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Sie helfen Missbrauchsopfern

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Engagieren sich für Wildwasser Wetterau und damit für Opfer von sexualisierter Gewalt (v. l.): Ute Hinkel, Angelica Brand, Eva Kah und Miriam Vermeil. nici merz © Nicole Merz

Wetterau - Der Umgang mit sexuellem Missbrauch von Kindern ist ein anderer, seitdem Fälle wie die an der Odenwaldschule ans Licht gekommen sind. Anlässlich des heutigen Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch hat sich diese Zeitung bei Wildwasser Wetterau über Taten und deren Folgen, über Scham und Traumata erkundigt.

Schlafstörungen, Ängste, Albträume, Aggression, Sucht-erkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen können Folgen sein, wenn man als Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist. „Es kommt auf die Dauer der Gewalt, Häufigkeit der Gewalt, Alter des Kindes an, aber auch auf die individuellen Verarbeitungsmöglichkeiten und die Unterstützung, die ein Kind danach bekommt“, sagt Angelica Brand von Wildwasser Wetterau, einer Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend. Ein Drittel der Kinder, die sexuelle Gewalt erlebten, seien aber komplett unauffällig und zeigten keinerlei Symptome.

Der Verein Wildwasser Wetterau kümmert sich seit mehr als 30 Jahren um Opfer sexualisierter Gewalt (siehe Info-Kasten). Anlässlich des heutigen Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch hat diese Zeitung nachgefragt, wer sich an Wildwasser wendet, was die Gewalt mit Menschen macht und wie geholfen werden kann.

Die Weltgesundheitsorganisiation (WHO) schätze für Deutschland, dass ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexualisierter Gewalt betroffen seien, sagt Brand. „Es werden natürlich auch nicht alle Taten zur Anzeige gebracht, es gibt wenig bis kaum Beweise für diese Verbrechen, kaum Zeugen, die Glaubwürdigkeit von Kindern wird hinterfragt, und unser Rechtssystem geht von der Unschuldsvermutung der Beschuldigten aus, was natürlich ein Grundprinzip eines rechtsstaatlichen Strafverfahrens ist. Insgesamt ist es mit dem gesellschaftlich existierenden Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern leider ein ziemlich ‚perfektes‘ Verbrechen.“

Kinder und Jugendliche würden sich in der Regel nicht selbst bei Wildwasser melden. Sie vertrauten sich oft erst einer Bezugsperson an. Es gebe aber auch ältere Kinder oder Jugendliche, die sich selbst melden. „Es kommt auch vor, dass sie sich eine anonyme Beratung wünschen oder uns über unsere Online-Beratung anonym kontaktieren. Meistens sind das Kinder und Jugendliche, die noch nicht vor der sexualisierten Gewalt geschützt sind. Erwachsene Frauen wenden sich in der Regel selbst an uns.“

ANGEBOTE UND KONTAKTMÖGLICHKEITEN

Engagierte Frauen haben den Verein Wildwasser Wetterau 1991 mit Unterstützung des damaligen Frauenamtes des Wetteraukreises gegründet. Die aktuell fünf Beraterinnen helfen auf vielfältige Weise: So gibt es kostenfreie Beratung für betroffene Jugendliche und erwachsene Personen, die sich als Flinta (Frauen, Lesben, Inter, Trans, Nonbinary, Agender) verstehen, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben.

„Unsere Beratung ist eine trauma-sensible und stabilisierende Begleitung. Das heißt, es können eine oder auch mehrere Beratungstermine wahrgenommen werden, die sich an den Fragen und Wünschen der Betroffenen orientiert. Auch den Weg zu weiteren Hilfsangeboten unterstützen wir“, erläutert Angelica Brand.

„Für Kinder bis zwölf Jahre bieten wir ein therapeutisches Unterstützungsangebot an. Neben den Betroffenen können sich auch Angehörige und Bezugspersonen beraten lassen, zum Beispiel wie sie notwendige Schritte zum Schutz betroffener Kinder gehen können oder wie sie betroffene Kinder gut begleiten können. Im Rahmen der Beratung von Fachkräften stehen wir mit unserer fachlichen Expertise zu Einzelfällen und Klärung von Fragen zur Seite. Des Weiteren machen wir Präventions- und Fortbildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, politische Arbeit in unterschiedlichen Vernetzungen und Gremien.“

Für Jungen ab zwölf Jahre stehe in Friedberg das Angebot „Haltepunkt“ von Pro Familia zur Verfügung, bei Männern gebe es eine Versorgungslücke, erläutert Ute Hinkel. Bei Wildwasser Wetterau ist neben den Beraterinnen auch eine Verwaltungskraft tätig, zudem gibt es den Verein mit knapp 30 Mitgliedsfrauen.

Die Fachberatungsstelle in Bad Nauheim (In den Kolonnaden 17) ist unter der Rufnummer 0 60 32/9 49 57 60 zu folgenden Zeiten erreichbar: montags von 10 bis 12 Uhr, dienstags von 12 bis 14 Uhr, donnerstags von 13 bis 14 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. Man kann aber auch eine E-Mail an die Adresse info@wildwasser-wetterau.de senden. agl

Die Zahl der Beratungen habe deutlich zugenommen, sagt Ute Hinkel, die dem Wildwasser-Vorstand angehört und sich seit 30 Jahren im Verein engagiert. „Im Vergleich zum Jahr 1997 beispielsweise ist unsere Anzahl der Beratungsstunden um 297 Prozent angestiegen.“ 2021 seien 1358 Beratungsstunden verzeichnet worden. Und: „Seit dem Jahr 2008 sind beispielsweise auch unsere Präventions- und Fortbildungsstunden um fast 280 Prozent angestiegen.“

Woran liegt die starke Zunahme bei der Beratung? Ute Hinkel verweist auf die gesellschaftliche Aufarbeitung insbesondere infolge der Aufdeckung der Fälle beispielsweise an der Odenwaldschule. „Rein praktisch gedacht ist es aber auch so: Hilfeangebote sind heutzutage auch viel besser zu finden, dadurch, dass Fachkräfte und Betroffene uns einfach googeln können. Und je mehr Fortbildungen und Präventionsveranstaltungen wir anbieten, desto mehr Personen kennen uns und haben Beratungsbedarf.“

Das Schamgefühl von Opfern scheint die Suche nach Beratung nicht auszubremsen. Scham sei nach wie vor ein zentrales Gefühl bei Betroffenen, aber Schuldgefühle auch, sagt Hinkel. Zum Teil sei das auch eine Strategie von Tätern, diese Gefühle auszulösen, damit Opfer schweigen. „Trotzdem trauen sich immer mehr Betroffene, sich Hilfe zu holen, trotz ihrer Scham- und Schuldgefühle.“ Bevor sich Opfer an die Wildwasser-Beratungsstelle wenden, geht es nicht nur darum, sich zu überwinden, sondern teilweise auch darum, dass einem selbst der Missbrauch überhaupt bewusst wird.

Es gebe Menschen, erklärt Angelica Brand, denen erst im Erwachsenenalter klar werde, dass sie missbraucht worden seien. In der Regel geschehe dieses Bewusstwerden nicht plötzlich. „Das wird von Betroffenen eher als Prozess beschrieben, in dem immer mehr Erinnerungsbilder oder auch Träume auftreten. Manchmal gibt es dafür einen Auslöser, der identifiziert werden kann, aber nicht immer. Das Verdrängen oder Ausblenden ist dabei als Überlebensstrategie unserer Psyche nach einer traumatischen Situation zu verstehen. Traumatische Ereignisse gehen mit dem Empfinden großer Lebensgefahr einher, dazu kann sexualisierte Gewalt zählen.“

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