wirken fast echt: Wenn Paul zum Beispiel nicht mehr genug Sauerstoff bekommt, läuft er blau an und hört später ganz auf zu atmen.

Die Versorgung Frühgeborener habe sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt, sagt Schlößer. Die Zahl der Frühchen, die überleben, ist gestiegen. „Wir wollen alles tun, damit es alle schaffen und anschließend ein normales Leben führen können.“ Deshalb sei es wichtig, die Aus- und Fortbildung auch mit Hilfe von Simulatoren zu optimieren, den Wissensaustausch durch Kooperationen zu fördern – und die Eltern intensiv einzubeziehen.

Hessen: Medizin für Frühchen

Die Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen erfüllen die Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses für ein Perinatalzentrum Level 2. Hier werden Frühchen, die ab der 29. Schwangerschaftswoche geboren wurden und etwa 1250 Gramm wiegen, betreut. Zuletzt behandelten die Kliniken 90 bis 100 Frühgeborene pro Jahr, davon 15 bis 20 mit weniger als 1500 Gramm.

Kinder aus dem Main-Kinzig-Kreis, die noch früher zur Welt kommen und kleiner sind, übernimmt der Kooperationspartner, das Frankfurter Universitätsklinikum. Dieses ist ein Perinatalzentrum Level 1 und verfügt über mehr Erfahrung bei besonders kleinen Frühchen. Es versorgte 2017 80 Level-1-Patienten unter 1250 Gramm. gha

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