Hanau

Selbstbestimmt lieben

  • schließen

Pro Familia Hanau macht mit bei Projekt „Selbstverständlich Inklusion“. Die Beratungsstelle will Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung helfen, ihr Recht auf Liebe, Partnerschaft und Elternschaft selbstbestimmt wahrzunehmen.

Das junge Paar war frisch verliebt, überglücklich – und hatte Fragen: „Wie können wir zusammenleben? Was brauchen wir dafür? Wie können wir Sex haben, ohne gleich Kinder zu kriegen?“ Ihre Betreuer schickten die beiden, die eine geistige Behinderung haben, zu Pro Familia Hanau. Hier zeigte Sozialpädagogin Simone Jatzko ihnen bebilderte Aufklärungsbroschüren in einfacher Sprache, ging auf ihre Fragen ein, übte mit ihnen an einem Dildo, wie man ein Kondom überzieht. Und unterstützte sie bei ihren Plänen für die gemeinsame Zukunft.

So wie diese Verliebten möchte die Beratungsstelle auch andere Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung erreichen und ihnen helfen, ihr Recht auf Liebe, Partnerschaft und Elternschaft selbstbestimmt wahrzunehmen. Künftig will die Hanauer Einrichtung deutlich mehr Menschen aus dieser Zielgruppe beraten. Dafür macht sie bei der Kampagne „Selbstverständlich Inklusion“ mit, die Pro Familia Hessen 2014 startete. Dabei soll die UN-Behindertenrechtskonvention in den Einrichtungen und Angeboten umgesetzt werden, auch mit Hilfe verbindlicher Mindeststandards.

Wie groß die Zahl der Ratsuchenden mit Behinderung in Hanau bisher war, hat Pro Familia nach eigenen Angaben nicht erfasst. Aber es seien „nur wenige“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Katja Prinzhaus-Weiß. Die Angebote der Sexualpädagogik würden durchaus auch von Förderschulen genutzt, Anfragen aus den Behinderteneinrichtung gebe es jedoch lediglich vereinzelt.

Die Hanauer Beraterinnen und Berater wollen jetzt stärker auf die Gruppe zugehen und ihre Aufmerksamkeit gewinnen. In den vergangenen Monaten haben sie darauf hingearbeitet, in ihrer Anlaufstelle Barrieren abzubauen, sowohl physische als auch mentale. Der Internetauftritt bietet unter anderem Videos mit Gebärdensprachdolmetscher, Hörbeiträge, darunter auch eine Wegbeschreibung zur Hanauer Einrichtung, und informative Texte in einfacher Sprache.

In einer Broschüre heißt es beispielsweise: „Alle Menschen haben das Recht, über ihre Sexualität selbst zu bestimmen.“ Und: „Sexualität ist für jeden Menschen anders.“ Sprache sei entscheidend: „Nur wenn ich etwas benennen kann, kann ich meine Wünsche äußern und auch Grenzen setzen“, sagt Constanze Sartori, Geschäftsführerin von Pro Familia Hanau. „Die Internetseiten sind wichtig, weil über sie oft der Erstkontakt stattfindet.“ Daneben gibt es weitere Veränderungen: Flur und Wartebereich wurden großzügiger gestaltet, die Beleuchtung, Piktogramme und Sitztraversen verbessert. Es handele sich um vermeintliche Kleinigkeiten, die eine spürbare Wirkung hätten.

Sexualität von Menschen mit Behinderungen zu enttabuisieren, ist ein wesentliches Ziel des Projekts. Von Behinderteneinrichtungen und Angehörigen wird das Thema teilweise vernachlässigt oder gar verdrängt. „Dabei geht es um etwas ganz Normales, um selbstverständliche Bedürfnisse“, sagt Sozialpädagogin Ute Geiter. In der Beratung würden meistens gängige Fragen besprochen, etwa: Welche Wünsche hat mein Partner, welche Wünsche habe ich? Wie lernt man, mit Eifersucht umzugehen? Bei Menschen mit einer körperlichen Behinderung spielten physische Barrieren mitunter eine größere Rolle. Ein Mann mit Querschnittlähmung und seine Partnerin zum Beispiel wollten ein Kind bekommen, deshalb sprach die Beraterin mit ihnen auch über spezielle Techniken bei der Befruchtung.

Die Offenheit für das Sexualleben von Frauen und Männern mit Behinderung nehme zu, sagt Prinzhaus-Weiß, doch es gebe noch viel zu tun. Eine schwangere Frau im Rollstuhl ließ sich unter anderem finanziell beraten. Besonders zu schaffen machten ihr aber die Vorwürfe und das Unverständnis mancher Mitmenschen, die fragten: „Wie, du hast Sex?“ Die Kampagne der Beratungsstelle will dazu beitragen, solche Vorurteile und Diskriminierung abzubauen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare