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„Sarg Celebrations“ zeigt in Wiesbaden letzte Outfits

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Von: Diana Unkart

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Fotograf Andreas Koridass beim Aufbau der Ausstellung „Sarg Celebration“ im Gemeindezentrum der Kreuzkirche.
Fotograf Andreas Koridass beim Aufbau der Ausstellung „Sarg Celebration“ im Gemeindezentrum der Kreuzkirche. © Michael Schick

Frei nach dem Motto „Wie man sich sargt, so hat man gelebt“ zeigen Menschen, mit welcher Garderobe sie ihre letzte Reise antreten würden: mit Flip Flops zum Beispiel oder in der Krachledernen.

Man darf dem Tod ein Lachen abgewinnen. Das ist vielleicht die zentrale Aussage der Ausstellung „Sarg Celebration“, die am morgigen Sonntag im Gemeindezentrum der Wiesbadener Kreuzkirche eröffnet wird. 15 großformatige Fotos des Fotografen und Bildhauers Andreas Koridass zeigen letzte Outfits, frei nach dem Motto „Wie man sich sargt, so hat man gelebt“: als Rocker, Fußballfan, als Cosplayerin, als Bücherwurm, als Karnevalistin oder als Urlauber. Dann müssen die Flipflops mit auf die letzte Reise.

Die Idee für die Ausstellung stammt vom Wiesbadener Hospizverein Auxilium. Der setzt sich immer wieder aufs Neue mit der Frage auseinander, wie Menschen das inzwischen tabuisierte Thema Tod nahegebracht werden kann. Als 2019 während der „Kurzen Nacht der Museen und Galerien“ eine Karikaturenausstellung dazu gezeigt wurde und sich rund 300 Besucher:innen in den Räumen drängten, war klar: Das Konzept muss eine Fortsetzung finden.

Eine der Karikaturen der Ausstellung – sie zeigt einen Mann im Sarg vor einem Spiegel, seine letzte Kleidung bewundernd – inspirierte Angelika Groth und Sigrid Weidner von Auxilium. Sie entwickelten die Idee weiter. Fotograf Andreas Koridass, der sich in seinem Werk auch religiösen Themen zuwendet und dabei den Tod nicht ausspart, sagte sofort zu. Modelle und Garderobe waren bald gefunden.

Die Protagonistinnen und Protagonisten durften ihre eigenen Ideen und Wünsche einbringen. Die Fotoshootings beim Bestattungsunternehmen Fraund und Amelung seien sehr lustig gewesen, erinnert sich Andreas Koridass.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Sarg Celebration“ wird am Sonntag, 16. Oktober, um 19 Uhr im Gemeindezentrum der Kreuzkirche Wiesbaden, Walkmühltalanlagen 1, eröffnet.

Sie wird bis zum 13. November zu sehen sein.

Zur Vernissage können sich Besucherinnen und Besucher, wenn sie möchten, von Fotograf Andreas Koridass in einer Garderobe ihrer Wahl in einem Sarg ablichten lassen.

Öffnungszeiten: Sonntag 10 bis 13 Uhr, Dienstag bis Freitag 9 bis 12 Uhr, Mittwoch auch 15 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung unter 0178/5566707. diu

Ist so etwas makaber, gar blasphemisch? Darf man über den Tod lachen? Ja, sagen Koridass, Michael Strauß von Auxilium und Kreuzkirchenpfarrer Ralf Schmidt unisono. Dass zu Ostern Witze erzählt werden, sei eine alte christliche Tradition. Der Tod habe durch die Auferstehung Jesu verloren. „Ich versuche, in jedem Trauergottesdienst einen Lacher unterzubringen“, berichtet Pfarrer Schmidt. Auch beim traditionellen Leichenschmaus würden oft lustige Anekdoten aus dem Leben einer oder eines Verstorbenen erzählt.

In der heutigen Zeit ist der Tod vor allem aus dem urbanen Umfeld verschwunden. Ausgelagert in Krankenhäuser oder Altenheime. Und weil ihm die Menschen, anders als früher, kaum noch begegnen, sind Angst und Schrecken umso größer. „Die Gesellschaft hat die Rituale in Bezug auf das Lebensende verloren“, sagt Michael Strauß.

Die Kunst kann helfen Worte zu finden, wo Sprachlosigkeit herrscht. Sie kann Angst nehmen. Besucher:innen der Vernissage können einen Sarg sehen, anfassen, sich sogar, wenn sie möchten, mit einem Outfit darin von Andreas Koridass fotografieren lassen. Die Ausstellung bietet Gesprächsstoff, nicht nur über den Tod. „Die freiwillige Beschäftigung mit dem Sterben führt zurück zur Frage: Was will ich im Leben?“ Michael Strauß beobachtet das bei der Ausbildung der ehrenamtlichen Hospizbegleiter:innen immer wieder.

Nicht der Sarg drängt sich in den Mittelpunkt des Bildes. Auf den meisten Fotos ist er bis auf wenige Stellen sogar verdeckt. Es sind die Menschen mit ihren Vorlieben, ihren Marotten, ihrem Lachen. Oder wie es Pfarrer Ralf Schmidt formuliert: Es ist der Tod im alltäglichen Kontext. „Ich würde mir wünschen, ein solches Fotos von einem Verstorbenen zu haben, weil es zeigt, wie er oder sie gelebt hat.“ Der letzten Garderobe komme eine besondere Bedeutung zu, sie sei der letzte Liebesdienst. Wenn die Familie, wie während der Corona-Pandemie, diesen Dienst nicht habe leisten können, führe das nicht selten zu Schuldgefühlen.

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