Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Gemeinsames Lernen am Esstisch, Tatjana Krüger, Nele, Vincent Knoblauch und Hannah Krüger (von links).
+
Gemeinsames Lernen am Esstisch, Tatjana Krüger, Nele, Vincent Knoblauch und Hannah Krüger (von links).

Corona

Schule: „Keine Hoffnung und keine Motivation“

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
    schließen

Eine Oberurseler Familie berichtet aus ihrem schwierigem Alltag mit Wechsel- und Distanzunterricht.

Vincent Knoblauch ist überzeugt, dass sich seine Töchter Hannah und Nele „recht wacker halten“. Die 15-jährige Hannah ist seit Dezember im Distanzunterricht, die zwölfjährige Nele darf zumindest unter Einhaltung der Hygienevorschriften in Corona-Zeiten alle zwei Wochen in die Schule und hat für die andere Woche Arbeitsaufträge. Trotzdem „stehen wir alle ein Stück weit unter Strom“, berichtet Knoblauch. Der Oberurseler und seine Frau Tatjana Krüger sind beide berufstätig, beide arbeiten im Homeoffice: er bei einer Bank in der Abteilung für Arbeitsrecht, sie bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Für die Schulaufgaben ihre Töchter können sie sich maximal eine Stunde Zeit nehmen, ehe die nächste Video- oder Telefonkonferenz ansteht oder das Mittagessen vorbereitet werden muss.

„Der Wechselunterricht wäre unser Zugeständnis an die Pandemie“, sagt Krüger. Doch die Kinder aus den Jahrgangsstufen sieben bis elf komplett aus dem Präsenzunterricht zu entfernen, hält sie für willkürlich. Außer in Hessen handhaben nur Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg das so. In allen anderen Bundesländern gilt: entweder Distanzunterricht oder Wechselunterricht für alle. Dabei heißt es in einem Elternbrief von Kultusminister Alexander Lorz (CDU), dass durch Tests Präsenzunterricht möglich sei – aber nicht für die Klassen sieben bis elf. Und was sie am meisten stört: Es gibt keine Begründung für den Ausschluss.

„Die hohen Inzidenzzahlen werden nicht durch die Schulen verursacht“, sagt Krüger. Am Gymnasium Oberursel, wo ihre Kinder in den Klassenstufen sechs und neun sind, habe es seit Sommer vier positive Fälle gegeben. „Warum ist es nicht möglich mit Abstand, Masken, kleineren Klassen, mit regelmäßigem Lüften und zwei Tests die Woche die Kinder in die Schule zu schicken?“, fragt sie sich. Wenn ihre Töchter jetzt vormittags lange im Bett liegen bleiben, könne sie ihnen das nicht einmal vorwerfen, weil die Schule keinerlei Struktur vorgibt. Und dass der Distanzunterricht laut hessischem Kultusministerium „äquivalent“ zum Präsenzunterricht sein soll, hält die Familie für einen Hohn.

Für Hannah sieht der Stundenplan so aus: Sie hat - per Videokonferenz - in der Woche je zwei Stunden Mathe und Französisch sowie je eine Stunde Biologie und Chemie. Und alle zwei Wochen 45 Minuten Spanischunterricht. Weder in Englisch oder Deutsch noch in Politik oder Wirtschaft gab es seit vier Monaten eine Videokonferenz. In allen Fächern gibt es einen Arbeitsauftrag für die Woche. Dabei fallen die Rückmeldungen der Lehrer:innen höchst unterschiedlich aus. Einige geben ab und zu Feedback, mit ihrem Deutschlehrer hat Hannah einmal in vier Monaten telefoniert.

„Fächer, die mir sowieso schwerfallen, wie Chemie oder Physik - da habe ich eine komplette Bildungslücke, weil ich keinen Satz verstehe“, erzählt die 15-Jährige. In Mathematik war sie kürzlich mit einer Aufgabe zu quadratischen Funktionen überfordert. „Videos auf Youtube haben mir nicht geholfen und eine Textnachricht meiner Lehrerin hätte ich auch nicht verstanden“, sagt sie. Auch ihre Eltern konnten ihr nicht helfen. Erst dank Nachhilfelehrer konnte Hannah die Aufgabe abgeben, sonst hätte sie einfach dazugeschrieben, dass sie es nicht verstanden hat. Eine Klausur hat sie das letzte Mal im ersten Halbjahr geschrieben.

„Was einen zur Verzweiflung treibt, ist, dass es heißt: Wir setzen alle Prioritäten in unsere Kinder. Aber es kommt nichts an“, klagt Knoblauch. Und man könne sich an niemanden wenden. Zwar gebe es den Elternbeirat, aber wenn der sich an die Schulleitung wende, passiere nichts. Die Schule habe sich zwar eine Selbstverständniserklärung gegeben, doch deren Quintessenz klingt für Knoblauch wie folgt: „Liebe Eltern, wir sichern den Schulbetrieb zu und Sie stellen sicher, dass die Kinder pünktlich teilnehmen. Aber nervt uns nicht weiter, wir können es auch nicht ändern.“

Tatjana Krüger ärgert, dass es keine Standards und keine Anweisungen für den Distanzunterricht gibt. „Jeder Lehrer macht es so, wie er möchte, oder er lässt es. Es gibt keine Hinweise auf eine Leistungsbewertung, kein Schulungsangebot, keine Ausstattung“, sagt sie. Als sie mal bei ihrer Tochter Nele ins Zimmer geschaut hat, als diese im Wechselunterricht war und die Lehrerin gefragt hat, warum die Kinder die Kamera nicht einschalten, hörte sie mehrfach: „Datenvolumen“, sonst stürze die Videokonferenz ab.

Nele merkt mittlerweile, dass sie selbst in Fächern, die ihr leichtfallen, immer wieder Sachen nachlesen muss, weil sie sie nicht mehr durch regelmäßiges Wiederholen abspeichert. Ihre Aufgaben zu Hause kann die Sechstklässlerin machen, wann sie will, solange sie pünktlich hochgeladen werden. Seit einiger Zeit hat sie ein iPad, vorher musste sie sich den Laptop mit ihrer großen Schwester teilen. „Am Montag habe ich schon drei Aufgaben gemacht und am Dienstag gar nichts“, erzählt sie.

Immerhin kann Nele wieder im Verein Fußball spielen – das ist ohne Abstand und Masken für Kinder unter 14 Jahren erlaubt. Hannah spielt zum Ausgleich Tennis. Ein Ende des Distanzunterricht sieht sie nicht. „Ich habe keine Hoffnung und keine Motivation“, sagt die 15-Jährige.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare