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Näher ran. Thilo Hartmann sucht den guten Draht zu seinen Schülern und Schülerinnen. Und legt sich für die Rechte der Lehrer und Lehrerinnen ins Zeug.
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Näher ran. Thilo Hartmann sucht den guten Draht zu seinen Schülern und Schülerinnen. Und legt sich für die Rechte der Lehrer und Lehrerinnen ins Zeug.

Bildung

Schulstart: „Wir brauchen die Gemeinsamkeit“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Thilo Hartmann ist Lehrer und kämpft für Bildungsgerechtigkeit. Vielleicht muss er deshalb von der Schule Abschied nehmen.

So recht behagt Thilo Hartmann die Pose nicht. Der Zeitungsfotograf hat ihn auf seinem Stuhl hinterm Lehrerpult platziert, auf dem wie zufällig ein paar Deutschlektüren herumliegen. „Zu distanziert“, befindet Hartmannn, schiebt den niedrigen Bücherstapel beiseite und hockt sich vorne auf die Tischkante. „Passt besser“, meint er.

Man kann sich gut vorstellen, wie der 44-Jährige, den man leicht zehn Jahre jünger schätzen könnte, auch im Unterricht die Nähe zu seinen Schülern und Schülerinnen sucht, freilich ohne allzu vertraulich zu werden. Noch sind die Klassenräume der Ernst-Reuter-Schule in Dietzenbach leer, bis zum Schulbeginn sind es wenige Tage. Hartmann hat heute schon einmal die Tische zurechtgerückt, ein paar Unterlagen geordnet. Schließlich soll es beim Start ins neue Schuljahr nicht schon am Montagmorgen ruckeln.

Geruckelt hat es in den Schulen in den vergangenen 18 Monaten, seitdem die Corona-Pandemie Deutschland erreicht hat, ja ziemlich heftig. „Hoffentlich können wir nun wieder halbwegs verlässlich zusammenarbeiten“, sagt Hartmann. Jedenfalls freue er sich darauf, alle wiederzusehen. „Wir Lehrkräfte brauchen das, und die Schüler brauchen das auch“, ist er überzeugt.

Geboren in Reutlingen, zog die Familie mit ihm und seinen drei Brüdern kreuz und quer durch Deutschland. Der Vater, Pastor einer Freikirche, wechselte berufungswegen alle paar Jahre den Einsatzort. „Vielleicht habe ich deshalb ein recht distanziertes Verhältnis zur Religiosität“, sagt er und lacht.

Das Abitur hat er schließlich an der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach (Taunus) abgelegt. Das war 1996. „Ich wollte damals unbedingt einen Beruf im sozialen Bereich“, erzählt er. Es folgte ein Jahr Zivildienst bei der Bahnhofsmission im Frankfurter Hauptbahnhof, darauf folgte ein Freiwilligenjahr in Nicaragua, in Santa Rossa, einem 500-Seelen-Dorf in der Nähe von Ocotal, nicht weit von der honduranischen Grenze.

„Wir haben den Kindern Lesen und Schreiben vermittelt, wenn sie am Nachmittag von der Arbeit auf den Feldern kamen, mit den Eltern geredet, ihre Kinder doch regelmäßig zur Schule zu schicken“, erzählt Hartmann. Dann kam Hurrikan „Mitch“, verwüstete alles, was die Hilfsorganisation aufgebaut hatte, und es ging plötzlich erst einmal darum, Menschen aus ihren eingestürzten Häusern zu retten, Lebensmittel und Hilfsgüter zu verteilen. „Ich habe damals gesehen, wie schlimm es ist, wenn sich ein Staat nicht um seine Menschen kümmert“, sagt Hartmann.

Er hat dort seine heutige Frau Marta kennengelernt, eine Spanierin, die ebenfalls zum Hilfsteam gehörte. Spanisch hatte er schon in den Monaten zuvor gelernt, das ging schnell, „obwohl es in der Schule immer hieß, ich sei nicht sprachbegabt“, berichtet er nicht ohne Stolz. Aus dieser Erfahrung speist er seine Überzeugung, dass man Kindern und Jugendlichen Mut machen müsse, statt sie kleinzureden.

