Mit der Lotsin seltenen Erkrankungen auf der Spur
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Ein Kinderarzt untersucht einen Patienten (Symbolbild).

Versorgungsproblem

Dramatischer Ärztemangel in Rodgau: Ein Kinderarzt für 7700 kleine Patienten

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Weil eine Kinderarzt-Praxis in Rodgau-Weiskirchen den Betrieb eingestellt hat, kommt es zu einem Versorgungs-Engpass. Die CDU macht nun Druck.

  • In Rodgau leben 7700 Kinder und Jugendliche bis zu 16 Jahren
  • Seit Februar 2020 gibt es in der Stadt aber nur noch einen Kinderarzt
  • Die CDU macht nun Druck auf die Kassenärztliche Vereinigung

Rodgau - In Rodgau gibt es 7700 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 16 Jahren - aber seit diesem Monat nur noch einen einzigen Kinder- und Jugendarzt im Stadtteil Nieder-Roden, der von einer Kollegin mit einer Halbtagsstelle unterstützt wird. Eltern sind stinksauer und verzweifelt, weil sie nach Schließung der bisherigen zweiten Praxis im Stadtteil Weiskirchen jetzt noch länger auf einen Termin warten und längere Fahrten in Nachbarstädte in Kauf nehmen müssen.

„Es ist für alle Menschen offensichtlich, dass lediglich eine Praxis der Kinder- und Jugendmedizin für eine Stadt mit 45 000 Einwohnern deutlich zu wenig ist“, heißt es in einer Mitteilung der CDU-Fraktion. Sie hat auf den „Tiefpunkt der ärztlichen Versorgung in Rodgau“ mit einem Dringlichkeitsantrag zur nächsten Stadtverordnetensitzung am 17. Februar reagiert.

Rodgau: Auf einen Kinderarzt kommen 7700 mögliche Patienten

Sie will vor allem den Druck auf die Kassenärztliche Vereinigung (KV) erhöhen, um die „Lücken im Ärztlichen Versorgungsnetz und insbesondere bei Kinder- und Jugendärzten in Rodgau endlich zu schließen“. Die CDU fordert den Magistrat auf, eine öffentliche Onlinepetition auf der Webseite der Stadt einzurichten, damit die Bürger das Anliegen unterstützen können.

Stadtsprecherin Sabine Hooke teilte auf FR-Anfrage mit, die Sache mit der Petition sei unter den Politikern unstrittig. In Rodgau kooperieren SPD, Grüne, FDP und Rodgauer Liste; die CDU ist in der Opposition. Hooke zufolge haben betroffene Eltern bereits eine Unterschriftenaktion gestartet, die von Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) und Erstem Stadtrat Michael Schüßler (FDP) unterstützt werde. Die Listen lägen in Apotheken, Kitas und Grundschulen sowie bei Ärzten aus.

Nur ein Kinderarzt in Rodgau: CDU-Fraktion fordert Online-Petition

Die Sprecherin warnte vor zu hohen Erwartungen. Rodgau habe es nicht selbst in der Hand, das Problem zu lösen. Die Kommune könne nur die Voraussetzungen schaffen, damit sich ein Arzt in Rodgau niederlasse. Nach ihren Angaben hat die Stadt die Praxis der im August vergangenen Jahres verstorbenen Kinder- und Jugendärztin angemietet, um die Räume für einen möglichen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu sichern. Außerdem habe man im Ärzteblatt eine Anzeige aufgegeben.

Die Kassenärztliche Vereinigung hatte für die verwaiste Praxis zwar eine sogenannte Notbeauftragung organisiert und zwei Nachwuchskräfte nach Weiskirchen geschickt. Die Hoffnung, dass eine der beiden Medizinerinnen die Praxis nach sechs Monaten übernehmen würde, hat sich aber nicht erfüllt. Deshalb ist sie seit 1. Februar geschlossen.

Andreas Hinkel, der einzig verbliebene Kinder- und Jugendarzt in Rodgau (seine Praxis befindet sich in Nieder-Roden) erklärte, in dringenden Fällen würden Patienten „begrenzt“ aufgenommen. Für die verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen gebe es aber Wartenzeiten von drei bis vier Monaten. Hinkel betonte, dass er nach der Schließung der Praxis in Weiskirchen die dort vereinbarten Untersuchungstermine nicht auffangen könne. Es seien einfach zu viele.

Rodgau: Stadt und KV in Kontakt wegen Kinderarzt-Praxis 

Hooke wies darauf hin, dass ältere Kinder auch zum Hausarzt gehen könnten. Das sei aber auch nur „suboptimal“. Hooke riet Eltern, die keinen Kinderarzt haben, sich wegen eines Termins an die zentrale Servicestelle der KV zu wenden. Die Rufnummer ist 116 117 .

Vorige Woche trafen sich Bürgermeister, Erster Stadtrat und der städtische Wirtschaftsförderer mit Vertretern der KV. Es habe Einigkeit geherrscht, dass für Rodgau eine Lösung gefunden werden müsse. „Alle sehen das so, auch die KV“, sagte Hooke. KV-Sprecher Alexander Kowalski teilte mit, man stehe im engen Austausch mit dem Magistrat, „um die kinderärztliche Versorgung in Rodgau weiterhin sicherzustellen“.

Kinderarzt-Praxis in Rodgau-Weiskirchen schließt im Februar

Die Kreis-SPD hat die KV heftig für ihre Aussage kritisiert, es gebe bei Kinder-und Jugendärzten auch nach der Praxisschließung keine Unterversorgung. Statistisch betrachtet, liegt sie mit aktuell 25 Kinderärzten bei 103 Prozent. Dem hält die SPD entgegen, dass mehr als 60 000 Kinder und Jugendliche im Kreis lebten, Tendenz steigend. Dies scheine die KV zu ignorieren.

KV-Sprecher Kowalski teilte mit, der Arztsitz der verstorbenen Ärztin gehe zwar in die Bedarfsplanung der KV zurück. Aber er werde neu ausgeschrieben und vergeben. Ob dabei Rodgau zum Zuge kommt, steht in den Sternen. Dass die Stadt aber schon heute über Praxisräume verfügt, dürfte ihre Chancen erhöhen.

Kinderärzte: Bedarfsermittlung

Kinderärzte gehören zur Gruppe der Fachärzte, für die der Bedarf kreisweit und nicht für einzelne Kommunen ermittelt wird. 

25 Kinder- und Jugendärzte arbeiten aktuell in 15 Praxen im Kreis Offenbach. Der Versorgungsgrad mit Kinder- und Jugendärzten liegt, Stand 1. Oktober 2019, bei 103 Prozent. Rein statistisch betrachtet, gilt die Versorgung als gut. 

Nach der neuen Bedarfsplanung vom November 2019 sind im Kreis Offenbach 1,5 zusätzliche Arztsitze entstanden, und zwar laut Kassenärztlicher Vereinigung in Langen. Der Versorgungsgrad erreicht kurzfristig 110 Prozent, weil die geschlossene Praxis in Rodgau noch nicht berücksichtigt ist. 

Für 2827 Kinder und Jugendliche sieht die neue Bedarfsplanungsrichtlinie einen Kinderarzt vor. 7770 Kinder und Jugendliche gibt es im Kreis. ags

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