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Überlebender von Anschlag in Hanau: „Ich hatte das Leben geliebt und jetzt ist es vorbei“

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Von: Gregor Haschnik, Yağmur Ekim Çay

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Ibrahim Akkus wurde am 19. Februar 2020 in Hanau durch mehrere Schüsse schwer verletzt und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Jetzt spricht er erstmals über seine Geschichte.

Hanau - „Meine beiden Beine sind weg. Ich bin ein toter Mann“, sagt der 65-jährige Ibrahim Akkus und weint in seiner Drei-Zimmer-Wohnung in Hanau. Am 19. Februar 2020 schoss der Täter in der Arena-Bar acht Mal auf ihn, seitdem ist Akkus auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Geschichte wurde vergessen. Zweieinhalb Jahre nach dem Anschlag in Hanau erzählt er sie in der Frankfurter Rundschau.

Der 19. Februar 2020 war eigentlich ein ganz normaler Tag für Akkus. Zu dem Zeitpunkt war sein Bein wegen Diabetes bereits amputiert und er trug eine Beinprothese. Trotzdem sei er immer noch sehr mobil gewesen, ein Rollator half ihm. „Vor dem Angriff war ich überall zu Fuß unterwegs, und an dem Tag war ich sogar in Frankfurt spazieren. Ich bin an dem Abend rausgegangen, weil ich zu Hause keine Zigaretten mehr hatte“, erzählt Akkus.

Ibrahim Akkus schildert Anschlag in Hanau: „Jemand sagte, dass wir angegriffen werden“

Zuerst ging Akkus zu dem Kiosk, in dem Gökhan Gültekin arbeitete, um Zigaretten zu kaufen. Gültekin kannte er gut, wie viele andere in Kesselstadt, und wollte noch einen Tee mit ihm trinken. „Es war sehr voll bei Gökhan im Kiosk. Ich dachte, ich komme zurück, wenn es etwas ruhiger ist“, so Akkus.

Er habe das Leben geliebt, sagt Ibrahim Akkus. Seit dem 19. Februar 2020 sei alles vorbei.
Er habe das Leben geliebt, sagt Ibrahim Akkus. Seit dem 19. Februar 2020 sei alles vorbei. © Michael Schick

Danach ging er in die Arena-Bar, die er schon seit elf Jahren kannte. „Ich habe meine Freunde dort gegrüßt. Ein paar Minuten später hörte ich einen Schuss. Jemand sagte, dass wir angegriffen werden. Der Täter kam mit einer Waffe rein. Da war ein Junge, er hatte etwas zu essen in der Hand, und der Täter zielte auf ihn“, sagt Akkus. Er habe es erst für einen Scherz gehalten, aber in Sekundenschnelle sei ihm klar geworden: „Der Junge ist tot.“

Anschlag in Hanau: „Er kam zurück und schoss noch ein paar Mal auf mich“

„Ich sagte: Was ist hier los? Er drehte sich um und schoss mehrere Male auf mich. Ich bin dort hingefallen, mein Fuß war in zwei Teile gespalten. Dann sind die Jungs in Richtung Theke gerannt, er ist ihnen nachgegangen und schoss auf sie alle. Dann kam er zurück und schoss noch ein paar Mal auf mich. Achtmal insgesamt.“ Nach dem Anschlag musste Akkus monatelang im Krankenhaus bleiben und mehrmals operiert werden. Heute müsse er öfter weinen, aber nicht, weil er traurig sei, sondern aus Wut. Er könne es bis heute nicht verstehen, warum man ihn vergessen habe. „Man denkt bei uns, Deutschland sei das Land der Heiligen. Das, was ich in Deutschland gesehen habe, möge Allah niemandem zeigen“, so Akkus.

Auch von der Polizei sei er enttäuscht. Nach dem Anschlag sei er vernommen worden, aber er habe den Eindruck gehabt, dass die Polizisten nicht alles aufgeschrieben hätten, was er gesagt habe. „Ich habe den Polizisten gesagt, mir eine Kopie meiner Aussage zu geben, bevor ich sie unterschreibe. Sie weigerten sich, sie mir zu geben, sagten, sie hätten alles geschrieben. Ich habe nicht geglaubt, was sie gesagt haben und habe die nicht unterschrieben“, erzählt er. Nach dem Anschlag in Hanau sei er nicht wieder von der Polizei kontaktiert worden.

Anschlagsopfer aus Hanau: „Der 19. Februar 2020 hat sein Leben kaputtgemacht“

Die Situation sei auch für seine Familie schwierig, erzählt Akkus. Seine Partnerin müsse sich seit Jahren um ihn kümmern, und er könne verstehen, wenn sie ihn hassen würde. „Der 19. Februar 2020 hat sein Leben kaputtgemacht – und unser Leben kaputtgemacht“, sagt Akkus’ Lebensgefährtin und wiederholt es im Laufe des Gesprächs zweimal. „Nachts kann er nur noch in den Schlaf finden, wenn das Licht in seinem Zimmer und im Flur an ist.“ Er habe mitunter panische Angst. „Es hört nicht auf. Der Anschlag hat alles zerstört.“

FR-Recherchen

Ibrahim Akkus ist bei weitem nicht der einzige, der der Polizei Vorwürfe wegen der Ermittlungen zum Anschlag in Hanau macht. Auch neue FR-Recherchen zeigen gravierende Lücken.

