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Rom:nja in Hessen: Weiter Weg zur Gleichberechtigung

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Von: Gregor Haschnik

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Der Tag der Rom:nja erinnert an den Beginn der Bürgerrechtsbewegung und findet an diesem Samstag wieder statt.

Seit 1990 findet jedes Jahr am 8. April der internationale Tag der Roma statt. Er soll auf die Lage der Bevölkerungsgruppen aufmerksam machen, die seit mehr als 700 Jahren in Europa leben, hier die größte ethnische Minderheit bilden und immer wieder verfolgt wurden. Der Aktionstag erinnert an die Anfänge der Bürgerrechtsbewegung durch den ersten Welt-Roma-Kongress am 8. April 1971 in London, als 23 Vertreter:innen aus neun Staaten soziale und kulturelle Fragen debattierten. Sie beschlossen unter anderem die Flagge der Rom:nja, die ursprünglich aus dem heutigen Pakistan stammen und deren Sprache Romanes mit dem indischen Sanskrit verwandt ist.

Vielfach ausgegrenzt

Die aktuelle Situation der Rom:nja ist nach wie vor von Ausgrenzung geprägt. Eine Studie der Alice-Salomon-Hochschule Berlin berichtet von Diskriminierung in den Bereichen Alltag, Arbeitsleben, Wohnen, Bildung, Behörden, soziale Arbeit, Medien und Gesundheit. Die Gleichberechtigung sei noch lange nicht erreicht – dieses Fazit zog Adam Strauß, Vorsitzender des hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, im vorigen Jahr. Damals unterzeichnete das Land den Staatsvertrag mit dem Verband neu und verlängerte die Zusammenarbeit um zehn Jahre, verbunden mit der Zusage, die Förderung ab 2025 um 200 000 Euro auf 500 000 Euro zu erhöhen.

Strauß bezeichnete den Vertrag als einen weiteren wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Der Landesverband schützt und fördert Kultur, Tradition und Sprache der Sint:izze und Rom:nja. Er veranstaltet zum Beispiel Ausstellungen, Konzerte und Diskussionen, organisiert Gedenken und klärt auf. Gleichzeitig weist er auf Fälle von Antiziganismus hin und unterstützt Betroffene sowie deren Familien.

Während des rassistischen Anschlags von Hanau wurden in Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Vili Viorel Paun drei Angehörige der Minderheit ermordet. Zum dritten Jahrestag der Attentate am 19. Februar 2023 erklärte Strauß: „Rassismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen zeigt sich in der strukturellen Gewalt, die Betroffene erfahren. Sie reichen von sogenannten Mikroaggressionen zu körperlicher Gewalt und im schlimmsten Falle bis zu Mord.“ Der Kampf dagegen sei nicht die Aufgabe von Minderheiten, sondern eine gesamtgesellschaftliche.

Ausstellung

„Der Weg der Sinti und Roma“, eine mobile Ausstellung des hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, ist im „Stadtraum“ des Frankfurter Amts für Multikulturelle Angelegenheiten (Mainzer Landstraße 293) noch bis 26. Mai zu sehen. Sie zeigt die jahrhundertelange Geschichte der Sinti und Roma im deutsch- sprachigen Raum, die von Verfolgung und Stigmatisierung, aber auch von kulturellem Austausch geprägt ist.

Interessierte können sich per Mail an amka.adinet@stadt-frankfurt.de für einen Termin montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr anmelden.

Der Begleitband kann auf der Webseite des Landesverbands kostenlos heruntergeladen werden: www.sinti-roma-hessen.de gha

Antiziganistische Straftaten

Die Statistik des Landeskriminalamtes zu Antiziganismus im Rahmen von „Hasskriminalität“ weist für 2021 und 2020 jeweils sechs Fälle aus, darunter Beleidigung, Volksverhetzung und Körperverletzung. Im vorigen Jahr wurden zwölf antiziganistische Delikte erfasst, davon sechs in Frankfurt. In Offenbach etwa wurde ein Asylsuchender im November 2022 Opfer einer gefährlichen Körperverletzung. Expert:innen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele Betroffene zeigen Taten nicht an, auch weil sie kaum Vertrauen in Sicherheitsbehörden haben.

Gleichzeitig leiden viele Rom:nja in Hessen darunter, dass sie keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben und ihnen immer wieder die Abschiebung droht. Häufig hängt dies auch damit zusammen, dass sie nicht über Ausweispapiere verfügen, zum Beispiel, weil sie vor Jahren aus einem Land nach Deutschland gekommen sind, das es nicht mehr gibt: Jugoslawien. Andere sind in ihren Herkunftsländern nie registriert worden, beispielsweise weil sie in informellen Siedlungen lebten oder ihnen aufgrund von Antiziganismus die Staatsbürgerschaft abgesprochen wurde. Wieder andere verloren die Papiere auf der Flucht.

Zahlen für Hessen liegen hierzu nicht vor, doch es gab öfter solche Fälle, zum Teil befasste sich auch die Härtefallkommission damit. Das beim Innenministerium angesiedelte Gremium beschäftigt sich mit Menschen, die kein Aufenthaltsrecht bekommen, aber dringende humanitäre oder persönliche Gründe für einen Verbleib in Deutschland vorbringen.

In Hessen kam es in den vergangenen Jahren zu besonders skandalösen Abschiebungen von Rom:nja. So wurde der psychisch kranke und traumatisierte Adnan G. in den Kosovo abgeschoben. Er war 2017 aus der Psychiatrie ins Landratsamt des Wetteraukreises gebracht worden, um unter anderem die Kostenübernahme für die Klinik zu klären – und wurde dort von der Polizei mitgenommen. Innenminister Peter Beuth (CDU) wies Kritik zurück. Die Abschiebung sei nach einem abgelehnten Asylantrag rechtskräftig gewesen.

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