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Mindestens fünf Wochen lang - bis zum Ende der Osterferien - bleiben die Klassenräume leer.

Analyse

Corona-Ferien? Von wegen

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Unsere Kinder haben ein Recht darauf, weiterhin lernen zu können. Die Krise schreit nach neuen pädagogischen Wegen. Es gibt dafür Vorbilder. 

Jetzt bleiben die Schulkinder also zu Hause. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer auch. Fünf Wochen leere Klassenräume, bis zum Ende der Osterferien – Stand jetzt.

Wie damit umgehen? Am vergangenen Freitag, als klar wurde, dass von Montag an die Schulen geschlossen bleiben würden, machte sich in vielen Lehrerzimmern eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Aufgekratztheit breit. Immer wieder war auch die Rede von den „Corona-Ferien“, als ginge es darum, jetzt noch schnell ein paar Urlaubspläne zu schmieden.

Tatsächlich beginnen die Ferien erst am 6. April, in der Woche vor Ostern. Und natürlich ist längst allen klar, dass es selbst dann nicht um Urlaub gehen wird. Wohin auch reisen? Corona ist überall.

Am heutigen Montag nimmt etwas seinen Anfang, was es in Europa, in Deutschland, in Hessen in Nachkriegszeiten noch nicht gegeben hat. Ein Experiment im Weltmaßstab, ein Großversuch mit Hunderttausenden Beteiligten mit ungewissem Ausgang. Gelingt es uns, gelingt es den Schulleitungen, den Lehrerinnen und Lehrern, den Vätern, Müttern, Schülern und Schülerinnen, das Lehren und Lernen unter nie dagewesenen Bedingungen aufrechtzuerhalten, Unterricht zu organisieren? Es ist eine ungeheuere Herausforderung. Und leider gibt es Grund zu der Annahme, dass wir ihr nicht gewachsen sein könnten.

Zur Vorbereitung auf die mögliche Schließung von Schulen oder dem Eintreten eines Quarantänefalls waren die Lehrkräfte aufgefordert, E-Mail-Listen ihrer Klassen und Kurse anzulegen. Längst nicht alle haben das getan. Ein Versäumnis, das kaum mehr einzuholen ist.

Dort, wo es die Listen gibt, sollen Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern Arbeitsaufträge für jeweils eine Woche zuschicken, die zu Hause bis Freitag zu erledigen sind und dann per E-Mail zurückgesendet werden sollen. So sehen es die Notfallpläne an vielen der Schulen vor.

Das hat, um es vorweg zu nehmen, nicht viel mit Unterricht zu tun und kann allenfalls kurzfristig das gemeinsame Lernen notdürftig ersetzen, das in weiten Teilen auf unmittelbarem Kontakt und einem Hin und Her zwischen Lehrendem und Lernenden beruht.

Zwar sind die Eltern angehalten, darauf zu achten, dass ihre Kinder möglichst regelmäßig ihren Verpflichtungen zum Erledigen der Aufträge nachkommen. Häufig aber werden die Kinder und Jugendlichen dabei auf sich alleingestellt sein – es grüßen die Corona-Ferien. Fraglich auch, wie die Lehrkräfte mit der Masse an erledigten Aufgaben zurechtkommen sollen, die am Ende der Woche in ihren E-Mail-Eingängen landet.

Dabei gibt es bessere Lösungen. Der Blick geht dabei auf die andere Seite der Erdkugel, nach Australien. School of the Air heißt ein Konzept, das findige Pädagogen in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt haben, um in dem riesigen Land eine Schulbildung auch jenen zuteil werden zu lassen, die viel zu verstreut wohnen, um sie in einem Klassenraum zu versammeln.

Ursprünglich per Kurzwelle, inzwischen via Internet sind Lehrkräfte und Schüler dabei in täglichem Kontakt. In der Regel schalten sie sich in Gruppen eine Stunde am Tag zusammen, um den Unterrichtsstoff zu besprechen, Fragen zu klären und neue Aufgaben zu verteilen.

Alle Beteiligten können sich dabei untereinander am Bildschirm sehen, miteinander reden und kommen damit einer realen Klassenzimmersituation nahe. Abseits dieser einen Stunde lernen und arbeiten die Schülerinnen und Schüler für sich selbst weiter, häufig begleitet von Eltern, älteren Geschwistern oder einem Tutor.

Die technischen Mittel, um ein solches Modell hierzulande einzurichten, gibt es. Auch ohne, dass der Digitalpakt nur ansatzweise umgesetzt wäre. PC, Tablet oder wenigstens Smartphone sind nahezu flächendeckend vorhanden, kostenlose Apps erlauben das Zusammenschalten von bis zu 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer Sitzung.

Wir sind in einer Lage, die noch vor Wochenfrist nicht vorstellbar schien. Die Krise verlangt uns allen mehr ab, als wir für möglich gehalten haben.

Und sie schreit nach neuen, auch pädagogischen Wegen. Unsere Alten, Kranken und Schwachen brauchen unsere Solidarität, um Corona überstehen zu können. Unsere Kinder haben ein Recht auf unsere Kreativität und all unsere Anstrengungen, ihnen das Lernen weiterhin zu ermöglichen.

Die nun anbrechenden drei Wochen bis zum Beginn der Osterferien können ein Experimentierfeld werden für Lösungen, wie wir sie uns bisher nicht vorstellen konnten. Nein, sie können nicht, sie müssen dafür genutzt werden.

Dass nach den Osterferien die Schulen wieder öffnen, kann man hoffen. Sicher ist es keineswegs. Wie geht es dann weiter? Sicher nicht mit Corona-Ferien.

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