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Regisseur Luk Perceval sitzt dort, wo bald 15000 Liter Wasser über die Bühne strömen.

Frankfurt

Requiem des Überlebens

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Der belgische Regisseur Luk Perceval, der lang am Thalia-Theater Hamburg arbeitete, inszeniert das erste Mal in Frankfurt. Im Gespräch mit der FR spricht er über das neue Stück „Mut und Gnade“.

Wissen Sie, dass Sie einen Knoten in der linken Brust haben? Im unteren Quadranten.“ „Bämm, ein Schlag in die Magengrube“, sagt Regisseur Luk Perceval. So lauten die ersten Sätze in dem Stück „Mut und Gnade“, das am Wochenende Premiere im Bockenheimer Depot in Frankfurt feiert. Vier Männer sitzen auf der Bühne, sie eint die Krebserkrankung ihrer Ehefrauen. Perceval mag es direkt und unumwunden. Und so entspinnt sich das Stück, als Kampf an den Grenzen von Leben und Tod.

Die Geschichte, die Perceval als Inspiration dient, ist die von Ken Wilber: Der amerikanische Theoretiker zur transpersonalen Psychologie, lernt erst spät seine große Liebe kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, die jedoch schon bald auf dem Prüfstand steht, als seine Frau Treya noch vor den Flitterwochen von ihrer Krebserkrankung erfährt. Es folgen fünf gemeinsame Jahre als Kampf ums Überleben. „David gegen Goliath“, sagt Perceval. Wilbers Buch, das er nach Treyas Tod veröffentlicht hat, besteht aus Tagebucheinträgen der beiden.

„Auf der Bühne stehen vier Paare. Die Summe ihrer Erlebnisse setzt sich als Mosaik zusammen“, sagt Perceval. „Die Namen, der Ort und die Zeit spielen im Stück keine Rolle. Die Szenen könnten von einem Paar sein, aber auch von Tausend anderen.“

Charakteristisch für Perceval ist nur seine Direktheit, sondern auch die Körperlichkeit seiner Stücke. In „Mut und Gnade“ verschwimmen die Grenzen zwischen Schauspiel, Tanz und Musik. „Das Stück bewegt sich zwischen zwei Extremen: zwischen der Geschwindigkeit unserer Zeit, der Wut, der Aggression und zwischen der Langsamkeit des Schicksals, der Sprachlosigkeit“, sagt Perceval. Der Katalysator: Wasser. Die ganze Bühne ist mit Wasser geflutet. Ein Element, das häufig in Percevals Stücken vorkommt. „Wasser ist für mich Bereinigung“, sagt er. Das Stück wird so zu einem Requiem auf die Urkraft des (Über-)Lebens.

Der gebürtige Belgier sitzt in einem Pausenraum, beantwortet sehr ruhig und besonnen die Fragen. Gleich gehen die Proben weiter, während die meisten in Frankfurt schon längst im Feierabend sind. Wie es ihm dabei geht, sich im Moment tagtäglich mit einer so schweren Krankheit auseinanderzusetzen? „Puh, eine schwierige Frage an einen Regisseur“, sagt er und überlegt. „Ich will ja die Emotionen des Stücks möglichst tief spüren. Es fühlt sich so an, als hätte ich zu einem Boxer gesagt: ‚Na los, dann mach doch, schlag mich, los!‘ Er hat zugeschlagen: voll in die Fresse. Und zugleich habe ich als Regisseur gerade jetzt so kurz vor der Premiere noch unzählige technische und logistische Probleme zu lösen. Beides steht im Konflikt zueinander.“

Und damit könnte er beinahe der fünfte Mann auf der Bühne sein. Denn auch die vier Männer schwanken zwischen emotionalen Momenten mit den Ehefrauen und Problemen etwa mit der Krankenkasse.

Für Perceval ist „Mut und Gnade“ eine Geschichte, die erzählt werden muss: „Einer von drei hat im Laufe seines Lebens Krebs. Ich selbst habe in den vergangenen fünf Jahren drei gute Freunde an Krebs verloren, mein Vater ist elendig dahingesiecht. Ich habe erlebt, wie die Krankheit einsam macht, wie Kranke marginalisiert werden.“ Die Suche nach Antworten, die es aber nicht gibt, erinnert ihn an die griechische Tragödie. Das Stück wird für ihn damit zu einer Art modernen griechischen Tragödie.

„Zudem fasziniert mich die Phase der Bewusstseinsveränderung beim Sterben unglaublich. Eine gute Freundin von mir hat auf dem Sterbebett gestrahlt wie ein Kind.“ Während die Ehefrauen im Stück die Angst vor dem Sterben hinter sich lassen können und so etwas wie Erleuchtung erfahren, bleiben die verkopften Männer hilflos zurück.

Das Stück hat er bereits dem Thalia-Theater Hamburg, an dem er bis 2017/18 als Leitender Regisseur tätig war, vorgeschlagen. „Die Reaktion war ich schon gewohnt: ‚Um Himmels Willen, doch nichts mit Krebs!‘“ Als er vom Schauspiel Frankfurt für eine Produktion im Bockenheimer Depot angefragt wurde und „Mut und Gnade“ vorschlug, sagte Chefdramaturgin Marion Tiedtke sofort ja. „Das hat mich nicht überrascht, es ist ein Stück, das erzählt werden muss. Die Zuschauer sollen Lust bekommen, zu leben und zu lieben.“

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