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Schläger trotz neuer Anklage frei

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Kasseler Landgericht: Hier wurde Kevin S. im Januar zu 27 Monaten verurteilt - im März aber freigelassen, weil Berufung läuft.
Kasseler Landgericht: Hier wurde Kevin S. im Januar zu 27 Monaten verurteilt - im März aber freigelassen, weil Berufung läuft. © dpa

Den Neonazis um Kevin S. wird ein weiterer Überfall auf Linke vorgeworfen. Das Landgericht Kassel sagt: Wir wussten von nichts. Von Joachim F. Tornau und Carsten Meyer

Von JOACHIM F. TORNAU UND CARSTEN MEYER

Freiheit trotz neuer Anklage: Der Neonazi und Schläger Kevin S. ist vom Kasseler Landgericht auf freien Fuß gesetzt worden, obwohl er sich voraussichtlich bereits im Mai wegen einer weiteren rechtsextremen Gewalttat vor Gericht verantworten muss. Zusammen mit zehn anderen Angehörigen der braunen Kameradschaft "Freie Kräfte Schwalm-Eder" (FKSE) wird dem 19-Jährigen eine brutale Attacke auf Linke im nordhessischen Todenhausen zur Last gelegt.

Der rechtsextreme Aktivist Kevin S. war im Januar als Haupttäter des Neonazi-Angriffs auf Teilnehmer eines Zeltlagers der Linksjugend am Neuenhainer See zu einer 27-monatigen Jugendstrafe verurteilt worden. Da dieses Urteil aber noch nicht rechtskräftig ist, wurde er Anfang März vorläufig in die Freiheit entlassen. Eine längere Untersuchungshaft wäre unverhältnismäßig, entschied das Kasseler Landgericht - und war dabei offenbar schlecht informiert: Dass die Staatsanwaltschaft Marburg zwischenzeitlich Anklage wegen des Überfalls im Frielendorfer Ortsteil Todenhausen erhoben hatte, habe man nicht gewusst, sagt Gerichtspräsident Wolfgang Löffler. Denn sonst hätte die Entscheidung durchaus auch anders ausfallen können: "Ein neues Verfahren kann ins Gewicht fallen."

Es geht wieder um gefährliche Körperverletzung - und um Raub. Im Juni 2008, wenige Wochen vor dem Angriff auf die linken Camper, sollen Kevin S. und seine rechten Gesinnungsgenossen in Todenhausen Jagd auf Antifaschisten gemacht haben. Sie hätten sich, so der Vorwurf, nachts vor dem Jugendclub des Dorfes vermummt auf die Lauer gelegt. Mit Pflastersteinen sollen sie zwei junge Männer und eine Frau beworfen und ihnen die Handys geraubt haben. "Ich wurde zweimal von Steinen getroffen", erzählt eins der Opfer, ein 20-jähriger Schüler. "Sie haben mich an den Haaren über die Straße gezogen und währenddessen auf mich eingetreten."

Die Angreifer kannten ihn offenbar: "Die haben meinen vollen Namen gerufen und mich als ?Scheiß-Antifaschisten' beschimpft", sagt der junge Mann. Zwei Jahre zuvor hatte er in einem Prozess gegen den FKSE-Aktivisten Marc O. als Belastungszeuge ausgesagt. Der Neonazi war damals zu einem zweiwöchigen Jugendarrest verurteilt worden: Zusammen mit Gleichgesinnten hatte er jugendliche Nazi-Gegner als "Scheiß-Zecken" beleidigt, durch Schwalmstadt gehetzt und einem von ihnen mit dem Schuh ins Gesicht getreten. Eine Tat, bei der die Marburger Staatsanwaltschaft freilich keinen politischen Hintergrund erkennen wollte.

Marc O., heute 20-jährig, soll laut Anklage ebenso wie Kevin S. am Überfall in Todenhausen beteiligt gewesen sein. Zu den neun weiteren Beschuldigten - alles Männer zwischen 17 und 23 Jahre - gehören unter anderem der NPD-Nachwuchsaktivist Alexander S. (18) und Florian B. (21), Schlagzeuger der aufgelösten Neonaziband "Royal Hatred". Pikant: Auch der Sohn eines Richters ist dabei - und der Vater arbeitet als Strafrichter ausgerechnet beim Amtsgericht in Schwalmstadt, wo der Prozess gegen die FKSE-Kameraden stattfinden soll. Wann, ist noch offen. Angepeilt wird jedoch ein Termin im Mai.

Im Zuge der Ermittlungen gegen die "Freien Kräfte Schwalm-Eder" hatte die Polizei im vergangenen Jahr 13 Wohnungen rund um Schwalmstadt durchsucht. Auch bei mehreren der jetzt Angeklagten waren Computer, Handys und Propagandamaterial beschlagnahmt worden. Nach FR-Informationen fanden die Ermittler dabei einen umfangreichen SMS-Verkehr, in dem die Kameraden ihre - wie sie schrieben - "kreativen Störmanöver" gegen antifaschistische Aktivitäten koordinierten. Sogar von "Krieg" war in diesem Kontext die Rede.

Bei Alexander S. fand sich auch eine ausführliche Namensliste, mit der die Verteilung und Bezahlung von fast 14 000 FKSE-Aufklebern verwaltet wurde. Und auf seinem Computer sammelte der NPD-Aktivist Anleitungen zum Bombenbau - nicht weniger als 63 Bilddateien enthielt der Ordner "Bomben bauen".

Dennoch bestreiten Polizei und Verfassungsschutz bis heute, dass die Kameradschaft mehr sei als ein loser Personenzusammenhang. "Das ist eine Verharmlosung", meint der Marburger Rechtsextremismus-Experte Benno Hafeneger. Er sieht im Schwalm-Eder-Kreis eine "stabile Kameradschaftsstruktur", wie es sie in Hessen sonst nur im Kreis Bergstraße gebe - ideologisch gefestigt, latent gewaltbereit und trotz der Ermittlungsverfahren ohne Auflösungstendenzen. "Wir haben es hier mit einem festgefügten Gruppenzusammenhang zu tun", ist Hafeneger überzeugt.

Auch Kevin S. hat nach seiner Haftentlassung sofort wieder Kontakt zu seinen Kameraden aufgenommen. Kaum in Freiheit, legte er sich in einer lokalen Internet-Community eine Profilseite zu, auf der führende FKSEler umgehend unter der Rubrik "Freunde" auftauchten. Aus seinen braunen Überzeugungen machte der 19-Jährige, der vor Gericht noch seinen Abschied von der Szene beteuert hatte, dort kein Hehl: So bekannte er sich zu Neonazi-Bands ebenso wie zu den "Turner-Tagebüchern". Dieser Roman von William L. Pierce zeichnet die rassistische Utopie einer weißen Weltrevolution, bei der die "nicht-arische" Erdbevölkerung fast völlig vernichtet wird.

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