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Philip Krämer, Kandidat für den Vorsitz der hessischen Grünen.

Interview

„Schwarz-Grün ist für mich ziemlich normal“

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Philip Krämer will Vorsitzender der hessischen Grünen werden. Er lobt die Zusammenarbeit mit der CDU, freut sich aber auch, wenn die SPD „ihre ökologische Ader“ entdeckt

Schwarz-Grün? Das mag für ältere Grüne noch gewöhnungsbedürftig sein. Für den 27-jährigen Philip Krämer ist es „ziemlich normal“. Krämer will am Samstag an die Spitze der hessischen Grünen gewählt werden. Er hat zwei Gegenkandidaten.

Herr Krämer, Sie sind 27 Jahre jung und landespolitisch unerfahren. Trauen Sie sich zu, als Parteichef der Grünen eine Koalitionsrunde mit Ministerinnen und Ministern zu führen?
Ja, sicher, sonst würde ich nicht kandidieren. Ich habe in den vergangenen Jahren vielfältige Erfahrungen sammeln dürfen. Ich war Stadtschulsprecher in Darmstadt, danach im Vorstand des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses in Darmstadt, bin seit 2016 in der Kommunalpolitik aktiv, dort auch Vorsitzender des Sportausschusses, war Vorsitzender der Grünen Jugend Hessen, bin seit zwei Jahren im Landesvorstand – alles Bereiche, in denen Landespolitik eine große Rolle spielt. Wenn ich gewählt werden sollte, wäre das natürlich trotzdem etwas Neues und ich würde mich einarbeiten müssen. Aber ich glaube durchaus, dass ich der Aufgabe gewachsen wäre. Ich mache das ja auch nicht alleine, sondern habe eine Co-Sprecherin und ein gesamtes Team.

Sie wollen die Partei zusammen mit der früheren Landtagsabgeordneten Sigrid Erfurth führen?
Nach aktuellem Stand ja. Wir arbeiten derzeit zusammen im Landesvorstand und hatten unsere Bewerbungen gemeinsam verkündet. Nichtsdestotrotz sind unsere Kandidaturen unabhängig voneinander.

Hatten Sie schon mit CDU-Landeschef Volker Bouffier zu tun, der künftig Ihr Gegenüber als Parteichef wäre?
Nein, die Gelegenheit hatte ich tatsächlich noch nicht.

Früher galt Rot-Grün als die naheliegende Zusammenarbeit. Nun regieren die Grünen in Frankfurt, Darmstadt und in Hessen schon seit Jahren mit der CDU. Ist Schwarz-Grün für Ihre Generation Normalität?
Aus meiner politischen Erfahrung ist das tatsächlich ziemlich normal, weil ich noch nie etwas anderes erlebt habe. Ich finde, dass wir hier in Hessen gut und vertrauensvoll mit der CDU zusammengearbeitet haben. Aber Koalitionen sind immer Bündnisse auf Zeit. Wenn sich bei der nächsten Wahl etwas ändert, muss man über jede Möglichkeit sprechen. Mir geht es vor allen Dingen um Inhalte und gemeinsame Projekte.

Sehen Sie keine Lager mehr, nach dem Motto: Grüne und SPD stehen links der Mitte, CDU und FDP rechts der Mitte?
Ich glaube, darüber sind wir hinaus. Das war eine klassische Einteilung der 90er Jahre oder aus der Zeit davor. Es geht nicht um rechts oder links in der Parteienlandschaft. Es sind mehr Dimensionen dazugekommen, zum Beispiel weltoffen oder nationalistisch. Wenn ich mir etwa die Linkspartei anschaue, höre ich da zum Teil auch eher nationalistische Töne, die mit uns Grünen nicht zusammenpassen, auch was Europa angeht. Ich hatte in den vergangenen Jahren Auseinandersetzungen mit dezidiert Linken, etwa weil sie Positionen zum Antisemitismus vertreten haben, die ich nicht teile.

Würden Sie sich links verorten oder spielt das für Sie keine Rolle?
Ich würde mich als progressiv bezeichnen, in dem Sinne, dass ich versuche, die Gesellschaft bestmöglich für alle zu verändern. Wenn manchmal eine Position dabei ist, die als „konservativ“ eingeordnet wird, finde ich das nicht schlimm.

Die hessische SPD will unter Nancy Faeser von der sozialen zur sozialökologischen Kraft werden. Gräbt sie Ihnen das Wasser ab? Oder freuen Sie sich, wenn Sie Mitstreiter für einen ökologischen Umbau finden?
Ich freue mich absolut. Seit unserer Gründung in den 80er Jahren versuchen wir, gesellschaftliche Mehrheiten für dieses Thema zu finden. Von daher freue ich mich, wenn die SPD ihre ökologische Ader entdeckt. Vergessen wir aber nicht: Es ist die SPD, die den Kohleausstieg maßgeblich behindert.

Haben Sie im Dezember für die Neuauflage der schwarz-grünen Koalition gestimmt?
Ich war krank an dem Tag, hätte aber für die Koalition gestimmt.

Was finden Sie gut an Schwarz-Grün?
Es ist gut, dass wir vier grüne Ministerien haben, weil wir gestalten können. Mich freut auch, dass wir gerade beim Klimaschutz auf dem Weg bleiben, Hessen bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu gestalten. Was mich auch sehr gefreut hat, sind die weitergehenden Forderungen in der Frauenpolitik. Wir wollen zum Beispiel die Einrichtung von 150-Meter-Schutzzonen um Frauenhäuser prüfen, wenn es zu Demonstrationen von Abtreibungsgegnern kommt. So etwas zeigt, dass auch in Bündnissen mit der CDU progressive Entscheidungen möglich sind.

Bouffier bezeichnet den Bau von Terminal 3 als wichtigste Entscheidung der Landespolitik, die Grünen haben den Flughafenausbau immer abgelehnt. Wo stehen Sie in dieser Debatte?
Ich stehe in grüner Tradition. Natürlich muss man zugestehen, dass der Flughafen ein großer Wirtschaftsfaktor für Rhein-Main ist. Man kann nicht einfach wegwischen, dass er für viele Menschen ein Arbeitsplatz ist. Auf der anderen Seite führen die Belastungen durch den Flughafen zu gesundheitlichen Belastungen für die Menschen, die im Einzugsgebiet leben. Zudem hat er negative Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima, wenn wir zum Beispiel eine Steigerung der Flugbewegungen zu verzeichnen haben. Deswegen stehe ich dem Ausbau von Terminal 3 weiter kritisch gegenüber, gerade weil dieses Terminal den Billigfluglinien die Gelegenheit geben soll, ihre Flugbewegungen in Frankfurt weiter auszubauen. Leider hatte Fraport durch den Planfeststellungsbeschluss aber schon weit vor grüner Regierungsbeteiligung Baurecht und hat davon Gebrauch gemacht.

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