1. Startseite
  2. Rhein-Main

Schaf von Wolf gerissen?

Erstellt:

Kommentare

keh_hau_wolf_grosz_271022_4c_2
Auf der Aufzeichnung der Webcam ist der Wolf zu erkennen. Er trägt einen markanten Flecken auf der Brust am Kinn. miehling © Red

Bei dem Spaziergang mit dem Hund ein gerissenes und weitgehend ausgeweidetes Schaf zu entdecken, ist kein schöner Anblick. Wenn dann auch noch die Vermutung aufkeimt, dass es ein Wolf gewesen sein muss, der sich das große Nutztier nahe des Ortsrands gegriffen hat, kann sich beim Gassigänger durchaus ein mulmiges Gefühl breit machen.

Einen kühlen Kopf bewahren, den Schafhalter und das WZH - das Hessische Wolfszentrum - benachrichtigen, war für die Ober-Mörler Hundehalterin das Gebot der Stunde, als sie am Sonntag nach ihrer Entdeckung heimkehrte. Kurze Zeit später war ein Gutachter vom Wolfszentrum vor Ort, benachrichtigt auch von Schafhalter Stefan Miehling und dessen Familie in der Hüftersheimer Mühle.

Der Wolfberater entnahm Gewebeproben und dokumentierte Spuren im Umfeld. „Zwar können in Einzelfällen bereits charakteristische Spuren auf einen Wolf hindeuten“, lässt die Pressestelle des am Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) angesiedelten WZH wissen - ein eindeutiger Nachweis sei allerdings erst dann erbracht, wenn Wolfs-DNA am gerissenen Tier nachgewiesen werde. Die Analyse in diesem Fall werde noch bis zu drei Wochen dauern, aber „sobald die Ergebnisse vorliegen, werden diese auf der Homepage des WZH veröffentlicht.“ Eine entsprechende Pressemitteilung werde dann folgen.

Für Landwirt Stefan Miehling steht fest, dass ein Wolf eins seiner 52 Schafe gerissen hat. Nach dem Fund hatte er dort eine Wildkamera installiert, wo der Schafsriss noch lag. Ein in der Folgenacht aufgezeichnetes Video belegt eindeutig, dass ein Wolf mit markantem hellem Brusthaar an den Ort des Geschehens zurückkehrte, um sich weiter den Bauch vollzuschlagen. Die Rückkehr an den Riss sei ein typisches Verhalten, weiß Miehling. Staunend habe er versucht, die Geschehnisse zu rekonstruieren. Seiner Meinung nach muss der Wolf bereits Freitagnacht gekommen sein, das am Usa-Ufer weidende Schaf gerissen und durch den Hochwasser führenden Bach bis ans andere Ufer gezerrt haben. „Eine unglaubliche Kraftanstrengung“, konstatiert Miehling voller Respekt.

INSGESAMT FÜNF ÜBERGRIFFE

Das Wolfszentrum Hessen ist angesiedelt am Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. 150 Jahre nach der Rückkehr des großen Beutegreifers will die zentrale Einrichtung für Wolfsfragen mit größtmöglicher Aufklärung und Unterstützung der Weidetierhalter diese Rückkehr gestalten.

Engmaschiges Monitoring , ein landesweites Netz von Wolfsberatern und die Vernetzung von Nutztierhaltern, Jägern und Naturschutzverbänden sollen dabei helfen, dass das Zusammenleben von Wolf und Mensch gelingen kann. Hessenweit gab es bislang laut Liste fünf Übergriffe auf Nutztiere - in Schotten, Spangenberg, Hünfeld, Lautertal, Usingen. Der Landwirtschaftsbetrieb Hessen berät Tierhalter zu geeigneten Herdenschutzmaßnahmen. Nur bei entsprechendem Grundschutz werden Schäden finanziell ausgeglichen. Am 23. November gibt es in Weilrod-Emmershausen eine Info-Veranstaltung zum Thema Herdenschutz. Infos unter hlnug.de/wolf, die Wolfs-Hotline unter Tel. 06 41/20 00 95 22. hau

Überhaupt wünschte sich der Mühlenbesitzer eine respektvolle Koexistenz von Mensch und Wolf. Mit gezielter Beobachtung - beispielsweise mittels Sender - käme man womöglich zu hilfreichen Einsichten. Fotos und Genanalysen aus dem Territorium zwischen Winterstein und Hausberg sprächen dafür, dass sich dieser Wolf mindestens seit März in der Gegend aufhalte - offensichtlich noch als Einzelgänger. Natürlich stelle Miehling nun Überlegungen an, einen höheren Zaun, der elektrisch, mindestens 1,20 Meter hoch und maximal 20 Zentimeter über der Erde ist, anzuschaffen. Einen Herdenhund womöglich auch. Neben der Kostenfrage sei es aber die des bewusst geschaffenen regionalen Grünzugs zwischen Naturschutzgebiet „Magertriften“ über Miehlings Wiesen bis an die Usa, die ihm Kopfzerbrechen bereite.

Weniger entspannt sehen andere Nutztierhalter im Ort die Lage. Bei aller „Faszination Wolf“ spielt die Sorge um Schafe, Ziegen, junge Pferde und Kühe, aber auch wegen der Nähe des jüngsten Geschehens zur Dorflage eine Rolle.

Das Meinungsbild reicht vom Wunsch nach friedlicher Koexistenz mit der streng geschützten Tierart bis zur Überzeugung, dass die Kulturlandschaft nicht mehr dafür ausgerichtet sei und der Mensch in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werde.

Auch interessant

Kommentare