Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Schweinchen können sich ihr quiekendes und grunzendes Dasein künftig mit speziellem Spielzeug versüßen.
+
Die Schweinchen können sich ihr quiekendes und grunzendes Dasein künftig mit speziellem Spielzeug versüßen.

Spielzeug für Schweine

Was schenk ich meinem Schwein?

Wenn sie schon ein Dasein in der hässlichen Massentierhaltung fristen müssten, dann sei ihnen wenigstens ein bisschen Spaß vergönnt. Das Spielzeug, das Kasseler Forscher entwickelt haben, fördert aber nicht nur das Wohlbefinden von Schweinen.

Es sieht aus, als habe jemand mitten im Schweinekoben eine bunte, faustgroße Glühbirne in den Zaun geschraubt – direkt über dem Futtertrog. Doch die Tiere, die auf dem Biobauernhof im nordhessischen Dörfchen Ellershausen ihr Dasein fristen, nehmen das seltsame Ding kaum zur Kenntnis. Sie wühlen lieber im Stroh oder knabbern an den Holzzäunen des Stalls – wenn sie nicht gerade fressen oder schlafen.

„Dagegen“, sagt Uwe Richter, Verhaltensbiologe am Fachbereich Agrartechnik der Universität Kassel in Witzenhausen, „kommt unser Kegel nicht an.“ Was er „Kegel“ nennt, ist jener glühbirnenförmige Gegenstand über dem Futtertrog: eine leuchtend gelbe Plastikkugel, die auf einer Stahlfeder sitzt und im Stall für saumäßig viel Spaß sorgen soll. Ein Spielzeug für Schweine, das Witzenhäuser Wissenschaftler entwickelt haben und derzeit einem Praxistest unterziehen. Auf dem Biohof in Ellershausen ist es allerdings nur zu Demonstrationszwecken installiert – benötigt wird das „Beschäftigungsmaterial“, wie das schweinische Unterhaltungsprogramm ganz nüchtern heißt, nur in der Massentierhaltung.

Das versüßte Leben eines Mast-Schweins

Wenn schon möglichst viel Fleisch möglichst billig hergestellt werden solle, sagt Richter, solle das wenigstens „möglichst tiergerecht“ passieren. Wo es auf nackten Betonböden in engen Boxen weder Auslauf noch Abwechslung gibt, soll deshalb das Spielzeug den Spiel- und Wühltrieb des Borstenviehs befriedigen. Denn wenn sich Schweine langweilen, werden sie aggressiv, rempeln ihre Artgenossen an, fügen sich gegenseitig Verletzungen zu. Und das ist nicht nur schlecht für die Tiere, sondern auch für den Bauern, wie Projektmitarbeiterin Nicola Jathe erklärt: Die gestressten Schweine müssten nach Blessuren medikamentös behandelt und von der Gruppe getrennt werden. „Sie nehmen weniger an Gewicht zu und müssen länger gemästet werden, bis sie der Schlachthof akzeptiert.“

Um das zu verhindern, gibt es verschiedene Versuche, Mastschweine zu bespaßen. Die Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (FNL), eine dem Bauernverband und der Agrarindustrie nahestehende Organisation, pries unter dem Titel „Was schenk ich meinem Schwein?“ erst kürzlich das „beliebteste deutsche Schweinespielzeug“ an.

Besser als Stroh oder Erde, worin Krankheitserreger hausen könnten, seien dabei „hygienisch unbedenkliche Materialien, die mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen“ – etwa Ketten, an denen quietschende Bälle oder Holzstäbe zum Annagen befestigt seien. Nach Ansicht der Witzenhäuser Wissenschaftler aber verlieren schnöde Ketten für die neugierigen und intelligenten Schweine schnell ihren Unterhaltungswert. „Die Bewegung, die unser Ball macht, ist für die Tiere dagegen nicht vorhersehbar“, sagt Richter und beruft sich auf ein prominentes Vorbild: „Die Idee kam von Ikea.“ Genauer: aus dem „Kinderparadies“ des schwedischen Möbelhauses. „Auch beim bekannten Bällebad muss man ja wühlen, um an den Boden zu kommen“, sagt Richter. Eigentlich habe man daher einfach die Futterrinnen mit Bällen füllen wollen, doch das habe sich nicht bewährt.

Stroh und ausreichend Platz genügen auch

Was am Ende übrig blieb, war die einzelne Kugel auf ihrer Feder – und die Hoffnung, dass das ausreicht, um künftig auch die strengeren Vorschriften der Europäischen Union fürs Schweinespielzeug einhalten zu können. Von 2013 an muss „veränderbar“ sein, womit sich das Borstenvieh beschäftigen soll. Das Projekt, in dem die „Wühlkegel“ entwickelt werden, hat sich die Bundesregierung daher mehr als 200.000 Euro Fördermittel kosten lassen.

Für Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzenden des Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft, ist das ein grundfalscher Ansatz: „Da muss man nichts forschen“, sagt der Bio-Landwirt. „Man muss den Schweinen nur ausreichend Platz geben – und Stroh zum Wühlen.“

Das eigentliche Problem sei nicht die Langeweile, sondern die industrielle Massenproduktion von Fleisch im Überfluss – mit Mastanlagen, in denen die Schweine ohne Tageslicht auf Betonspaltenböden über dem eigenen Kot leben müssen. „Ich gönne den Schweinen ihr Spielzeug von Herzen“, sagte Löwenstein. „Aber man bräuchte es nicht, wenn man sie anders halten würde.“ (dapd)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare