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Messstation für Feinstaub und Stickoxide

Gesundheit

Feinstaub in Rhein-Main verkürzt das Leben

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Mainzer Wissenschaftler fordern deutlich strengere Grenzwerte für Feinstaub.

Luftverschmutzung ist gefährlicher, als die meisten denken. Sie verringert die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa um rund zwei Jahre. Knapp 800 000 Menschen sterben hier jährlich vorzeitig daran. Dreckige Außenluft fordere mehr Opfer als Rauchen, sagt Jos Lelieveld, Leiter der Abteilung Atmosphärenchemie am Max-Planck-Institut in Mainz. „Wir müssen die Grenzwerte für Feinstaub drastisch senken“, fordert deshalb Thomas Münzel, Direktor der Kardiologie an der Mainzer Uniklinik, bekannt durch seine Studien zu den Gesundheitsfolgen von Fluglärm. Jetzt macht der kritische Uniprofessor wieder mit einer Publikation von sich reden, die eine Vorlage für die Politik sein könnte. Die Grünen in Rheinland-Pfalz haben den Ball am Dienstag gleich aufgenommen: „Die Ergebnisse beweisen, dass die derzeit geltenden Grenzwerte für Feinstaub nicht heraufgesetzt werden dürfen“, kommentierte Andreas Hartenfels, umweltpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion.

Das Team von Wissenschaftlern um Münzel und Lelieveld hat eine Studie erstellt, die nach ihren Aussagen nicht weniger als die Neubewertung der Folgen schmutziger Luft darstellen. Sie stellt sie in die Linie der fünf bedeutendsten Gesundheitsrisiken neben Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen.

Qualmen lasse sich vermeiden, das Einatmen dreckiger Luft kaum. Das Tragen von Atemmasken wie in China könnte ein wenig helfen. Oder die App, die über die aktuelle Luftbelastung informiert, sagt Münzel. Wenn die aktuelle zu hoch ist, sollte man auf der Couch liegen bleiben und das Joggen oder Radfahren verschieben.

Messeturm in Dunstglocke

Lelieveld zeigt ein Luftbild vom vergangenen September. Über Frankfurt liegt eine Dunstglocke, selbst der prägnante Messeturm ist schwer identifizierbar. Gegenüber den 70er Jahren habe sich schon einiges gebessert. Und richtig schlimmen Smog, sagt der Atmosphären-Experte, gibt es in Beijing, Mexico City oder Sao Paulo. „Aber so gut ist die Luft hier auch nicht.“ Die Teilchen breiten sich auf die ganze Region aus, bildeten sich manchmal erst nach Tagen in der Atmosphäre, Feinstaub kann alle möglichen Partikel beinhalten, sagt Münzel. „Das ist eine heterogene Suppe.“ Verursacht wird er von „fossilen Energieträgern“ in Industrie und Verkehr. Eine wichtige Rolle spiele in Deutschland auch das Ammoniak, das in der Landwirtschaft entsteht.

Je kleiner die Teilchen, desto einfacher gelangen sie über die Atemluft in die Blutbahn, verursachen Entzündungen und Gefäßverkalkungen, sagt Münzel. Feinstaub sei für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich, Europas Todesursache Nummer eins.

„Luftverschmutzung muss als wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor anerkannt werden.“ Sie verstärke das Risiko von Diabetes, Bluthochdruck oder hohem Cholesterinwert. Das zeige, wie wichtig es ist, die Grenzwerte zumindest den Richtlinien der WHO anzupassen. Zudem müsse Feinstaub stärker in den Fokus der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie rücken.

Mit ihrer Studie wollen die Wissenschaftler die Politik wachrütteln. „Es ist Zeit für eine Intervention“, sagt Münzel. „Oberste Priorität muss die Gesundheit der Bevölkerung haben.“ Die verwirrende Debatte um Feinstaub und unsinnige Dieselfahrverbote verstelle den Blick darauf, dass Feinstaub ein noch größeres Problem darstelle, sagt Lelieveld. „Wir wollen aufklären und das Chaos vermindern.“

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