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Das Projekt „Antisemitismusprävention an hessischen Schulen“ ist zunächst auf drei Jahre angelegt.

Judenfeindlichkeit

Der Antisemitismus erreicht neue Dimensionen - ein Schulprojekt soll vorbeugen

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Das Kultusministerium hat mit der Bildungsstätte Anne Frank ein Projekt in Frankfurt begonnen, das gegen Judenfeindlichkeit an Schulen wirken soll.

Meron Mendel spricht von einer „neuen Dimension“. „Antisemitismus war nie weg, aber seit drei oder vier Jahren ist alles viel schlimmer geworden“, berichtet der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. „Das geht viel weiter als einfach mal ,Du Scheiß-Jude‘ zu rufen.“

Allein im vorigen Jahr hätten die Bildungsstätte fast 100 Anfragen von Lehrkräften wegen akuter Vorfälle erreicht. Da schmiert ein Schüler Hakenkreuze ins Klassenbuch, muss ein jüdischer Schüler seine Religion verbergen, weil er Angst vor Schlägen hat, schreibt ein anderer munter judenfeindliche Hassparolen in die WhatsApp-Klassengruppe und sagt, darauf angesprochen, das sei doch alles „ganz normal“.

Ganz normal? „Normal muss sein, dass sich ein jüdisches Mädchen oder ein jüdischer Junge in seiner Klasse ganz normal fühlen kann“, beschreibt Kultusminister Alexander Lorz (CDU) das Ziel – von dem sich aber nicht nur Hessen anscheinend immer weiter entfernt. Das Kultusministerium hat zusammen mit der Bildungsstätte Anne Frank deshalb am Montag in Frankfurt ein Projekt begonnen, das gegen Judenfeindlichkeit an Schulen wirken soll.

Für Judenfeindlichkeit sensibilisiert

Dazu gehören Fortbildungen für Lehrkräfte ebenso wie Workshops, in denen Jugendliche für Judenfeindlichkeit sensibilisiert werden sollen. Geschehen soll das etwa mit Rollenspielen, die Situationen aus dem Unterricht oder vom Pausenhof aufgreifen.

„Wir wollen damit die große Mehrheit von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräfte ansprechen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn in ihrer Gegenwart oder in Chat-Gruppen Juden beschimpft, antisemitische Witze gemacht oder Parolen verbreitet werden“, erläutert Mendel.

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„Es gibt einen Trend gerade auch in den sozialen Medien, den Menschen in seiner Würde aus den Augen zu verlieren. Antisemitismus ist davon eine besonders abscheuliche Form“, sagt Kultusminister Lorz. Und sei auch ein Indikator für eine gesellschaftliche Entwicklung hin zur Intoleranz. Der gesellschaftliche Konsens bröckele. „Man traut sich wieder, Judenfeindlichkeit offen zu zeigen“, sagt Lorz. Gleichzeitig sei aber auch zu beobachten, dass sich in der Gesellschaft eine neue Wachsamkeit entwickele.

Das Projekt „Antisemitismusprävention an hessischen Schulen“ solle dabei helfen, Judenfeindlichkeit zu erkennen und zu benennen, sagt Lorz. Lehrkräfte sollen in die Lage versetzt werden, damit pädagogisch umzugehen. Das Projekt sei auf zunächst drei Jahre angelegt, aber es sei klar, dass der Kampf gegen Antisemitismus eine dauerhafte Aufgabe sei. Beispielsweise solle er in der Ausbildung eine größere Rolle spielen.

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„Es ist harte Arbeit, und man braucht einen langen Atem“, sagt auch Professor Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der den fachlichen Beirat des Projekts leitet. Es müsse deutlich werden, dass Antisemitismus keine Meinung sei, sondern ein Verbrechen, zitiert Kiesel den französischen Schriftsteller Jean-Paul Sartre. Er sei zudem ein Seismograf für die Ablehnung globaler, universeller Werte und stehe für Abschottung, Stigmatisierung und Hass. „Judenfeindlichkeit“, sagt Kiesel, „stellt insgesamt die Grundlagen unserer Gesellschaft infrage.“

Angebote

Das Projekt „Antisemitismusprävention an hessischen Schulen“ ist eine Kooperation der Bildungsstätte Anne Frank mit dem Kultusministerium sowie der evangelischen und katholischen Kirche. Es ist zunächst auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegt. Angeboten werden Workshops für Jugendliche ab 13 Jahren sowie Fortbildungen für Lehrkräfte. Anmeldung und weitere Informationen gibt es bei der Bildungsstätte Anne Frank, Hansaallee 150, Frankfurt, Telefon 069 / 56 000 247 oder E-Mail trickert@bs-anne-frank.de.

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