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Ein Gedenken an den selbstlosen Einsatz von Mustafa S. in der S-Bahnstation.

Tödlicher S-Bahn-Unfall

Kritik an Deutscher Bahn wächst

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Nach dem Unglück in der Frankfurter Ostendstraße äußert ein Augenzeuge Unverständnis.

Der Unglücksfall in der Ostendstraße wird Christoph Wenzel noch lange beschäftigen. Der 45-Jährige war an jenem 13. November nach einem Kurs an der Volkshochschule auf dem Heimweg. Als er auf den Bahnsteig der S-Bahnstation Ostendstraße kommt, hört er zunächst einen dumpfen Schlag. Er registriert, dass da wohl jemand aufs Gleis gefallen ist. Die Leute schreien den Mann auf dem Gleis an. „Er hat allenfalls den Kopf gehoben, aber es war klar, dass er nicht würde aufstehen können“, erinnert sich Wenzel.

Die beiden ersten Reaktionen des 45-Jährigen: Zunächst nach Notsignalschaltern Ausschau halten. Als er diese nicht findet, versucht er auf der Anzeigetafel zu lesen, wann die nächste S-Bahn kommt. Zwei andere Personen sind da bereits ins Gleisbett gesprungen, um dem Gestürzten zu helfen. Ein 44-Jähriger und der 17-jährige Mustafa S. richten den Mann auf und reichen die Arme zwei Personen auf dem Bahnsteig entgegen. Einer von ihnen ist Wenzel. „Wir haben versucht ihn hochzuziehen, aber er war zu schwer oder der Winkel hat nicht gepasst.“ Dann kommt die S-Bahn aus Hanau und reißt Wenzel den Gestürzten buchstäblich aus der Hand.

Deutsche Bahn verweist auf Notrufnummer 112

Der 44-Jährige rettet sich mit einem Sprung auf den Bahnsteig, Mustafa S. wird mitgerissen. „Er muss so konzentriert gewesen sein“, sagt Wenzel, der danach unter Schock steht. Auf dem Bahnsteig wird herumgeschrien. Als die S-Bahn aus der Gegenrichtung einfährt und weitere Menschen auf den Bahnsteig kommen, verlässt Wenzel den Unglücksort. „Ich bin orientierungslos durch die Gegend gelaufen.“ Ein Freund sammelt ihn später ein, bringt ihn erst in die Psychische Ambulanz und dann in die Chirurgie der Uni-Klinik. Bei dem Rettungsversuch hat er sich am Knie verletzt, wie, weiß er nicht.

Es dauert ein paar Tage, bis Wenzel über das Unglück sprechen kann. Über seinen Arbeitgeber erhält der 45-Jährige Hilfe von einer Sozialarbeiterin, mit der er über den Vorfall mehrfach spricht. Dann entschließt er sich, einen Leserbrief an die FR zu schreiben. Dass er vergeblich nach einem Notsignalschalter gesucht hat, wie es ihn in den U-Bahnstationen gibt, lässt ihm keine Ruhe. Wenzel fordert die Deutsche Bahn auf, „flächendeckend bessere Voraussetzungen zu schaffen, in solchen Notfällen eine Katastrophe verhindern zu können“.

Doch die Deutsche Bahn hält das nicht für geboten und verweist stattdessen auf die Notrufnummer 112. „Das Absetzen eines Notrufs über 112 und 110 ist der schnellste Weg, da direkte Weg, um Hilfe zu holen“, heißt es in einer schriftlichen Antwort der Bahn auf die FR-Anfrage, ob über Änderungen der Notfalleinrichtungen nachgedacht werde.

Wilfried Staub, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn Hessen, hält die Antwort „für einen Witz.“ Er schätzt, dass es mindestens fünf Minuten dauert, bis ein Anrufer bei der 112 durchkommt, erklärt, wo er ist und was er will, die Notrufzentrale daraufhin die Leitstelle der Bahn anruft, die sich über den betreffenden Streckenabschnitt informiert und dort das Signal auf Rot stellt beziehungsweise den Triebwagenführer informiert. „In der Hauptverkehrszeit verkehrt im Frankfurter Tunnel aber alle zweieinhalb Minuten eine S-Bahn, wie soll da die 112 funktionieren?“, fragt Staub und ergänzt: „Ich sehe keine andere Möglichkeit, als das System der U-Bahn zu kopieren.“ Eine entsprechende Vorschrift für solche Notsignalschalter, die nach Auslösen unmittelbar den Triebwagenführer auf dem entsprechenden Abschnitt informieren, sei bislang in der Eisenbahnbetriebsordnung aber nicht vorgesehen. Pro Bahn überlege derzeit, eine Änderung der Vorschrift zu fordern.

Auch Christoph Wenzel ist mit der derzeitigen Haltung der Deutschen Bahn „überhaupt nicht zufrieden“. Es sei „eine Verleugnung der Tatsachen“, dass es einen Unterschied mache, ob der Angerufene sofort wisse, wo sich der Anrufer befinde. Auf die abwegige Idee, an jenem 13. November sein Handy rauszuholen und die 112 anzurufen, war Wenzel in der gebotenen Eile auch gar nicht gekommen. Stattdessen schaut er sich seit dem Vorfall in jeder Station die vorhandenen Notrufeinrichtungen an. Der Unglücksfall in der Ostendstraße wird Christoph Wenzel noch lange beschäftigen.

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