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Auch viele Beschäftigte am Flughafen suchen derzeit Hilfe bei der Schuldnerberatung.
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Auch viele Beschäftigte am Flughafen suchen derzeit Hilfe bei der Schuldnerberatung.

Schuldenberatung

Die Krux mit den Krediten

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Schuldnerberaterin der Verbraucherzentrale sieht bei fianziellen Schieflagen der Verbraucher „die Ruhe vor dem Sturm“ Zu viel Leichtsinn bei zinsgünstigen Krediten.

Marion Schmidt hat derzeit mit vielen Menschen zu tun, die sie vor der Corona-Krise noch nicht kannte. „Wir haben bei bestimmten Personengruppen einen Zulauf“, sagt die Schuldnerberaterin der Verbraucherzentrale Hessen. Darunter sei zum Beispiel die Berufsgruppe der Pilot:innen. „Es gibt Piloten, die haben ihre Ausbildung abgeschlossen, einen Riesenkredit an der Backe und finden jetzt keine Stelle“, sagt Schmidt. Aber auch aus dem „Mittelstand“ gebe es „Zulauf von Leuten, die eigentlich gut Geld verdienen, aber jetzt ihre Baukredite nicht bedienen können“.

Im ersten Lockdown hatte es von April bis Juni ein Kreditmoratorium gegeben, das danach auslief. „Für mich völlig unverständlich“, sagt die studierte Juristin. Im vergangenen Frühjahr mussten die Banken stillhalten, jetzt aber seien sie unerbittlich, erfährt Schmidt aus ihren Beratungen. „Die Banken verweisen auf den Aufschub, den es schon gab und sagen jetzt: ‚Komm mal mit der Rate bei‘.“

Mit Verbraucherkrediten sei das generell so eine Sache. „Viele sind wegen des niedrigen Zinssatzes unvorsichtig bei der Kreditaufnahme“, findet Schmidt. In den Sprechstunden trifft sie daher auf Menschen aus allen Bereichen. Student:innen, die verzweifelt einen Job suchen, haben genauso finanzielle Probleme wie Mitarbeiter:innen von Fraport oder der Messe, die seit Monaten in Kurzarbeit sind.

Ein bei der Schuldnerberatung erstellter Haushaltsplan soll beim Sparen helfen.

Auch Rentner:innen, die ohne ihren bisherigen Nebenverdienst nicht klarkommen, suchen die Hilfe der Verbraucherberatung. Überhaupt habe die Zahl der älteren Menschen, die in finanzielle Schieflagen geraten sind, auch unabhängig von der Pandemie deutlich zugenommen. „Als ich 1998 angefangen habe, lag der Anteil der über 60-Jährigen bei drei Prozent, jetzt bei 38“, verdeutlicht Schmidt.

Coronabedingt seien nicht zuletzt auch Menschen aus der Hotellerie und der Gastronomie bei ihr vorstellig geworden. „Ich habe einen Restaurantmanager aus Frankfurt, der ist im vergangenen Jahr zweimal entlassen worden.“ Einmal im April im ersten Lockdown, dann noch mal im September.

Schmidt versucht zu helfen, wo es geht. Was kann umgeschichtet, was eingespart werden, wo kann vielleicht die Familie unter die Arme greifen? Ein Mühlstein ist für viele die hohe Miete, die insbesondere in Frankfurt gezahlt werden muss. „Ich hatte jetzt einen Schuldner hier, der zahlt 680 Euro für eine Einzimmerwohnung.“ Wer Arbeitslosengeld II bezieht, für den übernimmt das Jobcenter einen Großteil der Miete; in der Beziehung sei vor allem das Jobcenter in Frankfurt großzügiger als die Behörden im Umland.

Schmidt erinnert die Schuldner:innen auch daran, dass sie Wohngeld beantragen können. Davon wurde zuletzt fleißig Gebrauch gemacht: Im Dezember 2020 gingen beim Amt für Wohnungswesen 1093 Anträge auf Wohngeld ein und damit mehr als doppelt so viele wie im Dezember 2019 (461). Im gesamten Jahr 2020 baten 13 341 Frankfurter:innen um Unterstützung bei der Miete (2019: 9195).

Die Unterlagen gemeinsam zu sichten, hilft auch Schuldner:innen mit Sprachbarriere.

Bei der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale blieb der ganz große Andrang Schmidt zufolge bislang aus. Derzeit gebe es aufgrund der strikten Kontaktbeschränkungen allerdings auch keine Face-to-Face-Beratung, sondern nur Hilfestellung via Telefon oder Internet. „Damit fallen alle durchs Raster, die sich sprachlich nicht ausdrücken können“, gibt Schmidt zu bedenken. Wer etwa kein oder nur schlecht Deutsch verstehe, habe ihr bei einer persönlichen Beratung nur die betreffenden Unterlagen auf den Tisch legen müssen. „Ein großes Problem ist auch, dass ich am Telefon nicht sehen kann, ob der Schuldner versteht, was ich ihm erkläre.“ Auch ältere Menschen hätten ihre Probleme, Sachverhalte am Telefon oder via Internet zu erläutern.

Trotzdem hätte die erfahrene Beraterin mit mehr Andrang gerechnet, fürchtet allerdings: „Das ist die Ruhe vor dem Sturm.“ Denn in vielen Bereichen werde derzeit durch staatliche Subventionen „das Elend am Leben erhalten“. Auch Vermieter:innen hielten noch die Füße still. „Wer will schon während der Pandemie eine Wohnung neu vermieten und persönlichen Kontakt mit Interessenten haben?“ Gut möglich, dass die Schuldnerberaterin nach der Pandemie mit noch mehr Menschen zu tun hat, von denen sie es jetzt noch nicht glaubt.

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