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„Inklusive Schulbündnisse“ sollen die Qualität der sonderpädagogischen Förderung steigern.

Darmstadt

„Schulbündnisse sind der richtige Ansatz“

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Stadtelternbeirätin Marianne Koch spricht im FR-Interview über Defizite an Förderschulen und Probleme bei der Inklusion behinderter Kinder.

Sie sind Elternbeirätin im Bereich Förderschule. Sie sind auch selbst betroffen?
Ja, unsere Tochter ist 18 Jahre alt und geht auf die Darmstädter Christoph-Graupner-Schule, eine Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung. Ihre Behinderung fällt nicht unter eine bestimmte Diagnose wie etwa Downsyndrom. Sie galt im ersten Lebensjahr als stark entwicklungsverzögert. Später stellte sich heraus, dass sie eine sensomotorische Entwicklungsstörung hat, die auch eine körperliche Beeinträchtigung beinhaltet.

Welche Fragen beschäftigen Eltern behinderter Kinder vor der Einschulung besonders?
Wie sind die Klassengemeinschaften und die älteren Kinder? Wie finden Klassenfahrten statt. Dinge, die einfach nicht so normal ablaufen. Man muss viel mehr organisieren und hat größere Ängste: Schafft sie das? Und wie läuft die Betreuung ab?

Sind Sie mit Ihrer Förderschule zufrieden?
Die Schule tut mit ihren Möglichkeiten das Beste, aber sie wird in vielen Dingen einfach alleingelassen.

Welchen Einfluss können Sie als Stadtelternbeirätin nehmen?
Vor allem in Form von Anregungen und Informationsaustausch. Ich bin Mitglied in vielen sozialen Gremien und besuche Schul- und Jugendhilfeausschüsse der Stadt. Da versuche ich über Kindergarten, Schule, Beruf hinaus für lebenslanges Lernen zu wirken. Dann habe ich zusammen mit anderen engagierten Eltern den „Runden Tisch Inklusion“ gegründet. Man muss sich immer wieder Feedback holen bei den Elternbeiräten über die Situation an den Schulen vor Ort.

Sie haben deshalb eine Umfrage an Schulen gemacht – was war das Ergebnis?
Ich habe über die Schulelternbeiräte an 20 Schulen in den Inklusionsklassen nachfragen lassen, wie es läuft. Umfangreiches Feedback bekam ich von elf Grundschulen, Gymnasien und Gesamtschulen. Fazit: Eine gute Inklusion für beide Seiten ist bisher daran gescheitert, dass nicht die nötigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Woran hapert es zum Beispiel?
Die Förderlehrer müssen oft von Schule zu Schule springen und verbringen sehr viel Zeit auf der Straße, um dann eine Schulstunde zu unterrichten. Die Schülerzahl in den inklusiven Klassen wird nicht verkleinert. Es gibt nicht die Räumlichkeiten, nicht das Personal. Das Unterrichtsmaterial müssen die Lehrer sich oft selbst aus dem Internet zusammenstellen. Es werden keine zusätzlichen Stunden gewährt für Gespräche mit Eltern, Therapeuten, Schulbegleitern und dem Fachlehrerteam. Schulbegleiter sind oft ungelernte Kräfte. Oft entstehen Betreuungslücken, die Begleiter wechseln häufig, was etwa für autistische Kinder ganz schlecht ist. Wenn der Schulbegleiter krank wird, muss oft auch das Kind zu Hause bleiben. Es gibt kein Konzept für Einsatz, Ausbildung und Bezahlung von Schulbegleitern.

Sie kritisieren aber generell die Einzelintegration – warum?
Auch das Kind mit einer Behinderung braucht seine eigene Clique. Es ist immer das letzte, das schwächste Glied in der Kette. Und die Kinder merken relativ schnell, das sie anders sind, gerade Kinder mit Downsyndrom. Und für die nichtbehinderten Kinder ist es auch schwierig einen Kontakt aufzubauen, weil das einzeln integrierte Kind immer einen Schulbegleiter dabei hat, es ist behütet und beschützt. Das behinderte Kind ist dadurch auch bei gruppendynamischen Prozessen immer außen vor. Ich bin deshalb dagegen, die Kinder mit Behinderung nach dem Gießkannenprinzip auf die Schulen zu verteilen.

Dann doch lieber Förderschule?
In Förderschulen sind viele Kinder unterfordert. In jeder Familie wird inklusiv gelebt. Das behinderte Kind lernt von seinen Geschwistern, es guckt sich ab, lernt Regeln, Kommunikation und Verhalten. Viele Sachen in der Förderschule kann man sich ja nicht abgucken. Umgekehrt lässt sich bei unseren anderen beiden Töchtern eine enorme soziale Kompetenz feststellen, die auch ihre Lehrer bemerken.

Sind die vom Kultusministerium geplanten „Inklusiven Schulbündnisse“ die Lösung?
Ich halte die „Inklusiven Schulbündnisse“, die die Landesregierung jetzt einführen will, für einen richtigen Ansatz. Es wird versucht, wohnortnah in den einzelnen Quartieren Schulinseln zu schaffen, um die Ressourcensteuerung zu verbessern, sprich, durch kurze Wege und festes sonderpädagogisches Personal vor Ort von der Grundschule bis zum Gymnasium. Das würde auch die Qualität der sonderpädagogischen Förderung steigern, und diese Schulbündnisse könnten sich zu Inklusionsexperten qualifizieren. Allerdings liegt die Krux im Detail. Auf dem Papier liest sich vieles richtig, aber auch bei diesem Ansatz muss das notwendige Personal zur Verfügung gestellt werden. Und ob das Kultusministerium an diesem Punkt nachsteuert, bleibt abzuwarten.

Wie sieht es in Darmstadt und im Landkreis mit „Inklusiven Schulbündnissen“ aus?
Die Stadt Darmstadt ist als Pilotregion ausgewählt. Es werden gerade in Darmstadt-Nord und Darmstadt-Süd aus den jeweils vor Ort befindlichen allgemeinen Schulen, dem regionalen Beratungs- und Förderzentrum mit den regional zugeordneten Förderschulen diese Bündnisse aufgebaut. Am Anfang gibt ein sogenanntes Implementierungsjahr, in dem die Planung und Umsetzungsschritte vorgenommen werden. Im Moment wird laut Staatlichem Schulamt an Rollen- und Aufgabenklärung und Kommunikationsstrukturen gearbeitet.

Was empfehlen Sie Eltern, die vor der Entscheidung stehen, wohin sie ihr Kind geben? Gibt es eine Beratungsstelle?
Nein, in Darmstadt noch nicht. In Frankfurt und Kassel gibt es unabhängige Inklusionsberatungsstellen, die sich über das Thema Schule hinaus auch um finanzielle und soziale Probleme kümmern. Ich bin für den Stadtelternbeirat seit zwei Jahren daran, das auch in Darmstadt aufzubauen. Aus den Antworten der Umfrage habe ich einen Maßnahmenkatalog abgeleitet, der jetzt in der Verortung einer unabhängigen Inklusionsberatungsstelle resultiert, die eine Anlaufstelle ist bei Fragen und Problemen mit Trägern, Ämtern, Schulämtern, Barrierefreiheit, Schulbussen, Krankenkassen und so weiter. Am 24. Januar soll es darum auch beim runden Tisch „Inklusion“ gehen. Ich hoffe, dass die Stadt sich dazu entschließen kann, eine Beratungs- und Unterstützungsstelle endlich auch in Darmstadt zu installieren.

Woran können sich Eltern sonst orientieren? Wie sieht es mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum Darmstadt aus? Das spricht doch auch Empfehlungen für die Einschulung aus…
Ja, da wäre ich gespannt. Bei uns hieß die Empfehlung „Förderschule“, und ich kenne auch niemanden, bei dem es anders gewesen wäre. Ansonsten gibt es die Fördergespräche mit dem Staatlichen Schulamt, der Schulleitung und den Beratungs- und Förderzentren. Von denen gibt es in Darmstadt drei: an der Christoph-Graupner-Schule, der Ernst-Elias-Nibergall-Schule und an der Herder-Schule. Die sind auch dafür zuständig, die Eltern zu beraten. In der Vergangenheit erfolgte diese Beratung nicht so unabhängig; es ging häufig in Richtung Förderschule. Das hat sich wohl etwas gebessert, weil einige mutige Eltern ihr Recht auf Inklusion in Anspruch nehmen – trotz der schlechten Bedingungen für alle Beteiligten.

Was bringt eine Bildungskonferenz, wie sie kürzlich in Darmstadt-Dieburg stattfand?
Da versucht man auf viele Fragen Antworten zu finden. Aber wenn man keine Verbindlichkeiten verabschiedet und die Verlässlichkeit zu den Zielen nicht stimmt, bleibt dieses Organ wirkungslos. Dann kommt noch dazu, dass das Wissen über die konkreten Probleme oft gar nicht vorhanden ist, weil man zu wenig mit der entsprechenden Klientel spricht. Die besten Kenntnisse über Missstände haben eigentlich die Eltern. Aber leider fehlt es auch an Eltern, die sich einbringen wollen und können. Oft eben auch wegen der Überbelastung durch das Kind mit Behinderung.

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