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Landkarten und Bücher, wohin man schaut: Zu Hause bei den Wunderlichs findet der Unterricht am Esstisch statt.

Schule

Schulverweigerer in Hessen: „Schule ist Gift und zerstört die Kreativität“

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2013 wurden Familie Wunderlich ihre vier Kinder vorübergehend entzogen, weil sie sie nicht zur Schule schickte. Jetzt droht eine Wiederholung.

Als es an diesem Morgen um zehn nach acht an der Haustür klingelte, hatte Dirk Wunderlich sofort ein ungutes Gefühl. „Wir machten gerade Mathe und wollten später noch schwimmen gehen“, erinnert sich der Vater an diesen Donnerstag im August 2013, als seine vier Kinder vom Jugendamt geholt wurden. Die Geschwister im Alter von sieben, elf, zwölf und vierzehn Jahren hatten bis dahin nie eine Schule von innen gesehen. Seit Jahren kämpfte die Familie schon dafür, ihre Kinder zu Hause unterrichten zu dürfen. Und war deswegen von 2008 bis 2011 auf der Flucht in Frankreich, Norwegen und Ungarn.

Jetzt standen Polizei, Jugendamt und Gerichtsvollzieher vor der Tür. 40 Einsatzkräfte, zum Teil SEK-Beamte, umzingelten das Haus, idyllisch am Feldrand des südhessischen Ortes Wembach, einem Stadtteil von Ober-Ramstadt, gelegen. Angeblich habe der Vater ein Jahr zuvor öffentlich gedroht, die Kinder lieber zu töten als sie in die Schule zu schicken. Das hatte ein anonymer Anrufer dem Jugendamt gemeldet, wie eine Gesprächsnotiz der Jugendhilfe Darmstadt-Dieburg vom 11. September 2012 bezeugt. „Und dann lassen sie sich ein Jahr Zeit, bis sie zu uns kommen?“, fragt Dirk Wunderlich, der dahinter eine Taktik des Jugendamtes sieht, um den Eilbeschluss samt Großeinsatz zu rechtfertigen.

„Es war schlimm“, sagt die älteste Tochter, Machsejah, heute 19. Sie habe ihre jüngste Schwester umklammert, doch die wurde ihr entrissen und sie selbst dann von zwei Polizisten hinausgetragen. „Ich konnte mich nicht mal mehr von meiner Mutter verabschieden.“

Obwohl die Heimplätze „zunächst für ein Jahr genehmigt“ waren, wie aus den Akten hervorgeht, mussten die Kinder nur drei Wochen in einem Heim in Wetzlar bleiben. Die Eltern stimmten einem Schulbesuch zu, die Heimunterbringung jedoch verursachte Kosten von rund 20 000 Euro, die ihnen zum Teil in Rechnung gestellt wurden. Hierzu läuft noch ein gesonderter Rechtsstreit. Der Familie geht das Erlebnis bis heute nach. „Dieser Tag, aber auch der ganze Stress und die permanente Angst all die Jahre davor, haben meine Gesundheit stark angegriffen“, sagt die 51-jährige Petra Wunderlich. „Noch heute schneidet es mir jedes Mal in Herz, wenn es klingelt.“

Jetzt droht den Wunderlichs eine Wiederholung dieses Traumas. Denn nachdem sie im Januar vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg mit ihrer Klage wegen Verletzung des Menschenrechts auf Achtung des Privat- und Familienlebens gescheitert sind, hat das Amtsgericht Darmstadt erneut ein Sorgerechtsverfahren gegen sie eröffnet, weil die beiden jüngsten noch schulpflichtigen Kinder – sie sind 13 und 16 Jahre alt – weiterhin nicht zur Schule gehen. Die Wunderlichs stellten gegen den Vorsitzenden Richter einen Befangenheitsantrag, unter anderem weil er sie 2013 nicht habe nach Frankreich ausreisen lassen, wo es erlaubt ist, seine Kinder zu Hause zu unterrichten, wie Dirk Wunderlich sagt. Derzeit sei darüber noch nicht entschieden.

Die Gründe, warum die Wunderlichs ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sind vielschichtig. „Schon als ich noch keine Kinder hatte, taten mir die Schüler frühmorgens an der Bushaltestelle leid“, sagt Petra Wunderlich. Doch nicht nur die Lerninhalte, etwa den Aufklärungsunterricht, sehen die Wunderlichs kritisch. Sie bezweifeln, dass eine Sozialisierung in gleichaltrigen Gruppen gut ist, sehen den Grund dafür, dass heute viele Familien kaputt seien, darin, dass die Bindungskraft innerhalb der Familie fehle. „Heute sind alle nur noch vereinzelt“, sagt Dirk Wunderlich, der gerne Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ zitiert: Jeder sei seines Nächsten Eigentum und habe sich deshalb der Gemeinschaft unterzuordnen? „Nein“, sagt der 52-Jährige, „wir alle gehören Gott.“ Es gebe eine höhere Welt, in der eine himmlische Ordnung und Vernunftmäßigkeit herrsche, sage schon Platon. Schule sei Gift, zerstöre Kreativität und behindere den Prozess des natürlichen Heranreifens eines Kindes massiv.

Zusammen lernen, zusammen backen: die vier Geschwister Wunderlich in der urgemütlichen Küche.

Seit Jahren streiten die Wunderlichs, die sich selbst als freie Christen bezeichnen, mit den offiziellen Stellen darüber, ob es eine staatliche Schulpflicht in Deutschland gebe oder ob nicht das Elternrecht darüber stehe. Unterstützt werden sie dabei von der amerikanischen Home School Legal Defense Association (HSLDA), die sie auch rechtlich berät.

In anderen Ländern, etwa Frankreich, Österreich oder den USA ist das Homeschooling erlaubt. In Hessen dagegen drohen den Eltern Freiheitsstrafen. Dass ausgerechnet Eltern wie sie in den Verdacht gerieten, das Kindswohl zu gefährden, findet Petra Wunderlich absurd. „Gerade solche Eltern lassen ihre Kinder nicht verwahrlosen, denn sie sind besonders interessiert an ihnen.“

Notgedrungen besuchten die Geschwister für ein Dreivierteljahr die Gesamtschule in Ober-Ramstadt. Das war nach der Inobhutnahme. Sohn Joshua sagt darüber: „Es war eine interessante Erfahrung.“ Was dem heute 18-Jährigen, der gerade mit seinen drei Schwestern in der urigen Küche steht und Zitronen- und Käsekuchen backt, nicht gefiel: „Man lernte nur das, was gerade dran war, aber nicht das, was einen interessierte.“ Machsejah pflichtet ihm bei: „Es war total stressig. Man hatte gar keine Zeit mehr.“ Und das Verhalten der Mitschüler einer Parallelklasse sei ihnen ziemlich asozial vorgekommen. Die Eltern nahmen die Kinder schließlich wieder heraus. Dann ließen die Behörden sie in Ruhe, wie Petra Wunderlich sagt. Mit dem Gang nach Straßburg hätten sie offenbar schlafende Hunde geweckt.

Wunderlichs sind im Laufe der Jahre zu Freilernern geworden. Nachdem sie anfangs ihre Kinder noch über eine christlichen Fernlernschule unterrichteten, orientieren sie sich inzwischen nicht mehr an staatlichen Rahmenlehrplänen.

Der Unterricht zu Hause läuft so ab, dass zuerst aus der Bibel gelesen wird. „Daraus leiten sich dann alle möglichen Themen ab“, erklärt Vater Dirk. Es entstünden Abzweigungen zu Politik, Geschichte, Sozial- und Erdkunde. Nur Mathe und Naturwissenschaften würden gesondert unterrichtet. Man gehe ins Internet, schaue in Büchern nach. Die stapeln sich im ganzen Haus. Viel Lesestoff braucht es auch, denn einen Fernseher oder gar Computerspiele gibt es nicht. Auch bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken machen die Wunderlichs nicht mit. „Wir sind keine Technikverweigerer“, sagt Dirk Wunderlich, „aber wir brauchen diesen Quatsch nicht.“

Wofür Eltern wie Kinder ebenfalls keinen Bedarf sehen, ist eine Berufsausbildung. Man könne auch heute sein Brot mit einer selbstständigen Tätigkeit verdienen. Die beiden ausgebildeten Gärtner denken daran, sich mit einem Haus- und Hofdienst selbstständig zu machen. Joshua will mitmachen. Zum Studieren habe er keine Lust. Machsejah überlegt in Richtung Landwirtschaft und Selbstversorger zu gehen. Die beiden jüngeren, Serajah und Hananjah, wollen Pferdewirtinnen werden. Mutter Petra ist überzeugt: „Alles, was sie von ihrem Glauben her verantworten können, steht ihnen frei. Wir machen ihnen keinen Druck.“

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