Die Pflicht, Mund-Nase-Bedeckungen zu tragen, steht demnächst auch in den Beförderungsbedingungen.
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Die Pflicht, Mund-Nase-Bedeckungen zu tragen, steht demnächst auch in den Beförderungsbedingungen.

Interview

„Wir müssen die Verkehrswende  weiter betreiben“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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RMV-Geschäftsführer Ringat spricht über flexible Tarife und Maskenverweigerer. Die Einnahmeausfälle wegen Corona haben keinen Einfluss auf die Zukunftspläne.

Knut Ringat ist erfolgsverwöhnt. Jedes Jahr stiegen die Fahrgastzahlen. Bis das Virus kam. Während des Lockdowns sind nur 20 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste gefahren, aktuell sind es 60 bis 65 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Doch wenn Corona vorbei ist, wollen die Menschen wieder mobil sein, sagt der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV).

Herr Ringat, bleiben Sie bei Ihrer Prognose, dass der RMV in fünf bis zehn Jahren die Marke von einer Milliarde Fahrgästen knackt?

Ja, ich bleibe dabei. Wir gehen aber davon aus, dass unsere Ticketeinnahmen in den nächsten drei Jahren nur bei etwa 80 Prozent liegen werden. Der Fahrgastrückgang wird uns zwar helfen, die Leute wieder in Busse und Bahnen zu holen, weil man besser Abstand halten kann. Auf das Niveau von vor dem Lockdown werden wir aber erst wieder zurückkehren, wenn unser gesellschaftliches Leben wieder losgeht.

Nehmen wir die 19 Schnellbuslinien. Die wurden auch aus der Taufe gehoben, weil die Züge zu voll waren. Sind die noch nötig?

Und ob. Eines Tages wird Corona vorbei sein. Deshalb arbeiten wir strategisch weiter daran, mehr Leistung anbieten zu können. Bis 2030 bringen wir weitere 20 X-Bus-Linien auf den Markt. Das Potenzial ist da, bis zu 1500 Menschen nutzen die Linien täglich.

Bleiben sämtliche Infrastrukturprojekte auf der Schiene? Der Spatenstich für die Regionaltangente West im kommenden Jahr wackelt nicht und auch nicht die Pläne, die weiter in die Zukunft reichen?

So ist es. Wenn wir jetzt den Fehler machen, in der Krise runterzufahren, können wir das nicht so leicht wieder rückgängig machen. Dann würde der Verkehrskollaps drohen. Wir müssen trotz Corona die Klimaziele erreichen und die Verkehrswende weiter betreiben.

Die Mobilität im Rhein-Main-Gebiet ist stark geprägt durch Pendler. Manche werden auch künftig nicht jeden Tag ins Büro fahren, sondern im Homeoffice bleiben. Was ist Ihre Antwort?

Wenn Corona durch ist, wird die Anzahl derer, die mobil sein wollen, wieder hoch sein. Vielleicht bleiben sie zwei Tage im Homeoffice. Für uns heißt das, dass wir flexiblere Tarifangebote finden müssen, wenn die Monatskarte vielleicht nicht mehr attraktiv ist.

Die erste Antwort war im August der Prepaid-Rabatt. Wie wird er angenommen?

Sehr gut. In den ersten acht Wochen haben mehr als 7000 Menschen über 350 000 Euro Guthaben aufgeladen. Und die Werbekampagne geht erst diese Woche los. Wenn das gut läuft, weiten wir das Angebot aus – etwa auch auf andere Ticketarten als Einzelkarten. Wobei wir die meisten Einbrüche im Gelegenheitsverkehr haben, Stammkunden haben wir bisher kaum verloren.

Zur Person

Knut Ringa t ist seit 2008 ist er Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Der 60-Jährige Darüber ist Vizepräsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, lehrt als Honorarprofessor an der Fakultät Verkehrswissenschaften der TU Dresden.

Der RMV ist einer der größten deutschen Verkehrsverbünde. Gesellschafter sind elf Städte, 15 Landkreise sowie das Land Hessen. Er koordiniert und organisiert den regionalen Bus- und Bahnverkehr auf rund 14 000 Quadratkilometern. Im vergangenen Jahr bewegte er 805 Millionen Fahrgäste. jur

Kann die Zurückhaltung der Fahrgäste auch daran liegen, dass sie Angst haben, sich anzustecken?

