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In der Kulisse des Weltkulturerbes sollen sich bald Windräder drehen.
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In der Kulisse des Weltkulturerbes sollen sich bald Windräder drehen.

Windpark in Lorch

Romantik ohne Windrad

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Sorgen um das Weltkulturerbe: In Lorch am Rhein ist ein Windpark geplant. Bürger aus dem Rheingau und Rheinhessen wehren sich.

Touristen aus aller Welt lieben den Rhein. Bei einer romantischen Flussfahrt blicken sie auf schroffe Felsen wie die Loreley und auf Weinberge, auf zauberhafte Burgruinen – und auf 212 Meter hohe Windräder.

Windräder? Bisher sind sie noch nicht auf den Hügeln des mittleren Rheintals zu sehen, durch das die Touristenschiffe schippern. Sie existieren nur auf den Plänen des Energiekonzerns EnBW und als abschreckendes Motiv auf den Plakaten der Projekt-Gegner aus dem Rheingau und Rheinhessen.

Doch wenn es nach EnBW geht, soll aus den Abbildungen zügig Wirklichkeit werden. Anfang Juni hat das baden-württembergische Staatsunternehmen beim Regierungspräsidium Darmstadt den Bau von vier Anlagen auf dem Ranselberg bei Lorch beantragt, mit „Sofortvollzug“. EnBW hofft, dass die Genehmigung bis Ende dieses Jahres erteilt wird – wie Sprecherin Friederike Eggstein erläutert, weil sich dann das Erneuerbare-Energien-Gesetz ändert und die Förderbedingungen schlechter werden.

Das allerdings hätte möglicherweise gravierende Folgen. Denn die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, kann frühestens im nächsten Sommer entscheiden, ob Windräder in drei Kilometer Entfernung vom Rhein mit dem Titel des „Weltkulturerbes“ vereinbar wären. Diese Auszeichnung wurde der Kulturlandschaft im Jahr 2012 verliehen.

Die Befürchtung, dass mit den Windrädern nicht nur Touristen abgeschreckt werden könnten, sondern auch der Rang als „Weltkulturerbe“ weg wäre, ist nicht aus der Luft gegriffen. Ein Gutachterbüro aus Koblenz hat im Auftrag des Zweckverbands Welterbe Oberes Mittelrheintal die Sichtachsen geprüft.

Die Fachleute kamen zu einem eindeutigen Ergebnis. „Aufgrund der visuellen Dominanz und der Sichtbarkeit der Windenergie-Anlagen an herausragenden Aussichtspunkten in der Kernzone ist davon auszugehen, dass bis zu 200 Meter hohe Windenergieanlagen im Rahmenbereich nicht mit dem Status des Unesco-Welterbes zu vereinbaren sind“, notierten sie – allerdings bevor die Anträge von EnBW vorlagen und damit die exakte Planung für die Standorte. EnBW fügte seinem Antrag an das Regierungspräsidium ein Gegengutachten bei. „Es bietet durchaus gute Argumente, dass der Unesco-Status nicht gefährdet wäre“, so Firmen-Sprecherin Eggstein.

Die Projekt-Gegner sind aufgebracht, und auch die Zweckverbands-Geschäftsführerin Nadya König-Lehrmann zeigt sich „überrascht“. Es sei immer verabredet gewesen, „dass zunächst eine Zustimmung der Unesco vorliegen muss, bevor ein entsprechender Antrag eingereicht wird“, betont sie.

Was tun, um die Pläne zu durchkreuzen oder um die Unesco wenigstens vor einer Entscheidung zu Wort kommen zu lassen? Das ist die Frage, die sich rund 40 Windrad-Gegner von beiden Seiten des Rheins am Dienstag in Lorch stellen.

René Rock hat sie zusammengetrommelt. Er ist Landtagsabgeordneter der FDP, die sich nach dem Ausscheiden aus der Regierungsverantwortung von den Zielen des hessischen Energiegipfels verabschiedet hat. Seither schlägt sich die FDP verstärkt auf die Seite von Initiativen, die sich aus unterschiedlichen Gründen gegen die Windkraft wenden.

Brief an Volker Bouffier

Im Landtag ist René Rock ein Außenseiter in diesen Fragen, weil alle anderen Fraktionen den kräftigen Ausbau der Windkraft im Binnenland wie Hessen befürworten. Im Kreis der Mitglieder von Bürgerinitiativen mit klingenden Namen wie „Pro Kulturlandschaft Rheingau“ oder „Bürgerinitiative Romantischer Rhein“ findet FDP-Mann Rock dagegen Verbündete. Die Bürger stehen buchstäblich im Regen, als der Gast aus Wiesbaden zum Gespräch kommt.

Ein seriöser Herr in roter Regenjacke ergreift das Wort zuerst, Hans Lange aus Hallgarten, von Haus aus Banker. Das EnBW-Gutachten stecke „voller Mängel und voller Fehler“, schimpft er. „Wir sind mehr als verunsichert über diese Art von kalter Schreibstubenpolitik gegen die Bürger.“

FDP-Politiker Rock bläst ins selbe Horn. „Wir haben das oft erlebt bei Windkraft-Projekten, dass bei Nacht und Nebel Fakten geschaffen werden“, sagt er. Man versteht die Worte kaum, denn Lorch leidet unter dem Lärm von Lastwagen, die sich das Wispertal hinaufquälen, und von Zügen, die am Rheinufer entlangsausen. Rock und die Bürger ziehen weiter zum Winzer. Beim Spätburgunder Weißherbst vom Ökoweingut „Graf von Kanitz“ wird weniger auf die hessischen Regierungsparteien CDU und Grüne geschimpft, als man denken könnte, auch wenn schon mal das Wort „Lügner“ fällt. Vielmehr prägen Sorgen den Ton, Sorgen um Schwarzstorch und Rotmilan, vor allem aber um die Landschaft und ihre Haupt-Einnahmequelle, den Tourismus. „Man schaut frontal von der Loreley auf diese vier Riesen-Industrieanlagen“, sagt BI-Mann Lange.

Auch der Eigentümer der Burgruine Nollig meldet sich zu Wort. Jedes Jahr kämen 250 000 Menschen zur Ruine hoch, um die „geile Aussicht“ zu genießen, sagt der Mann im feinen Sakko mit Einstecktuch. Noch sei das „einer der schönsten Flecken auf der Welt“. Das müsse so bleiben.

Im Landtag hat Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) vor einigen Monaten versichert, die Regierung werde „sicherstellen, dass der Welterbe-Status nicht gefährdet wird“.

Allerdings hatte er darauf hingewiesen, dass die Fläche am Ranselberg nicht „in der Kernzone“ des Weltkulturerbe-Gebiets liege, sondern nur „in der Pufferzone“. Dort sei ein Bau von Windrädern nicht generell ausgeschlossen. Stattdessen werde „jede einzelne Anlage auf Vereinbarkeit geprüft“.

Damit geben sich weder die Bürgerinitiativen noch die FDP zufrieden. Sie schreiben in diesen Tagen an Volker Bouffier (CDU). „Wir erwarten eine Klarstellung von Ministerpräsident Bouffier und Wirtschaftsminister Al-Wazir, dass hier nicht gebaut wird“, sagt Rock beim Wein.

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