Marta und er gingen nach Spanien zurück, in die Nähe von Barcelona, wo Thilo Hartmann Sprachen studierte. Das Geld dafür verdiente er in den Semesterferien mit der Arbeit in der Fabrik, während des Semesters arbeitete er als Deutschlehrer in einer privaten Sprachschule – und kam so zum Lehrerberuf.

Es gab in Spanien keine bezahlbaren Mietwohnungen für das junge Paar, die beiden zogen deshalb nach dem Studium nach Deutschland. Frankfurt wurde ihre Wahlheimat. Aus dem einen geplanten Jahr wurden zwei, dann drei, jetzt lebt die Familie mit ihren beiden Kindern bereits 17 Jahre hier.

Kaum angekommen, engagierte ihn die Ernst-Reuter-Schule als Spanischlehrer. Hartmann machte seine Staatsexamen, wurde verbeamtet, unterrichtet heute Spanisch, Deutsch und Deutsch als Zweitsprache. Für die Menschen in Nicaragua engagiert sich das Paar noch immer.

Gewerkschaftlich aktiv ist Hartmann, seit er als Vertretungslehrer anfing. Wenn man so will, hat er dort schnell Karriere gemacht. Noch ziemlich neu im Lehrerzimmer, wählten ihn die Kolleg:innen in den Personalrat, „vielleicht, weil ich mich auch da schon in den Konferenzen häufiger getraut habe, den Mund aufzumachen“, sagt er.

Er kommt in den Bezirksvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist Kreisvorsitzender in Offenbach-Land, gehört auf Landesebene dem Tarifreferat der Gewerkschaft an. Seit zehn Jahren sitzt er nun schon im Gesamtpersonalrat. Ende September will er sich bei der Landesdelegiertenversammlung der GEW um den Landesvorsitz bewerben.

Die neue Funktion könnte ihn, wenn er denn gewählt wird, den direkten Kontakt zu seinen Schülern und Schülerinnen kosten. Der GEW-Landesvorsitz ist ein Fulltime-Job, die Aufgabe in Corona-Zeiten vielleicht größer als je zuvor. Damit verbunden wäre die komplette Freistellung von der Unterrichtsverpflichtung.

„Das“, sagt er, „fände ich natürlich wirklich schade.“ Und es klingt nicht danach, als sei das so dahingesagt.

Thilo Hartmann wollte einen sozialen Beruf ergreifen, er hat nach seinem Abitur Drogensüchtigen geholfen und Obdachlosen ein Quartier bereitet, hat Jungen und Mädchen den Spaß am Lernen und deren Eltern die Notwendigkeit vermitteln wollen, ihren Kindern Bildung zukommen zu lassen. Er hat Menschen in Not gerettet und erlebt, wie ungleich Güter und Glück verteilt sind.

Als Lehrer fühlt er sich nach all dem am richtigen Platz. Hier kann er daran arbeiten, allen eine Chance zu geben, sie zu stärken für ihren Lebensweg, unabhängig vom Einkommen der Eltern oder der Wohnadresse. Das Streben nach Bildungsgerechtigkeit ist in seinem Leben eine der Leitlinien.

„Ich bin immer wieder erschüttert, unter welchen Bedingungen wir an Schule versuchen müssen, dieses Ziel zu erreichen“, klagt Hartmann. Lehrerstellen fehlten, die Ausstattung gerade in technischer Hinsicht sei mangelhaft, das ganze System unterfinanziert. Auch jetzt, zum Schulstart, seien viele Stellen an der Ernst-Reuter-Schule noch nicht besetzt, müssten Kolleg:innen eingestellt werden, die ohne formale Ausbildung unterrichteten. Vielleicht ist das der Grund, bei der Gewerkschaft an die Spitze treten zu wollen. Thilo Hartmann wäre wohl auch da am rechten Platz.

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