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Aus dem Gerichtssaal

Der Sammler

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein 33-jähriger Gärtner steht wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs vor dem Landgericht. Der Angeklagte schluchzt. Und die Zuhörer graut's aufgrund der ekelhaften Details. Von Stefan Behr

Es gibt Anklagen, die kann man nur sehr, sehr schwer bis zum Ende anhören. Wie die gegen Michael K. Der 33 Jahre alte Gärtner aus Bad Soden muss sich vor dem Frankfurter Landgericht wegen Kindesmissbrauchs verantworten. 35 Einzeltaten sind es, von September 2006 bis April 2009.

Die Verlesung der Anklage dauert 40 Minuten, begleitet von K´s hemmungslosem Schluchzen. Es sind nicht nur die Taten und die ekelhaften Details, die das Zuhören so schwer machen. Es zerreißt einen fast, dass da ein Mensch auf der Anklagebank sitzt, der krank ist, mit dem man eigentlich Mitleid haben müsste, das man aber partout nicht aufbringen kann.

Die Abscheu vor und die Verachtung für Michael K. ist im Gerichtssaal fast greifbar. Bei den Nebenklägern, den Eltern der missbrauchten Kinder. Bei den Zuschauern. "Immer die Dicken, die Molligen", sagt einer. "Bei den Taten hat er ja auch nicht geheult", sagt ein anderer. Vor Prozessbeginn sind die Kameras auf K. gerichtet, der sein Gesicht hinter einem Leitz-Ordner verbirgt, so dass vor allem die Handschellen ins Auge stechen. Später, in der Verhandlung, nuschelt er meist in seine geballten Fäuste. Ebenso greifbar wie die Verachtung, die ihm entgegenschlägt, ist seine Scham.

Bei seinen Opfern war er nicht wählerisch

In der Wahl seiner Opfer war K. nicht wählerisch, die Liste reicht vom siebenjährigen Mädchen bis zum 16-jährigen Bub. Er hat sie im klassischen Sinne nie zu etwas gezwungen. Die Kinder mochten ihn wohl, den dicklichen Gärtner, der selbst noch sehr kindlich wirkt, fast wie einer von ihnen. Manche übernachteten sogar bei ihm, durften seinen Computer benutzen, seinen Videorekorder, sich Filme angucken, die ihre Eltern ihnen verboten hätten, auch solche, die sie sich wohl selbst verboten hätten. Er zahlte ihnen Geld, damit er die Szenen mit ihnen nachspielen durfte. Im Polizeiverhör hat K. gesagt, er habe den Kindern die Liebe geben wollen, die er in seinem Elternhaus nie hatte.

"Mir wurde nichts zugetraut, auch von meinen Eltern nicht." Er kommt drei Wochen nach der Zeit auf die Welt, so geht das schon los. "Ich bin in allem ein bisschen später gewesen." Er schafft mit viel Mühe die Hauptschule, macht eine Gärtnerlehre. In der Schule wird er gehänselt, er ist Außenseiter. "Ich interessiere mich schon auch für erwachsene Frauen", aber die erwachsenen Frauen interessieren sich nicht für ihn. Seine Eltern, so empfindet er es, schämen sich für ihn.

Beim 60. Geburtstag seines Vaters sind dessen Gäste völlig überrascht, dass Herr K. senior einen Sohn hat. Mit 13 fängt er an, sich selbst zu verletzen, ritzt sich die Arme auf, "um meinen Schmerz durch einen anderen Schmerz zu verdrängen". "Zieh dir einen Pullover an, damit das keiner sieht", sagt die Mutter.

Er sammelt Kinderpornos wie Briefmarken

Er hat kurz eine Freundin, dann eine Affäre mit einem Mann, er geht auch einmal in den Puff, aber all das ist nicht sein Ding. Dann entdeckt er die Kinder.

Er filmt, wie er sich an ihnen vergeht - meist allein, mal mit einem Bekannten. Er stellt die Filme ins Internet, tauscht sie dort gegen andere, härtere, die Praktiken zeigen, die noch nicht einmal er in der Realität anwendet. Mehr als 1000 solcher Filme findet die Polizei auf seinem Computer. Er speichert sie in einem Ordner mit dem Titel "Strafgesetzbuch".

"Wie beim Briefmarkensammeln" sei das gewesen. Mehr, immer mehr, die ganze Sammlung, die Angst, irgendwas zu verpassen, nicht zu haben. Er kommt mit seiner Sexualität nicht zurecht. Ist er schwul, bi- oder heterosexuell? Er weiß es nicht.

Seine Umwelt machte es ihm leicht

Aber er kann von den Kindern nicht lassen. "Das Problem ist, dass jeder Mensch eine gewisse Vorstellung hat", sagt er vor dem Landgericht, aber das ist nicht das Problem, denn wegen seiner Vorstellungen landet in diesem Land niemand vor dem Richter. Seine Umwelt macht es ihm leicht, seine Vorstellungen auszuleben. Eine Mutter erwischt ihn einmal, wie er in deren Wohnung an ihrer kleinen Tochter rumspielt. Michael K. schafft es tatsächlich, sich herauszureden, obwohl sein rhetorisches Talent nicht wirklich umwerfend ist.

"Die Taten tun ihm leid, das ist ihm ganz wichtig, das hier zu sagen", sagt seine Anwältin. K. ist voll geständig, erspart den Kindern eine Aussage, ist zudem Ersttäter - das alles wird sich strafmindernd auswirken. Der Prozess ist auf drei Verhandlungstage angelegt.

Und danach? Seit seiner Verhaftung am 27. April dieses Jahres sitzt Michael K. im Gefängnis von Weiterstadt. Seine eigene Wohnung in Bad Soden hat er mittlerweile wieder aufgegeben. Er ist jetzt wieder bei seinen Eltern gemeldet. Dort will der 33-Jährige wieder wohnen, der in allem ein bisschen spät ist, der an der fehlenden Liebe in seinem Elternhaus verzweifelte und mit dem man eigentlich Mitleid haben müsste, wenn man es könnte.

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