+
Wie sich das Boden-Leben auf einer einstigen Mülldeponie entwickelt, wird am Monte Scherbelino im Frankfurter Stadtwald erforscht. 

Bodenschutz

Rhein-Main: Kampf um den wichtigsten Lebensraum

  • schließen

Der Boden unter unseren Füßen ist durch Versiegelung bedroht – ohne ihn stehen wir dumm da. Viele Leute machen sich deshalb für ihn stark, besonders in der Wetterau.

Der Regenwurm. Jahrtausende, eher Jahrmillionen hat es gedauert, den Boden für ihn zu bereiten. Die Erdkruste musste von den Elementen zermürbt, das Gestein langsam von Wasser, Wind und Wetter zermahlen werden, bis die äußere Schicht des Planeten so weit war, dass Würmer einziehen konnten. Aber nicht nur sie.

„Der Boden lebt!“, sagt Matthias Peter vom Ingenieurbüro Schnittstelle Boden in Ober-Mörlen, Sachverständiger für Bodenkunde und Bodenschutz: „Wenn man es genau nimmt, stehen wir, wenn wir mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, auf einem Schwamm.“ Und der bietet vielen Lebewesen durch seinen besonderen Aufbau einen Lebensraum.

Schnecken, Spinnen, Asseln, der eine oder andere Maulwurf, eine Wühlmausfamilie – mehr als 1,5 Billionen Lebewesen haben Forscher in einer Schubkarre voll Erde, einem knappen halben Kubikmeter der obersten Schicht, ausgemacht. Natürlich nicht einzeln gezählt, sonst würden sie in hundert Jahren noch dasitzen, sondern geschätzt. Dazu gehören Milben, Larven, Fadenwürmer und vor allem: unzählige Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze. Und genau um die geht es.

Die fleißigen Bodenorganismen sind es, die im Prinzip alles auf der Welt zusammenhalten. Sie speichern Kohlendioxid, das sonst unser Klima schon viel früher gekillt hätte, und sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass wir nicht verhungern. Ohne sie würde auf unseren Äckern nichts wachsen. Ohne sie gäbe es kein Essen für Menschen und auch keins für Tiere.

Gründe genug, jedes Jahr den Boden zu feiern. Der 5. Dezember ist seit 2002 traditionell der Welttag des Bodens. An diesem Tag wird auch der „Boden des Jahres“ fürs folgende Jahr bekanntgegeben. 2019 war es der sogenannte Kippenboden, der durchaus auch in stark von Rauchern frequentierten Frankfurter Parks liegen könnte – aber es geht natürlich um etwas anderes: den Grund, der in Bergbaugebieten aus verkipptem Abraum entsteht.

Den haben wir in Rhein-Main eher nicht. Effekte der Wiederbesiedlung lassen sich aber beispielsweise am Alten Flugplatz in den Frankfurter Stadtteilen Bonames und Kalbach feststellen, wo die Betonlandschaft des einstigen Hubschrauber-Airports aufgebrochen und in verschiedenen Strukturen liegengelassen wurde: fein- und grobgemahlen oder als große Schollen. Tiere und Pflanzen siedelten sich wieder an. Wie das Leben auf einer früheren Müllkippe wieder Dynamik aufnimmt, untersuchen Wissenschaftler am Monte Scherbelino im Stadtwald.

WELTBODENTAG
Seit 2002 ist der 5. Dezember jährlich der Weltbodentag (World Soil Day), ausgerufen von der Internationalen Bodenkundlichen Union. Er soll den immensen Wert der natürlichen Ressource Boden klarmachen – und für ihren Schutz werben.

Ein „Boden des Jahres“ wird aus Anlass dieses Tages in jedem Jahr am 5. Dezember ausgerufen. Bisher waren das unter anderem Schwarzerde (2005), Stadtböden (2010), Weinbergs- (2014), Grundwasser- (2016), Felshumus- (2018) und Kippboden (2019.). Veranstaltungen zum Bodentag sind heute in Rhein-Main nicht geplant. 

Unser Boden verträgt viel – Feuer, Hitze, Eiseskälte –, nur die Versiegelung für Häuser und Straßen verträgt er nicht. „Was unter Beton und Asphalt stirbt, das ist der vielfältigste Lebensraum der Erde“, schreibt der in Frankfurt geborene Florian Schwinn, Autor des Buches „Rettet den Boden! Warum wir um das Leben unter unseren Füßen kämpfen müssen“.

Gekämpft wird beispielsweise rund um den geplanten neuen Frankfurter Stadtteil im Nordwesten, gekämpft wird besonders in der Wetterau, wo der Handelskonzern Rewe ein riesiges Logistikzentrum auf Ackerboden bauen will: 600 Meter lang, 170 Meter breit. Ein Aktionsbündnis und die Gemeinde Echzell gehen juristisch dagegen vor. Für die Initiative „Bürger für Boden“ wäre der Bau ein „Dammbruch im Raubbau an den fruchtbaren Böden der Wetterau“.

„Die ganze Diskussion um Artenschutz und Biodiversität hört da auf, wo der Boden weg ist“, sagt die Biologin Renate Grolig von der Bürgerinitiative. Und: „Das gesamte Konzept, hier in der Wetterau so eine riesige Logistik zu bauen und die Infrastruktur dazu – das scheint uns eine merkwürdige Idee zu sein.“ Erstens wachse die Bevölkerung nicht in dem Maße, außerdem fehlten Zahlen, die den wirtschaftlichen Sinn belegen, auch für die Stadt Wölfersheim, die dem Projekt zustimmte. „Wir wollen dem Vorhaben einen Riegel vorschieben und die Klagen unterstützen“, sagt Renate Grolig. „Unser Boden ist nämlich unglaublich gut.“

Üblicherweise sind durch Straßen-, Häuser- oder Hallenbau versiegelte Böden auf Jahrhunderte verdorben – „biologisch nahezu tot“, schildern die Mitglieder des „Bundesbündnisses Bodenschutz“. Zu ihnen zählen regionale und bundesweite Organisationen wie Nabu und BUND, die erwähnten „Bürger für Boden“ und der Frankfurter Verein Bionales, Träger unter anderem des hiesigen Ernährungsrats.

„Der Verlust von immer mehr guten landwirtschaftlichen Böden in der Region zerstört unsere Kulturlandschaft und verhindert die angestrebte Ernährungswende“, sagt Karl Moch, Sprecher des Bionales-Arbeitskreises Bodenschutz. Der Verein freut sich über neue Mitglieder, die in einem der verschiedenen Arbeitskreise mitarbeiten wollen (buerger-fuer-regionale-landwirtschaft.de).

Gemeinsam appelliert das Bündnis an die Verantwortlichen, „endlich nachhaltig und verantwortungsbewusst zu handeln“, wenn es etwa um neue Gewerbe- und Baugebiete geht. Mehr als 60 Hektar – das sind 90 Fußballfelder – würden täglich in Deutschland überbaut, kritisieren die Engagierten. Es sei Zeit, den „unsäglichen Flächenverbrauch“ zu stoppen: „Statt fruchtbare Böden zu versiegeln, gilt es, die Innenentwicklung zu fördern“, erklärt das Bundesbündnis. Die Zerstörung wertvoller Ackerböden und Grünflächen müsse ein Ende haben. „Unsere Erde ist endlich; wir brauchen sie.“

Und zwar nicht nur, weil wir ohne Boden einfach in den Weltraum fallen würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare