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Die Forschung ist oft die letzte Hoffnung für viele Krebspatienten. (Symbolbild)

Medizin

Rhön-Konzern übernimmt Partikeltherapiezentrum für Krebsbehandlung

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Nach der Insolvenz geht der Betrieb in Marburg weiter. Rhön hatte den Betrieb der Anlage bei der umstrittenen Privatisierung der Uniklinik zugesagt.

Das Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT) hat einen neuen Betreiber: Der Rhön Konzern hat zum 1. August den insolventen Betrieb übernommen. Die Verantwortung liegt nun komplett in den Händen des privatisierten Uniklinikums Marburg, teilt die Aktiengesellschaft mit. Bereits zum 1. Januar sei MIT in den Konzernverbund integriert worden. Die Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Heidelberg sei bis Juli fortgesetzt worden. Der Betrieb „dieser innovativen Bestrahlungstechnik“ sei nun „fester Bestandteil des onkologischen Behandlungsangebotes der mittelhessischen Universitätsmedizin“. Als eines von deutschlandweit zwei Zentren biete MIT die Möglichkeit, neben einer Protonenbestrahlung auch eine Schwerionenbestrahlung mit Kohlenstoffionen durchzuführen.

Wie Kliniksprecher Frank Steibli der Frankfurter Rundschau am Dienstag versicherte, lief der Betrieb, abgesehen von Wartungspausen, seit der Eröffnung 2015 ununterbrochen. Patientenzahlen konnte er nicht nennen. Im September vergangenen Jahres hieß es, dass seit Inbetriebnahme insgesamt 641 Krebskranke in der Anlage auf dem Klinikgelände bestrahlt wurden. Das hatte sich für die Betreibergesellschaft mit dem Mehrheitseigner Uniklinik Heidelberg (75,1 Prozent) und Rhön (24,9 Prozent) nicht gerechnet. Sie stellte am 12. September 2018 Antrag auf Insolvenz und überraschte damit auch die Landesregierung.

Anlage ist ein Politikum

Partikeltherapie

Die Technik wird bei Tumoren angewandt, die tief im Körper liegen oder wenn das umliegende gesunde Gewebe sehr empfindlich ist. Bei bestimmten Krebsarten im Kindesalter soll sie Langzeitnebenwirkungen einer Therapie vermeiden.

Mit ultrastarken Elektromagneten werden hochenergetische positive Ionen beschleunigt und auf den Tumor gelenkt.

Gesicherte Indikationen sind laut Rhön-Konzern Chordome und Chondrosarkome der Schädelbasis sowie Speicheldrüsentumoren, insbesondere Adenoidzystische Karzinome und Schleimhautmelanome. Vielversprechende Ergebnisse gebe es bei Karzinonemn der Nasennebenhöhle und -haupthöhlen.

Denn die Anlage ist zwar eine Hoffnung für Menschen mit seltenen Krebserkrankungen. Aber auch ein Politikum, steht sie doch in Zusammenhang mit dem umstrittenen Verkauf von 95 Prozent der Klinikanteile an Rhön im Jahr 2006. Die unterschiedlichen Interpretationen des Konsortialvertrags sorgten in den vergangenen Jahren immer wieder für Kritik.

Rhön hatte sich rechtlich verpflichtet, bis Ende 2012 die Anlage mit bis zu 200 Arbeitsplätzen in Betrieb zu nehmen. Der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sprach von einem „Leuchtturmprojekt“. Einer damaligen Pressemitteilung zufolge hatte die Zusage für die Anlage die Entscheidung für Rhön beeinflusst. Die Ernüchterung kam im Juli 2011, als Siemens und Rhön überraschend das Projekt für beendet erklärten: „Im Verlauf der Entwicklungsarbeit haben wir festgestellt, dass wir bei der wirtschaftlichen Umsetzung dieser Technologie in der Breitenversorgung zu ambitioniert waren.“ Die vorhandene Technik werde Siemens nun allein als Forschungs- und Entwicklungsanlage dienen. Der Streit um die Anlage entwickelte sich zum landespolitischen Dauerbrenner. Rhön ließ Fristen verstreichen. Das Land droht damit, die Summe von 103 Millionen Euro auf dem Klageweg einzufordern, Rhön zahlte lediglich das Strafgeld in Höhe von drei Millionen Euro. 2014 leitete das Land eine Klage gegen Rhön ein. Dann kündigte der Konzern an, die Anlage gemeinsam mit der mit dieser Technik vertrauten Universitätsklinik Heidelberg betreiben zu wollen. 2015 begann der Betrieb. Die Zahl von 200 Mitarbeitern wurde jedoch nie erreicht. 38 Leute arbeiteten dort, als der Insolvenzantrag gestellt wurde. Wie viele es aktuell sind, konnte Steibli nicht sagen.

Jan Schalauske von der Linksfraktion forderte die schwarz-grüne Koalition auf, den Betrieb der Anlage jetzt dauerhaft zu sichern. „Sie darf diese Frage nicht allein der Rhön AG überlassen.“ Auch bestünden an der Uniklinik zahlreiche andere Probleme weiter: „Dazu gehören zu wenig Pflegepersonal, immense Arbeitsbelastung, Überstundenberge und teils niedrigere Löhne als in öffentlichen Kliniken.“ Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) begrüßte, dass der Betrieb der Ionentherapieanlage sichergestellt sei. Positiv hob sie hervor, dass es dem Klinikbetreiber gelungen sei, entsprechende Versorgungverträge mit den Krankenkassen abzuschließen.

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