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Nach Thomas Schäfers Tod hängen die Flaggen in Hessen auf halbmast.

Finanzminister

Schäfers Tod erregt weltweit Aufsehen

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Internationale Medien setzen Suizid des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer mit der Corona-Krise in Verbindung. Experten warnen vor Vereinfachungen.

Ein Suizid ist nach dem Urteil von Experten niemals allein durch äußere Ereignisse zu erklären. „Der Annahme, dass schwierige äußere Bedingungen allein ein Grund für Suizide sind, muss widersprochen werden“, schreibt das „Deutsche Bündnis gegen Depression“ auf seiner Homepage. Das steht im Gegensatz zu mancher Darstellung nach dem Suizid von Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) – dass nämlich die Corona-Krise der Grund für seine Tat gewesen sei.

Die Mehrheit der Menschen, die durch Suizid verstürben, hätten an einer psychiatrischen Erkrankung gelitten, am häufigsten an einer Depression, hebt das „Bündnis gegen Depression“ hervor, an dem renommierte Mediziner beteiligt sind. Es bittet daher auch die Medien, darauf hinzuweisen, dass Suizide in der Regel die „Folge einer psychiatrischen Erkrankung“ seien, „die durch konsequente Behandlung hätte vermieden werden können“.

Im Fall von Schäfers Suizid konnte in den vergangenen Tagen der Eindruck entstehen, die Tat sei auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, die Corona-Krise zu bewältigen. Deswegen erregte der Fall sogar weltweit Aufsehen.

Zeitungen von der amerikanischen „New York Post“ bis zur britischen „Daily Mail“ berichteten auf ihren Onlineseiten ebenso über den Tod des hessischen Landespolitikers wie Medien aus der Türkei und Indien, Simbabwe und Hongkong. Sie alle druckten eine Agenturmeldung mit der Überschrift „German minister commits suicide over corona crisis“ – zu Deutsch etwa: „Minister begeht wegen der Corona-Krise Suizid“. Das allerdings ist nach Ansicht der psychiatrischen Fachleute eine unzulässige Verkürzung.

Der 54-jährige Minister war am Samstagmorgen tot an der ICE-Strecke bei Hochheim aufgefunden worden. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einem Suizid aus. Schäfer hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, wie der FR aus Ermittlerkreisen bestätigt wurde.

Details über den Inhalt wurden offiziell nicht genannt, doch anscheinend hat Schäfer seinen Tod selbst mit den aktuellen Herausforderungen in Zusammenhang gestellt. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte am Sonntag: „Ich muss davon ausgehen, dass ihn diese Sorgen erdrückt haben. Er fand offensichtlich keinen Ausweg mehr. Er war verzweifelt und ging von uns.“

In Schäfers Umfeld hatte offenbar niemand einen Hinweis auf Depressionen oder ein anderes psychisches Leiden wahrgenommen. Doch es ist nach Expertenmeinung nicht ungewöhnlich, dass suizidgefährdete Menschen ihr Leiden für sich behalten, etwa aus Scham- oder Schuldgefühlen, wie das „Bündnis für Depression“ erläutert.

Vor Bouffiers Statement hatte die FAZ am Samstagabend online über den Abschiedsbrief berichtet und hinzugefügt, „dem Vernehmen nach“ habe Schäfer darin von einer „Aussichtslosigkeit“ gesprochen. Diesen Passus löschte die Zeitung nach kurzer Zeit wieder und begründete dies mit dem „Schutz der Familie“ und den „anhaltenden Ermittlungen“.

Diesen Vorgang griffen AfD-Politiker auf und mutmaßten über eine angebliche Verschleierung der Umstände. „Die Lage in Deutschland scheint weitaus schlimmer zu sein als bisher angenommen“, twitterte der Berliner AfD-Fraktionsvorsitzende Georg Padzerski mit Bezug auf Schäfers Tod. Es stimme „sehr nachdenklich, wenn #MSM schweigen bzw. nachträglich Einträge löschen“. Das Kürzel „MSM“ steht in der rechten Szene für den abschätzig gemeinten Begriff „Mainstream-Medien“. Einen ähnlichen Tweet setzte der rheinland-pfälzische AfD-Fraktionschef Uwe Junge ab.

Aus den sozialen Medien schlug den AfD-Politikern Unmut entgegen, dass sie den Tod des Ministers ausnutzten, um die Bevölkerung zu verunsichern. „Schande für Deutschland“, kommentierte „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt auf Twitter.

In Hessen hängen die Flaggen nach Schäfers Tod auf halbmast. Innenminister Peter Beuth (CDU) ordnete eine dreitägige Trauerbeflaggung an und empfahl Städten und Gemeinden, sich anzuschließen. „Der plötzliche Tod von Dr. Thomas Schäfer macht mich sehr traurig“, sagte Beuth. „Er hinterlässt politisch, fachlich und menschlich eine große Lücke.“

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