Deshalb haben wir die Auslastungsprognose entwickelt. Sie sagt mir, wie voll der Zug oder der Bus ist. Gespeist wird sie mit Daten aus dem Fahrkartenverkauf per Handy und am Automaten, aus Anfragen in der Verbindungsauskunft oder aus Fahrgastzählsystemen – etwa in den U- oder S-Bahnen. Die Prognose berechnet auch eine Fahralternative, wenn der Zug voll ist. Wir werden die Prognose in den nächsten Wochen auch in die RMV-App integrieren.

Wann wird die Maskenpflicht in den Beförderungsbedingungen stehen?

Der Beschluss steht für Mitte November auf der Tagesordnung der Gesellschafter. Wir planen auch noch einmal Aufklärung zum richtigen Maskentragen. Die meisten Menschen ziehen ja mit. Wir haben aber 0,7 Prozent renitente Nicht-Maskenträger, da müssen wir die Polizei holen.

Woran arbeitet der RMV im Moment noch?

Wir wollen die App komplett neu aufstellen. Mitte nächsten Jahres wird man darüber intermodal buchen und zahlen können – vom Leihrad über das Taxi bis zum Carsharing-Auto. Die Auslastungsprognose soll so weiterentwickelt werden, dass man auch erfährt, in welchem Teil der Bahn noch am meisten Platz ist.

Wie entwickelt sich die Pünktlichkeit?

Im Lockdown waren wir im Schnitt bei über 97 Prozent – mit einem Rekord-Wochenwert von 99,8 Prozent auf der S4. Die Engpässe auf der Schiene waren nicht so groß, die Haltezeiten kürzer, weil weniger Menschen unterwegs waren. Im Moment liegt die durchschnittliche Pünktlichkeit im S-Bahn-Netz bei 94,5 Prozent. Das ist sensationell, zum Jahresende waren wir bei 90 Prozent, teilweise sogar schlechter.

Die Finanzen sehen angesichts des Fahrgastschwunds nicht so gut aus. Macht Ihnen das als Geschäftsführer keine Sorgen?

Wir haben uns mit der Politik des Bundes, Landes und den Kommunen früh darauf verständigt, dass wir unser Angebot während des Lockdowns so gut wie möglich aufrechterhalten. Wir sind im April 75 Prozent des Verkehrs gefahren, im Mai sind wir wieder auf 100 Prozent gegangen. Wir halten das für erforderlich, damit die Wirtschaft funktioniert. Auch die Krankenschwester, der Arzt müssen zu ihrem Arbeitsplatz kommen.

Wer kommt für die Einnahmeausfälle auf? Werden die Tickets teurer?

Wir haben die jährliche Fahrpreiserhöhung sogar um ein halbes Jahr auf Juli verschoben. Die Politik hat uns sehr früh signalisiert, die weggefallenen Einnahmen auszugleichen. Bei geplanten Einnahmen von einer Milliarde Euro im Jahr gehen wir im Moment davon aus, dass 25 Prozent fehlen. Das sind rund 250 Millionen Euro. Da der RMV gegenüber anderen Verbünden einen hohen Kostendeckungsgrad hat, trifft uns ein solcher Einnahmeneinbruch besonders hart. Im Juni sagte der Bund einen Rettungsschirm für Deutschlands ÖPNV in Höhe von 2,5 Milliarden Euro zu. Hessen bekommt in der ersten Runde 181 Millionen Euro für 2020. Das wird auch perspektivisch nicht ausreichen. Es gibt aber noch eine zweite Verteilungsrunde nach der tatsächlichen Schadenshöhe zwischen den Ländern.

Hinzu kommt die Unterstützung des Landes.

Hessen hat im Juni im Nachtragshaushalt im Sondervermögen 250 Millionen Euro für den ÖPNV zum Ausgleich der Corona-Schäden bereitgestellt. Die Besonderheit ist, dass es bis zum Jahr 2023 genutzt werden kann. Das ist eine sehr kluge Entscheidung des Landes. Das heißt, dass wir hessischen Verbünde für 2020 die gesamten Schäden ausgeglichen bekommen. Das ist wichtig. Wir haben Leistungen ausgeschrieben und bestellt. Die Margen der Verkehrsunternehmen sind sehr gering. Wenn wir in Zahlungsverzug kämen, wären sie schnell weg vom Markt.

Interview: Jutta Rippegather

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