Prozess in Frankfurt

Rentner sticht auf Ausländer ein

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Ein Rentner ärgert sich, weil ein Radfahrer mit seinem Rad einen Sitz in einem Wartehäuschen blockiert. Er rammt dem Radler ein Messer in den Rücken. Jetzt steht der 75-Jährige vor Gericht.

Am 19. September 2010 wird Cemal T. ein Opfer massiver Seniorenkriminalität. Der Maschinenbediener ist mit dem Fahrrad in Höchst unterwegs. Vor einem Regenschauer sucht er Schutz unterm Dach einer Bushaltestelle in der Bolongarostraße. Außer ihm ist dort niemand, er stellt sein Fahrrad vor einen der drei freien Sitze und studiert aus Langeweile den Fahrplan.

Bis ihn der 75 Jahre alte Rentner Joachim Z. beherzt von hinten anrempelt. Auf T.s Frage nach dem Warum stößt ihm Z, Bescheid, er sei ein „Scheiß-Ausländer“ und versperre mit dem Rad ihm, dem ausweislich 70-prozentig Schwerbehinderten, den Zugang zum Sitz seiner Wahl. Selber Scheiße, antwortet T., dann heißen die beiden sich gegenseitig „Arschloch“. Der Klügere, in diesem Falle T., setzt sich auf sein Fahrrad und will weiterradeln. Z. stößt ihn von hinten, T. stürzt.

Er rappelt sich auf und will T. erneut zur Rede stellen, beißt aber auf Granit. „Alte Menschen schlägt man nicht“, sagt T. später als Zeuge vor dem Amtsgericht, darum will er erneut wegradeln, aber Z. rammt ihm von hinten ein Springmesser in den Rücken. Dann will er weiterstechen, aber T. ruft, bevor ihn die Kraft verlässt, laut um Hilfe. Drei Passanten ringen den Rentner nieder.

Täter jammert über Zeugen

„Ich habe letztendlich auch gemerkt, dass das irgendwie ein bisschen zu viel war“, sagt Z. in breitestem Thüringisch und relativ unzerknirscht auf der Anklagebank, wo er sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss. Aber der Ausländer habe „rumgemeckert, dass er sein Fahrrad wegnehmen sollte“, und da ward ihm „irgendwie ganz perplex zumute“, und dann „hat sich wie gesagt irgendwie alles ausgeweitet“. Freilich: „Das hätte mir nie so passieren dürfen in dieser schweren Form.“ Dann jammert Z. ausführlich über die drei Zeugen, die ihn „mit Gewalt und Druck“ festgehalten hätten und ihm „gegen meinen Willen mein Messer abgenommen haben … das ist doch mein Messer.“

Cemal T. lag anderthalb Wochen im Krankenhaus, er musste zweimal operiert werden. Aber die körperlichen Wunden seien nicht die schlimmsten. Er werde den Blick des alten Mannes nie vergessen. „Dieser Hass! Diese Feindlichkeit! Ich kann das nicht verstehen.“ Noch heute leide er unter Schlafstörungen. Und auch wenn er nachts alleine durch dunkle Parks fahre, packe ihn nun mitunter ein zuvor nie gekanntes Grauen.

„Da kann ja gar nichts mit passieren, bei so einem kleinen Messer“, ist Z. bis heute überzeugt. In der Tat kann T. froh sein, dass der Alte ihm nicht das Bowie-Messer, das er ebenfalls dabei hatte, in den Rücken gejagt hat.

Cemal T. hat mittlerweile Angst um den Zustand dieses unseres Landes: „Wie kann das sein, dass ein Rentner mit zwei solchen Messern durch die Gegend läuft?“ „Gute Frage“, pflichtet auch der Richter bei. Für Suche nach der Antwort ist noch Zeit – der Prozess wird fortgesetzt.

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