Gut gebrüllt

Sehschwäche

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Manch einer sieht nur noch Grün. Derweil steigen Rote auf. Die Kolumne aus dem Landtag.

Ich seh‘ wohl nicht recht, denkt man manchmal, wenn die Welt wieder verrücktspielt. Manch eine Wendung kann man sich nicht ausdenken.

Seit Montag steht ein Mann, der sich auf dem Absprung aus der Politik befindet, ganz oben in der Bundes-SPD. Dabei ist die hessische SPD längst dabei, sich auf die Zeit nach Thorsten Schäfer-Gümbel vorzubereiten, der seinen Abschied vom Landes- und Fraktionsvorsitz angekündigt hat. So schnell kann der unerwartete Aufstieg kommen. Eine Zeitung hatte Schäfer-Gümbel noch einen Tag vor seiner Berufung in Berlin als „Absteiger“ tituliert. So kann’s gehen in der Politik und im Journalismus.

Auch der hessische CDU-Chef Volker Bouffier wurde kalt erwischt von der Entwicklung, die ihm die Show stahl. In Berlin ging das SPD-Dreierteam aus Schäfer-Gümbel, Malu Dreyer und Manuela Schwesig exakt zu jener Uhrzeit vor die Presse, als der Ministerpräsident in der Staatskanzlei das Programm „Digitale Schule Hessen“ vorstellte, mit einem Großaufgebot von Regierungschef plus gleich drei Ministern.

Doch Bouffier wurde natürlich nicht nur dazu befragt, sondern auch zur kommissarischen SPD-Führung. Er fand deren Konstruktion nicht recht überzeugend. „Ich kenne Doppelspitzen“, murrte er. „Aber Dreierspitzen?“ Zumal keiner der drei Sozialdemokraten in Bundesregierung oder Bundestagsfraktion vertreten sei. „Wer jetzt eigentlich für die spricht, weiß ich auch nicht“, urteilte Bouffier. „Aber das müssen die wissen.“

Ach ja, die Sozis. Aus Bouffiers Sicht sind sie irgendwie schon Vergangenheit. Die Auseinandersetzungen um die großen Themen müssten jetzt CDU und Grüne führen, sagte er so kurz nach der Europawahl, aus der die Grünen stark und die SPD schwach hervorgegangen waren.

Auch der heimliche Chef der hessischen Grünen vermag nicht mehr viel von den Roten zu sehen. Aber das hat einen ganz anderen Grund. Er habe eine „Rot-Grün-Schwäche“, verriet Tarek Al-Wazir bei einer Pressekonferenz zur Mietpreisbremse.

Als ein Journalist unkte, das sei wohl der Grund für sein Bündnis mit den Schwarzen, erklärte der Grüne, es handele sich keineswegs um ein Politikum, sondern um einen Gendefekt. Eine Sehschwäche also – wie Schäfer-Gümbel, der Mann mit der starken Fehlsichtigkeit und der entsprechenden Brille.

Leider hatten Al-Wazirs Mitarbeiter die Grafiken zur Mietpreisbremse ausgerechnet in Rot und Grün erstellt, was ihm die Sache erschwerte. Grün stand für Stadtteile in Frankfurt und Wiesbaden, in denen die Mietpreisbremse gilt. Rot für Stadtteile, in denen sie nicht gilt. Wie praktisch: Mit der neuen Verordnung gilt die Bremse in beiden Städten komplett. So konnte Al-Wazir vorzeigen, was ihm besonders lieb sein dürfte: Städte ganz in Grün.

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