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Der Hessische Landtag.

Gut gebrüllt

Ruhe, bitte!

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Vor dem Landtag steht ein Pavillon der Stille. Welch ein Gegensatz! Die Kolumne aus dem Hessischen Landtag.

Der blaue Pavillon der Stille auf dem Wiesbadener Schlossplatz direkt vor dem Hessischen Landtag ist eine wunderbare Idee der evangelischen Kirche. Denn er macht so überdeutlich, wie viel Lärm und Aufregung hier eigentlich zu Hause sind, wo jetzt Sitzkissen und Kopfhörer auf die ruhebedürftigen Menschen warten.

Kaum ein Tag vergeht auf dem Schlossplatz ohne Markt, Messe, Autoschau, Weinstände, Wochenmarkt oder Ähnliches, dazu kommen die fröhlichen Hochzeitsgesellschaften vom benachbarten Alten Rathaus und die Baustelle des Hessischen Landtags. Nicht zu vergessen die Politik: auf der einen Seite das Wiesbadener Rathaus, gegenüber der Hessische Landtag.

Stille ist normalerweise kein Mittel der Politik. Lautstärke schon eher. Es geht schließlich um Aufmerksamkeit. Wer zum Beispiel mit einem Zwischenruf im Protokoll einer Landtagssitzung auftauchen will, muss über ein lautstarkes Organ verfügen. In der Geschäftsordnung des Parlaments heißt es zwar: „Ruhe und Ordnung sind im Landtagsgebäude zu wahren.“ Aber das nimmt nicht jeder wörtlich.

Vor einigen Jahren prägte der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) das treffende Wort von den lauten „Trommeln“, mit denen er und andere einst für Lautstärke und eine gewisse Grundaggressivität im Hessischen Landtag gesorgt hätten. Und der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel ätzte mal im Wahlkampf über seinen Widersacher Volker Bouffier (CDU): „Manche Leute verwechseln Führung mit Lautstärke und Krawall. Daran werde ich mich nie gewöhnen.“

Die Lauten werden einfach mehr beachtet als die Leisen. Ob bei Protesten gegen Fluglärm, die auf das lärmende Aha-Erlebnis setzen, bei der Mai-Kundgebung oder im Plenarsaal. Oder als es in dieser Woche auf dem Schlossplatz vor dem Landtag um Europa und die Europawahl ging.

Dieses Thema elektrisiert nicht von allein, da müssen deutlich vernehmbare Worte und im Zweifel auch eine Big Band nachhelfen. Also bauten, direkt neben dem Pavillon der Stille, der Landtag und die Landesregierung ihre Lautsprecher und die Big Band der Leibnizschule Wiesbaden ihre Instrumente auf, um für Europa zu werben. Nun ist die Schulband „Swinging Highschool“ eine vorzügliche Combo, alle Achtung. Aber eines ist sie nicht: leise.

Dazu hallten Sätze wie „Diese Wahl hat schon eine ganz außerordentliche Bedeutung“ (Landtagspräsident Boris Rhein) oder „Das Thema Europa beschäftigt die Menschen immer mehr, weil die Leute einfach wissen, dass es um etwas geht“ (Europaministerin Lucia Puttrich) über den Platz. Ein paar Passanten blieben stehen, und die Schulkinder waren begeistert, weil kostenlos Luftballons verteilt wurden.

Moderator Tobias Radloff versuchte, den Nachbarn vom Pavillon der Stille entgegenzukommen. Dort könne man ja nach der Kundgebung einkehren und in Ruhe über Europa nachdenken, schlug er vor. Nach der Veranstaltung war aber niemand zu sehen, der in den blauen Pavillon gegangen wäre. Dabei wäre dort zu haben gewesen, was Alltag und Politik selten bieten: Stille.

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