Kurz vor dem Putsch im Jahr 1980 flüchtete Akkus mit seinem Bruder aus der Türkei nach Deutschland. In Hanau haben sie einen Asylantrag gestellt, weil sie in ihrer Heimatstadt Diyarbakir aufgrund ihrer kurdischen Herkunft gefährdet waren. „Ich bin nicht um Geld zu verdienen oder um reich zu werden nach Deutschland gekommen. Ich hatte gedacht, dass uns in Deutschland niemand umbringen würde und dass es dort keine Faschisten gibt wie in unserem Land. In der Türkei töten die Faschisten Menschen wie einen Hund.“

Hanau, 02.09.2022
Ibrahim Akkus muss die viel Zeit in diesem kleinen Raum verbringen. Ohne Hilfe kann er nicht aufstehen. © Michael Schick

Doch der Asylantrag seines Bruders sei von der Ausländerbehörde in Hanau abgelehnt worden, weil keine Gefahr für ihn in der Türkei festgestellt werden konnte. „Sie haben ihn der Lüge beschuldigt und ihn zurückgeschickt“, sagt Akkus wütend. Kurz darauf sei sein 19-jähriger Bruder in der Türkei von einer Gruppe von Faschisten vor seiner Haustür angegriffen und ermordet worden. Der Tod seines Bruders schmerzt ihn auch nach fast 40 Jahren noch sehr: „Ich hatte alles aufgegeben, um in Deutschland in Sicherheit zu sein. Er wurde in den Tod geschickt, und mir geht es jetzt so.“

Nach Anschlag in Hanau: Familie kämpft mit vielen Schwierigkeiten

Nach diesem Ereignis habe Ibrahim Akkus erst nicht nach Deutschland zurückkehren wollen und blieb ein paar Jahre in seinem Dorf in der Türkei mit 60 Einwohner:innen, wo sie immer wieder von Faschisten verprügelt worden seien. Die Mörder seines Bruders seien nach ein paar Jahren aus dem Gefängnis gekommen und hätten auch Akkus Familie bedroht. Vier Jahre später wanderte er wieder nach Deutschland aus, weil er merkte, dass sein Leben in der Türkei immer noch in Gefahr war.

In Deutschland arbeitete Akkus als Bauarbeiter und zog immer dorthin, wo er einen Job finden konnte: Berlin, Leipzig, Nürnberg, Dresden … „Ich war ein hart arbeitender Mann. Ich war stark. Jetzt kann eine Krankenschwester entscheiden, wie ich mich bewege“, sagt Akkus. „Was habe ich getan?“

Hanau, 02.09.2022
Akkus´ Wohnung ist nicht Behindertengerecht. © Michael Schick

Ihr Partner, mit dem sie seit etwa 20 Jahren zusammenlebt, sei sehr krank, sagt die Lebensgefährtin und fühlt sich im Stich gelassen: „Manchmal weint er, manchmal lacht er. Oft sitzt er nur da, in sich gekehrt. Es ist nicht einfach, ihn zu erreichen.“ Sie pflege ihren Partner gerne, aber auf die Dauer, so gut wie ohne Entlastung, zehre es an den Kräften. Es ist eine extreme Belastungsprobe für alle. Eine passende ambulante Unterstützung zu finden, sei schwierig.

Schwerverletzt bei Anschlag in Hanau: Keine ausreichende Entschädigung für Opfer

Die Familie kämpft mit vielen Schwierigkeiten. Dazu gehört auch, dass man in der Wohnung nicht mit dem Rollstuhl in die Dusche fahren kann, was eine enorme Erleichterung bei der Körperpflege wäre. Außerdem konnte Akkus immer noch nicht in Reha gehen und bekommt keine ausreichende, dauerhafte Entschädigung. Er und seine Lebensgefährtin suchen dringend eine neue, komplett barrierefreie Wohnung, am besten im Erdgeschoss mit einer Terrasse. „So würde er viel leichter rauskommen, an die Sonne. Dann würde es ihm deutlich bessergehen.“

Akkus sagt: „Ich will kein Geld, ich will nur, dass wir in Frieden leben, dass wir ein Zuhause und Geld für Essen haben. Mehr will ich nicht.“ Mit seiner Wohnung, die ihm vermittelt wurde, sei er nicht zufrieden, weil sie nicht behindertengerecht sei. „Man hat uns immer etwas zur Schau gestellt. Aber niemand hilft uns wirklich“, erzählt Akkus und möchte, dass nun endlich jeder erfährt, was er durchmacht: „Ich hatte das Leben geliebt und jetzt ist es vorbei. Es soll sich nicht wiederholen. Und niemand soll so etwas erleben.“ (Yağmur Ekim Çay, Gregor Haschnik)

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