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„Wenn wir mehr finanzielle Mittel hätten, wäre es ein Traum, eine eigene Station für minderjährige Flüchtlinge aufbauen zu können“, sagt Schramm. (Symbolfoto)

Flüchtlinge in Frankfurt

„Nationalität sollte kein Stempel sein“

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Dinah Schramm ist Gruppenleiterin im Pflege- und Erziehungsdienst der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik. Im Interview spricht sie über die Situation junger Asylsuchender und die Folgen traumatischer Fluchterfahrung.

Dinah Schramm, 35, ist Gruppenleiterin im Pflege- und Erziehungsdienst der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Frankfurt. Die gelernte Krankenpflegerin ist zuständig für die Mitarbeiter der geschlossenen Akutstation und der Jugendstation II, die unter anderem auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisiert ist.

Frau Schramm, neben dem Amoklauf von München hat es jüngst Anschläge junger Flüchtlinge gegeben. Ein bei Würzburg lebender 17-Jähriger ist mit der Axt auf Zugfahrgäste losgegangen, ein 27-Jähriger hat sich in Ansbach in die Luft gesprengt. Erhöht traumatische Fluchterfahrung das Risiko für Gewalt?
Ich bin keine Ärztin, spreche also nur aus pflegerischer Sicht. Wir haben zwar auf unserer Station durchaus schon mit Gewalt zu tun gehabt, die stand aber eher im Zusammenhang mit den geschlossenen Türen, fehlender Behandlungskooperation und sprachlichen Barrieren. Die Jugendliche wissen nicht, was mit ihnen in der Aufnahmesituation passiert. Einige nehmen auch Drogen. Manche versuchen dann, ihren Frust durch Gewalt abzulassen. Aber grundsätzlich würde ich nicht von einem auf andere schließen. Nicht jeder Flüchtling, der zu uns kommt, ist gewaltbereit. Auch nicht jeder Flüchtling kommt in die Psychiatrie. Fälle wie der in Würzburg machen mich traurig, weil wir auch ganz andere Flüchtlinge erleben. Und eine psychische Erkrankung kann jeden treffen.

Muss man davon ausgehen, dass viele Geflüchtete psychiatrisch auffällig werden könnten?
Natürlich ist die Disposition, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, höher. Aber eine psychiatrische Erkrankung macht jemanden nicht gleich gefährlich. Oft sind es Depressionen, Schlafstörungen, Angst. Sie kommen hier her, kennen niemanden, leben oft in einer Massenunterkunft. Und wer aus Syrien oder Afghanistan flüchtet, ist ja nicht ohne Grund hier.

Die Gruppe der unbegleiteten Minderjährigen ist eigentlich recht gut betreut. Ob in spezialisierten Unterkünften oder Pflegefamilien, in der Schule, in Projekten mit Ehrenamtlichen. Auf was für Anzeichen können Bezugspersonen achten, um schlimmerem vorzubeugen?
Auf unserer Station arbeiten wir interdisziplinär mit Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern. In meinem Bereich, dem Pflege- und Erziehungsdienst, achten wir stark auf das Verhalten der Jugendlichen. Ob das Einschlaf- oder Durchschlafstörungen sind, Alpträume, gestörtes Essverhalten, vielleicht sogar Einnässen. Solche regressiven Verhaltensweisen, die man eigentlich eher von Kindern kennt, erleben wir häufig. Auch Angst, Traurigkeit, sozialer Rückzug können aus meiner Erfahrung Anzeichen für psychische Erkrankungen sein.

Was kann man dann tun?
Ich finde es wichtig, den Jugendlichen anzubieten, über Erlebtes zu sprechen oder dass sie sich bei einem Profi Hilfe suchen können. Wir haben viele Kinder- und Jugendpsychiater, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Betroffene können sich auch ans Gesundheitsamt wenden oder an uns, wenn die Auffälligkeiten massiv sind, jemand etwa seit Stunden weint. Die Profis bei uns im Haus entscheiden, ob jemand hier auf der Akutstation bleibt, sie eine ambulante Behandlung im Haus anbieten können oder an niedergelassene Ärzte verweisen.

Gibt es in Frankfurt ausreichend Anlaufstellen?
Es bräuchte mehr Angebote für langfristige Psychotherapien, die wir in unserer Klinik nicht anbieten können. Wir haben kein Personal, das ihre Sprachen spricht. Um Erlebtes zu verarbeiten, muss Vertrauen aufgebaut werden, es braucht eine monatelange ambulante Therapie. Aber für solche Therapieplätze gibt es, auch für andere Jugendliche und umso mehr für nicht-deutschsprachige, eine sehr lange Wartezeit. Wenn wir mehr finanzielle Mittel hätten, wäre es ein Traum, eine eigene Station für minderjährige Flüchtlinge aufbauen zu können.

Zu Ihnen kommen Jugendliche, die durch selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten auffällig geworden sind, zunehmend auch Geflüchtete. Was können Sie tun, um sie zu stabilisieren?
Sie kommen ja aus verschiedenen Gründen. Entweder sind sie suizidal und kommen zu uns, um einen geschützten Rahmen zu haben. Oder die betreuende Einrichtung wendet sich an uns, damit wir diagnostizieren, was mit einem Jugendlichen los ist und er in der Einrichtung aktuell nicht führbar ist. Wir tauschen uns eng untereinander aus, haben Supervisionen im Team, Arztgespräche werden natürlich mit Dolmetschern geführt. Wir haben unsere Stationsregeln auf Farsi, Dari, Arabisch übersetzt. Es hilft sehr, erklären zu können, dass wir eine körperliche Untersuchung machen, Blut abnehmen oder dass sie sich vor uns ausziehen sollen, damit wir durchsuchen können, ob sie ein Messer dabei haben. Ein großes Problem sind Handys, die auf Station aus Datenschutzgründen nicht erlaubt sind. Patienten, für die der Kontakt zu Familie und Freunden draußen oft die einzige Möglichkeit ist, zu kommunizieren, ist das schwer zu erklären.

Greifen trotz Sprachbarriere und anderer kultureller Sozialisation die gleichen Therapie- und Umgangsformen, wie bei den deutschen Patienten?
Wir können natürlich nicht so viel reden, wie mit Deutsch- oder Englischsprachigen. Vieles läuft nonverbal. Einmal die Woche kochen wir international. Wir kaufen zusammen ein und bereiten beispielsweise ein Gericht aus Afghanistan zu. Da braucht man nicht viel reden, kann die Jugendlichen aber gut einbinden und in die Patientengruppe integrieren. Ähnlich funktioniert das mit Sport. Sie können hier auch beten, das unterbinden wir nicht, im Gegenteil. Das Verständnis und Mitgefühl der anderen Patienten, die vielleicht selbst Störungen im Sozialverhalten haben, ist da sehr hoch. Wir versuchen, alle unsere Patienten mit ihren Problemen und Bedürfnissen individuell zu behandeln. Eine bestimmte Nationalität sollte für niemanden ein Stempel sein.

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